Neues Jahr, neues Glück? Nee, brauchen wir nicht, haben wir schon. Der "Amtlich"-Januar beschert uns Pattex-Metal von Alpha Tiger sowie Musik von Maschinenmenschen, die Cult Of Luna heißen. Und als Nachschlag zum Fest: Boxen mit Motörhead und Black Sabbath.
Liebe "Amtlich"-Freunde und -Hasser,
ein frohes neues.
Und keine Bange, wird schon gut, das Jahr.
Wofür wir gleich vier Indizien haben.
1. Wir haben diese Januar-Kolumne tatsächlich am ersten Donnerstag des Monats "live" gestellt, wie man hier so sagt - also zum regulären Termin. Zeichen. Wunder.
2. Dieses Mal gibt's Reviews von Alpha Tiger und Cult Of Luna. Dazu Tipps, wie man das Weihnachtsgeld von Omma sinn- und gewinnbringend anlegt (oder auch nicht). Siehe: Motörhead, Black Sabbath, Saxon und Rock Science.
3. Am 11. Januar streamen wir - wie letzten Monat angekündigt - in einer zweiten "Amtlich"-Ausgabe exklusiv, vorab und komplett "Target Earth", das neue Album von Voivod. Und damit die Kanadier sich dann nicht so allein fühlen, gesellen sich Reviews zu Ancient Vvisdom sowie Audrey Horne dazu.
4. Ebenfalls in der Ausgabe vom 11. Januar küren wir die Gewinner unserer kleinen Vorweihnachts-Verlosung. Wir hatten ja jeden "Amtlich"-Leser dazu ermuntert, auf maximal 140 Zeichen zu begründen, warum sie/ er ein Paket mit Sammlerstücken von Ván-Records-Bands verdient hat. Sagen wir mal so: Dolles Feedback, kein Witz. Ein Best-of-Auswahl gibt's also obendrauf.
Bis denne.
Cult Of Luna - "Vertikal"
(Indie Recordings/ Edel, erscheint am 25. Januar)
Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.
Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knieen um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.
Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.
Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.
Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.
So. Zur Poesie später mehr. Erst mal zur Gastronomie.
Wer kennt und liebt sie nicht, die typisch oberamtliche Familienfeier im DIN-genormten Landgasthof zur Eiche/ Buche/ Post/ Hölle? Zum Abschluss eines Menüs bestehend aus Hühnersuppe mit Eierstich, Schweinemedaillons in Pfefferrahmsauce und "Birne Helene" wird da häufig noch ein besonderes Knallbonbon serviert, bevor die versammelte Verwandtschaft endgültig in einem Rausch aus Bier (<49 Jahre) und Betablockern (>50 Jahre) versinkt: Man trägt Gedichte über den Gastgeber vor. Was bedeutet: Ein, zwei, vielleicht auch mal drei Gäste, die dem Geburtstagskind/ der Braut/ dem Bräutigam nahe stehen, verlesen ein paar in Heimarbeit zusammengestümperte Reime, die, meist mit einem Augenzwinkern, das Leben des Gefeierten Paroli passieren lassen (Oh Horst, ich verneige mich ewiglich vor Dir).
Im sehr seltenen Idealfall gerät das ganze Gereime zur Riesengaudi, etwa wenn Cousine Susanne, 26, ihren Freund "Peter vonner Volksbank" heiratet, um in die Satteldacheigenheimphase ihres mit der Vermählung de facto beendeten Lebens einzutreten. Tja, und was passiert dann auf der Hochzeitsfeier? Am schönsten Tag ihres Lebens? Stempelt die eigene Mutti die arme Susanne - unfreiwillig und zu unrecht - mit ein paar missglückten Versen zur Dorfschlampe ab ("Schon als 14-jährige Amazone mit kerzengeradem Rücken/ tat sie mit ihrer Reitkunst jeden Hengst entzücken"). Oder nehmen wir Onkel Dieter, der seinen 60. begeht und von seinen zwei Brüdern - unfreiwillig und zu recht - als notorischer Frauenverprügler geoutet wird ("Und so wünschen wir Dir herzlichst zum Wiegenfeste/ Hals- und Beinbruch in der Liebe und auch sonst das Allerbeste/ Dank deines guten Schlags bei Frauen/ ist Dir ollem Schuft ja alles zuzutrauen").
Solche Glücksfälle sind leider selten. Wer sichergehen und bei einem Familienfest mit Lyrik miese Laune verbreiten will, sollte vorbauen - und ein geeignetes Gedicht auswendig lernen. Versuchen Sie's mal mit Georg Heym statt mit Eigenreim (siehe da oben "Gott der Stadt"). Wenn man Heyms Zeilen laut vorliest, fließen sie mit beängstigender und bedrohlicher Unaufhaltsamtkeit dahin wie das Blut eines bajonettierten Hämophilie-Patienten, die Sprachmelodie verströmt eine hinreißend morbide Schönheit, hinter jedem Wort lauert Weltschmerz, hinter jedem Komma kauern traurige Wut und zornige Furcht, weswegen ich auch immer mal wieder zu Heym greife, oder zu Trakl, wenn ich mal gar nicht mehr mag, auch der ja übrigens ein Expressionist mit typischen Expressionisten-Themen, Verfall, Schiss vorm Ersten Weltkrieg und zugleich Bock drauf, vergammelnde Blumen, Tod und so. Andere Menschen bevorzugen bei solchen Themenlagen bewegte Bilder (= Film), die eine vergleichbare Wucht entfalten, die von Fritz Lang zum Beispiel, der das Leiden am Großstadt-Moloch der Moderne, an der Maschinenwelt und am kapitalistischen Klassenkrieg mit "Metropolis" auf die Leinwand bannte.
Womit wir im schwedischen Umeå angekommen wären, das mit seinen knapp 80.000 Einwohnern zwar hinsichtlich großstädtischer Verderbtheit und Fäulnis nicht mit Berlin mithalten kann, das aber als offizielle Basis einer Band gilt, die sich laut eigener Aussage für ihr sechstes Album "Vertikal" - Achtung, jetzt aufgepasst! - von Fritz Langs "Metropolis" inspirieren ließ. Cult Of Luna machen so etwas wie Post-Metal, ab und an fällt sogar der Begriff "artsy". Wir verweisen hier jetzt mal auf gleich zwei Drummer in Diensten der Band und zudem auf Isis und Neurosis zur (ganz groben) Orientierung. Die Songs verzichten also auf so etwas wie Refrains, sie wachsen allmählich und vergehen genau so, und das dauert oft lang. Das klingt in Verbindung mit der "Metropolis"-Ansage der Band natürlich nach prätentiöser Studenten-Sülze (zumal sich seit der Giganto-Videoclip-"Metropolis"-Version von Disco-Großväterchen Giorgio Moroder kein Musiker mehr an diesen Stoff wagen sollte, verbrannteerdesachichnur). Und sogar noch prätentiös studentensülziger klingt die "Metropolis"-Ansage von Cult Of Luna, wenn man ein Interview mit Johannes Persson liest, einem Achtel (ja!) der Band, der betont: Wir haben uns nicht am Inhalt von "Metropolis" orientiert, sondern an der Ästhetik.
Aber wir sollten ja eigentlich nicht Herr Persson lesen, sondern seiner Musik zuhören.
Also, Frage: Was heißt der "Metropolis"-Schmonz jetzt konkret?
Antwort: Fast nur Gutes.
Denn wer zum Beispiel wissen will - und wer will das nicht? - welchen Schmerz Zahnräder in einer Konservenfabrik ertragen, wenn sie ineinander greifen und sich aneinander reiben müssen, Sekunde um Sekunde, Tag für Tag, und wer erahnen möchte, welch sadistische Freude eine Fräsmaschine dabei empfinden könnte, wenn sie in ihr Opfermetall eindringt, noch einmal und noch einmal und noch einmal, der ist hier richtig. "Vertikal" könnte unbarmherziger kaum sein, das Album ist ein Menschmaschinenmonster, dem die Schweden simuliertes Leben einprogrammiert haben, eine technisch festgelegte Gefühlsroutine, die mit der Präzison eines Uhrwerks vor unseren Ohren abgespult wird, in einem "immer wieder"-Modus mit Emotionsvarianten wie Wut, (Selbst-)Hass, Verzweiflung und Trauer, die aber nur umso mehr überwältigen, weil sie derart auf einen namenlosen Kern reduziert sind, so dass sie fast austauschbar klingen. Und egal ob schwach oder hart, schnell oder langsam - alle Herzschläge des Maschinenmenschen-Ungetüms sind Hammerschläge, über die sich ein Gesang erhebt, der nicht mehr ist, als das Kreischen eines überlasteten Getriebes.
Ja, liebe Freunde der überstrapazierten Mechanik-Metapher, das versteht Ihr richtig, diese Musik ist oft brutal, so wie in "I: The Weapon" und "Synchronicity" zum Beispiel. Aber in diese upgedatete "Metropolis"-Welt hier gehören eben auch die verzagten Neon-Leuchten, die wie schrecklich vereinsamte neurotische Menschen sind, immer strahlen sie viel zu grell, und auch die riesigen Lagerhäuser an den tristen Rändern der Industriebrachen, in deren schwarz gähnende, viel zu große Herzspeicherkammern man hier schauen kann, in sachte pochenden "Passing Through" etwa. Wobei der größte Einwand gegen dieses Album wohl ist, dass es am ehesten an solchen stillen Stellen schwächelt, ein langer Atem bekommt halt nicht immer gut.
Aber das alles ist aus einem einzigen Grund egal: "Vicarious Redemption". 18:50 Minuten lang, das vermutlich entsetzlichste, erhabenste und bei aller Gewalt zärtlichste Ungetüm, vor dem wir dieses Jahr erzittern werden. (Gesamtwertung: 8,5) Thorsten Dörting
Anspruch: Wie gesagt: "Metropolis" und so, die Jungs drehen halt am ganz großen Kunstrad. Oder sie verarschen uns alle. Denn als das kaum weniger gute Vorgängerwerk "Eternal Kingdom" (2008) erschien, erzählte die Band eine schaurig schöne Geschichte über das Konzept des Albums: Man habe sich für die Aufnahmen in die Natur zurückgezogen. Und landete, wie sich bald herausstellen sollte, an einem Ort, an dem vor langer Zeit mal eine Psychiatrische Anstalt gestanden hatte. Bei ihren neugierigen Erkundungen stießen die Musiker dann auf Überreste aus diesen Tagen: alte medizinische Apparate, wissenschaftliche Journale - und auf das Tagebuch eines gewissen Holger Nilsson. Der Mann, so ergab die Lektüre seiner Aufzeichnungen, war als Patient in der Anstalt gelandet, weil er seine Frau ertränkt hatte - und war nun vor seinen Schuldgefühlen in eine von seltsamen Wesen bevölkerte Wahnwelt geflüchtet, die er für seine eigene Untat verantwortlich machen konnte. Seine Notizen beschrieben diese Welt. Und "Eternal Kingdom" vertonte diese Welt. Cool? Nein, eine Lüge. Ein Spiel mit Musikjournalisten, die jeden Müll fressen. Und auch diesen fraßen. (9)
Artwork: "Scheiße. Die Scheibenwischerblätter sind doch gerade neu?!" (5,5)
Aussehen: Acht modische Kurzhaarschnitte mit ordentlich Studentensülze drin, damit die Frise auch sitzt. (6,5)
Aussagen: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Aber ein falsches Leben im falschen gibt's leider auch nicht. Was blöd ist. (8) Thorsten Dörting
Alpha Tiger - Pattex-Metal für Ausflugsdampfer
Alpha Tiger - "Beneath The Surface"Seitdem RTL "Mosh" eingestellt hat und mein "Cliff 'Em All"-VHS-Tape mehr leiert als lärmt, gucke ich zur Zerstreuung und weil die Ischen ziemlich heiß sind (Lara Joy Körner, Marion Kracht, Siegfried Rauch) bevorzugt "Das Traumschiff". Bei der letzten Folge, ausgestrahlt an Neujahr, als ich mit einem überraschend ausgeprägten Kleiner-Klopfer-Kater auf meiner Chaiselongue lümmelte, fragte ich mich nicht nur ständig, warum Heinz Hoenig so schwitzt (eigenhändig alle Balkonpflanzen an Bord geschleppt?), sondern vor allem, was wohl passierte, schriebe Yann Martel ("Life Of Pi") einmal das Drehbuch für eine Folge meiner Lieblingssendung.
Ließe der Kanadier auch die MS Deutschland leckschlagen? Müsste Chef-Stewardess Beatrice mit Dr. Sander ins Dingi und ihn mit handgefangenen Fischen füttern, bis er freiwillig ins Wasser geht? Oder könnte der Freund exotischer Tiere (Thorsten, du?) seine Vorlieben nicht hintanstellen und würde Zebra, Tüpfelhyäne, Orang-Utan und seinem Protagonisten Richard Parker, dieser weltbekannten Großkatze mit Pfiff, tatsächlich angemessene Äquivalente folgen lassen, zum Beispiel die Höhner, Dietmar Bär und Alpha Tiger? Man weiß nicht sicher, welche Pfeile der gefeierte Erbauungsliterat, der Graf unter den Griffelschwingern, im Köcher hat, mit der Wahl letzterer Protagonisten gelänge ihm aber ein echtes Husarenstück, denn die Jungspunde aus Sachsen, die im Heavy Metal so was wie Kissin' Dynamite im Hardrock sind, nur in besser, bringen jeden Ausflugsdampfer in Schwung und jedes popelige Beiboot sowieso.
Das machen sie in erster Linie mit einem Arsenal aus routiniert arrangierten Pattex-Melodien, die immer mitreißend, aber nie aufdringlich klingen, sowie einer kompromissarmen Grundhärte, die hierzulande nicht selbstverständlich ist. Sie leben aber auch von ihrer geschickten Positionierung: Keine andere Band klingt so stark nach frühen Helloween ("Walls Of Jericho", "Keeper Of The Seven Keys Part I" minus "Future World"-Käse), ohne in Copycat-Gefilde vorzudringen, und lehnt sich gleichzeitig gerne an anspruchsvollen US-Metal an (sogar Fates Warning sind bei "Eden Lies In Ruins" oder "Crescent Moon" nicht zu überhören). Und dann wäre da ja auch noch Frontmann Stephan Dietrich, mit 25 der Älteste in der Band: Der angehende Zahntechniker hat sich mit seinem eigenen Sirenengesang wahrscheinlich schon mehrfach die Plomben aus den Beißern gehauen und präsentiert sich bei Parforceritten wie "From Outer Space", "Waiting For A Sign" und "Along The Rising Sun" als famos ausgebildeter, wohlgeratener Adoptivsohn von Möchtegern-Sting Geoff Tate (ex-Queensryche) und dem ehemaligen Helloween-Gewissen Michael Kiske. Eine unheilig-heilige Allianz, die man sich gar nicht vorstellen mag, die aber Eindruck hinterlässt. (Gesamtwertung: 8) Boris Kaiser
Anspruch: Ja. Kann man so sagen. (7)
Artwork: Der junge Jens Riewa macht einen auf dicke Hose und wirft brennende Dollar-Scheine durch die Luft. Davor steht ein Mischwesen mit grell geschminkten Lippen und vielen Hörnern. In der linken Hand hält es ein dickes Buch. Es ist anscheinend nicht "Schiffbruch mit Tiger". Ich bin sehr verwirrt. (5,5)
Aussehen: Besser als Sachsen-Paule. (7,5)
Aussagen: "Wer auf die Jagd nach einem Tiger geht, muss damit rechnen, einen Tiger zu finden." Das stammt nicht von der Band, sondern ist ein altes indisches Sprichwort, aber ich wollte es an dieser Stelle mal loswerden. (8) Boris Kaiser
Boxen mit Lemmy und Ozzy. Glotzen mit Biff. Zocken mit Rock Science.
Wer in den Achtzigern aufgewachsen ist und nicht auf einer Waldorfschule von Plastik-Perversionen abgeschirmt wurde, wird die grässlichste Spielzeugburg, die je ein Kinderzimmer verschandelt hat, nie vergessen: Castle Grayskull. Die rund 40 Zentimeter hohe Festung galt als Machtzentrum von Eternia, der Heimat von He-Man, einem blonden Pin-Up-Boy für Steroidsüchtige aus der Actionfiguren-Reihe "Masters Of The Universe". Das Mauerwerk von Grayskull schimmerte wie giftgrüne Alien-Kotze, die Frontfassade war wie ein Schädel modelliert und dessen mit Fangzähnen bewehrtes Maul diente als Eingangstor - eine Shock-and-Awe-Optik, die Feinde oder Neugierige abschrecken sollte, Muttis inklusive.Was das Gesülze soll? Berechtigte Frage. Das nostalgische Abtauchen in die Produkt- und TV-Wellnessbäder unserer Kindheit ist ekelhaft und strukturkonservativ - aber in der Fast-noch-quasi-Weihnachtszeit ausnahmsweise erlaubt. Und in diesem Fall unvermeidbar. Denn das Box-Set "The Complete Early Years" von Motörhead kommt in einem Plastikbehälter daher, der Castle Grayskull frappierend ähnelt. Der 32-Zentimeter-Kasten ist im Unterschied zur He-Man-Burg jedoch schwarz, und der Schädel ist nicht nur irgendein Schädel, sondern der Keiler-Köter-Kopp von Snaggletooth, dem Maskottchen des britischen Rock 'n' Roll-Zirkuspanzers unter der Leitung von Ian "Lemmy" Kilmister. Und mehr noch: Die Snaggletooth-Box hat Augen. Und die können dank Batterieversorgung leuchten. Rot. Der Begriff "Wertigkeit", den gewiefte Boxsetsammlerspießer ja mit derselben Kleingeistigkeit aussprechen wie Opa früher "Bundeswertpapiere", bekommt so einen herrlich trashigen Unterton.
Und was ist drin im Box-Kopf? Acht Alben und sieben Singles aus der Frühphase der Band bis 1984, alle als (Mini-)CDs, das 1983 bei einem anderen Label erschienene Live-Album "What's Words Worth?" fehlt. Allzu viele Worte zu verlieren über Platten wie "Bomber", "Overkill", "No Sleep "till Hammersmith" oder "Ace of Spades", mit dem Titelstück als Trademark-Hymne der Truppe, wäre müßig. Was Motörhead laut, dreckig, groß und gewichtig macht, ist hier im Angebot: Prototypische Thrash-Songs, Lemmys Stimmbänder from Outer Space, das ewig geile, räudige Rock 'n' Roll-Gerumpel usw.usf.
Den Discs beigelegt ist noch eine Vinyl-Single ("Leaving Here"/ "White Line Fever"), ein unspektakuläres Fotobüchlein mit Bildern von P.G. Brunelli im Taschenbuchformat sowie der "Illustrated Collector's Guide", ein Nachschlagewerk, das auf 396 Seiten ausbreitet, was an Motörhead-Ware so auf dem Markt kursiert: obskure Bootlegs und seltene 7-Inches, Promo-, Flexi- und Picture-Discs in allen Farben und Geschmacksrichtungen, Lemmy als Lego-Figur. Die Abermillionen Band-Shirt-Motive fehlen nachvollziehbarerweise, dafür gibt's einen Autograph-Checker: Gedruckte Unterschriften der (Ex-)Motörhead-Mitglieder, um Schwindlern mit gefälschter Autogramm-Ware auf die Schliche zu kommen. Oder um ihnen Übungsmaterial zur Verfügung zu stellen?
Wer wahrer Lemmy-Liebhaber ist, dürfte mit diesem Nerd-Katalog ein paar Stunden trauter Einsamkeit verbringen - falls er ihn nicht ohnehin schon besitzt. Und dieser Einwand gilt ja dann erst recht für die Musik: einige Hunnis für Standards im Digitalformat? Sicher, Castle Snaggletooth im Regal stehen zu haben, ist schon eine Schau, und wenn Mutti zu Besuch kommt und das Teil entdeckt, weint sie bestimmt, so schnell erwachsen bist du geworden, Junge. Ob diese Tränen nicht doch ein bisschen zu teuer erkauft sind, muss wohl jeder selbst wissen (P.S.: Lemmy selbst rät natürlich vom Erwerb ab - aus Kostengründen und weil er eh im Dauerclinch mit seinem Ex-Label liegt).
Weniger lustig, aber eleganter und preiswertiger kommt eine neue Black-Sabbath-Box daher, was schon allein darin liegt, dass sie nur Vinyl enthält, was ja per se Menschen ohne Geschmack und/ oder mit Wohnungen in Schuhkarton-Größe ausschließt, die Musik nur in elektronischer Form zu sich nehmen, haha, wie fies. "The Vinyl Collection, 1970 - 1978" enthält: "Black Sabbath", "Paranoid", "Master Of Reality", "Volume 4", "Sabbath Bloody Sabbath", "Sabotage", "Technical Ecstasy", "Never Say Die" sowie "Live At Last".
Das sind Werke, die noch unentbehrlicher sind, als die im Schatz-Schädel von Motörhead; ein Urteil, über das man trefflich streiten kann, aber sicher nicht mit mir. Der musikhistorischen Bedeutung entspricht die Möglichkeit per Download-Code auf die Box-Songs digital zuzugreifen. Einsteigern ermöglicht dieser Service, auf dem Dienst-iPhone noch schnell "Paranoid" oder "Iron Man" zu hören, bevor es ab ins nächste Vernichtungsmeeting mit den Kollegenschweinen geht. Und der umsichtige Investor hält die digitale Bereitstellung eh für unabdingbar. Wer will sich schon seine - hoffentlich stetig wachsenden! - Vermögenswerte versauen, indem er eine Boxset-Platte tatsächlich einmal auflegt?
Für Investoren ungeeignet, aber für Bildungshungrige sehr brauchbar und dabei im Vergleich spottbillig ist "Heavy Metal Thunder - The Movie", zwei DVDs voll mit Saxon, einmal live und einmal mit der Geschichte der Band rauf und runter und wieder rauf, knapp vier Stunden Gesamtlänge, unterhaltsam, informativ - und dank Sonnengemüt Biff Byford stimmungsaufhellend.
Wie Rock Science funktioniert, ist übrigens keine Rocket Science, wie unlustig war der denn bitte? Wir haben trotzdem ein paar Fragen aus dem Spiel übernommen, leicht angepasst und ein kleines Online-Quiz gebastelt. Zum Ausprobieren und hier spielen. Zu gewinnen gibt's nichts, lohnt sich aber, macht nämlich Spaß.
Also: bitte klicken, hier geht's zum Rock-Science-Test-Quiz!
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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