Von Thorsten Dörting und Boris Kaiser
Wer in den Achtzigern aufgewachsen ist und nicht auf einer Waldorfschule von Plastik-Perversionen abgeschirmt wurde, wird die grässlichste Spielzeugburg, die je ein Kinderzimmer verschandelt hat, nie vergessen: Castle Grayskull. Die rund 40 Zentimeter hohe Festung galt als Machtzentrum von Eternia, der Heimat von He-Man, einem blonden Pin-Up-Boy für Steroidsüchtige aus der Actionfiguren-Reihe "Masters Of The Universe". Das Mauerwerk von Grayskull schimmerte wie giftgrüne Alien-Kotze, die Frontfassade war wie ein Schädel modelliert und dessen mit Fangzähnen bewehrtes Maul diente als Eingangstor - eine Shock-and-Awe-Optik, die Feinde oder Neugierige abschrecken sollte, Muttis inklusive.
Was das Gesülze soll? Berechtigte Frage. Das nostalgische Abtauchen in die Produkt- und TV-Wellnessbäder unserer Kindheit ist ekelhaft und strukturkonservativ - aber in der Fast-noch-quasi-Weihnachtszeit ausnahmsweise erlaubt. Und in diesem Fall unvermeidbar. Denn das Box-Set "The Complete Early Years" von Motörhead kommt in einem Plastikbehälter daher, der Castle Grayskull frappierend ähnelt. Der 32-Zentimeter-Kasten ist im Unterschied zur He-Man-Burg jedoch schwarz, und der Schädel ist nicht nur irgendein Schädel, sondern der Keiler-Köter-Kopp von Snaggletooth, dem Maskottchen des britischen Rock 'n' Roll-Zirkuspanzers unter der Leitung von Ian "Lemmy" Kilmister. Und mehr noch: Die Snaggletooth-Box hat Augen. Und die können dank Batterieversorgung leuchten. Rot. Der Begriff "Wertigkeit", den gewiefte Boxsetsammlerspießer ja mit derselben Kleingeistigkeit aussprechen wie Opa früher "Bundeswertpapiere", bekommt so einen herrlich trashigen Unterton.
Und was ist drin im Box-Kopf? Acht Alben und sieben Singles aus der Frühphase der Band bis 1984, alle als (Mini-)CDs, das 1983 bei einem anderen Label erschienene Live-Album "What's Words Worth?" fehlt. Allzu viele Worte zu verlieren über Platten wie "Bomber", "Overkill", "No Sleep "till Hammersmith" oder "Ace of Spades", mit dem Titelstück als Trademark-Hymne der Truppe, wäre müßig. Was Motörhead laut, dreckig, groß und gewichtig macht, ist hier im Angebot: Prototypische Thrash-Songs, Lemmys Stimmbänder from Outer Space, das ewig geile, räudige Rock 'n' Roll-Gerumpel usw.usf.
Den Discs beigelegt ist noch eine Vinyl-Single ("Leaving Here"/ "White Line Fever"), ein unspektakuläres Fotobüchlein mit Bildern von P.G. Brunelli im Taschenbuchformat sowie der "Illustrated Collector's Guide", ein Nachschlagewerk, das auf 396 Seiten ausbreitet, was an Motörhead-Ware so auf dem Markt kursiert: obskure Bootlegs und seltene 7-Inches, Promo-, Flexi- und Picture-Discs in allen Farben und Geschmacksrichtungen, Lemmy als Lego-Figur. Die Abermillionen Band-Shirt-Motive fehlen nachvollziehbarerweise, dafür gibt's einen Autograph-Checker: Gedruckte Unterschriften der (Ex-)Motörhead-Mitglieder, um Schwindlern mit gefälschter Autogramm-Ware auf die Schliche zu kommen. Oder um ihnen Übungsmaterial zur Verfügung zu stellen?
Wer wahrer Lemmy-Liebhaber ist, dürfte mit diesem Nerd-Katalog ein paar Stunden trauter Einsamkeit verbringen - falls er ihn nicht ohnehin schon besitzt. Und dieser Einwand gilt ja dann erst recht für die Musik: einige Hunnis für Standards im Digitalformat? Sicher, Castle Snaggletooth im Regal stehen zu haben, ist schon eine Schau, und wenn Mutti zu Besuch kommt und das Teil entdeckt, weint sie bestimmt, so schnell erwachsen bist du geworden, Junge. Ob diese Tränen nicht doch ein bisschen zu teuer erkauft sind, muss wohl jeder selbst wissen (P.S.: Lemmy selbst rät natürlich vom Erwerb ab - aus Kostengründen und weil er eh im Dauerclinch mit seinem Ex-Label liegt).
Weniger lustig, aber eleganter und preiswertiger kommt eine neue Black-Sabbath-Box daher, was schon allein darin liegt, dass sie nur Vinyl enthält, was ja per se Menschen ohne Geschmack und/ oder mit Wohnungen in Schuhkarton-Größe ausschließt, die Musik nur in elektronischer Form zu sich nehmen, haha, wie fies. "The Vinyl Collection, 1970 - 1978" enthält: "Black Sabbath", "Paranoid", "Master Of Reality", "Volume 4", "Sabbath Bloody Sabbath", "Sabotage", "Technical Ecstasy", "Never Say Die" sowie "Live At Last".
Das sind Werke, die noch unentbehrlicher sind, als die im Schatz-Schädel von Motörhead; ein Urteil, über das man trefflich streiten kann, aber sicher nicht mit mir. Der musikhistorischen Bedeutung entspricht die Möglichkeit per Download-Code auf die Box-Songs digital zuzugreifen. Einsteigern ermöglicht dieser Service, auf dem Dienst-iPhone noch schnell "Paranoid" oder "Iron Man" zu hören, bevor es ab ins nächste Vernichtungsmeeting mit den Kollegenschweinen geht. Und der umsichtige Investor hält die digitale Bereitstellung eh für unabdingbar. Wer will sich schon seine - hoffentlich stetig wachsenden! - Vermögenswerte versauen, indem er eine Boxset-Platte tatsächlich einmal auflegt?
Für Investoren ungeeignet, aber für Bildungshungrige sehr brauchbar und dabei im Vergleich spottbillig ist "Heavy Metal Thunder - The Movie", zwei DVDs voll mit Saxon, einmal live und einmal mit der Geschichte der Band rauf und runter und wieder rauf, knapp vier Stunden Gesamtlänge, unterhaltsam, informativ - und dank Sonnengemüt Biff Byford stimmungsaufhellend.
Wie Rock Science funktioniert, ist übrigens keine Rocket Science, wie unlustig war der denn bitte? Wir haben trotzdem ein paar Fragen aus dem Spiel übernommen, leicht angepasst und ein kleines Online-Quiz gebastelt. Zum Ausprobieren und hier spielen. Zu gewinnen gibt's nichts, lohnt sich aber, macht nämlich Spaß.
Also: bitte klicken, hier geht's zum Rock-Science-Test-Quiz!
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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