Von Thorsten Dörting, Boris Kaiser und Jan Wigger
Liebe "Amtlich"-Freunde und -Hasser,
wie im ersten Teil der Januar-Ausgabe von "Amtlich" versprochen: Seit dem 11.1. ist bei uns das neue Voivod-Album zu hören: "Target Earth". Exklusiv, komplett und eine Woche vor der offiziellen Veröffentlichung.
Wegen eines lütten Technik-Problems haben wir den Stream erst spät am Freitagabend auf die Seite gestellt (ein interner Link zum Sounddingsda streikte und musste - wie es sich im digitalen Hyper-Kapitalismus gehört - gnadenlos durch einen neuen Dienstleistungssklaven ersetzt werden). Die Kritik zum ersten Album, das komplett ohne Mitwirkung des 2005 verstorbenen Gitarristen Denis "Piggy" D'Amour entstanden ist, der ja den einzigartigen Voivod-Sound entscheidend geprägt hat, folgt daher erst jetzt - sollen ja alle was von der Sache haben, nicht wahr? Dazu gibt's Reviews zu Audrey Horne und Ancient Vvisdom und feine Einsendungen unserer Leser zur Ván-Records-Verlosung (inkl. Bekanntgabe der Gewinner).
Damit's am Freitag trotzdem etwas zum Lesen gab, hatte sich der opferbereite Kollege Wigger zum Lesen eines Buches gezwungen, was er sonst gar nicht so gerne mag, das macht ja nur die Frisur kaputt. Staunen Sie unten, was er dabei alles erlebt hat: Frost ... Stolz ... Nacht ... Jungfrauen ...Waffen ... Walküren ... Flammen ... Blut und Trommeln.
Wahnsinn!
Bis denne.
Voivod - "Target Earth"
(Century Media/ EMI, erscheint am 18. Januar)
I'm going to the bridge tonight
Venus shines so ever bright
Deep in the woods under the stars
How did I come to get this far?
Have this feeling...what will I find
Around the corner of my mind?
A thousand trees of creeping sin
Dead leaves blowing in the wind
I'm whistling an old melody
To keep the beast away from me
I hear the call of croaking frogs
Answering me lost in the fog
I tell myself, everything's fine
Here in these woods, for the first time
Out in the dark, a shadow sound
Fear to look, but turn around
I realize I'm face to face
Two yellow eyes, an evil gaze
Ugly blood hound, no wagging tail
How long has he been on my trail?
Down to the bridge, he's leading me
What is it he wants me to see?
Voivod, "Le Pont Noir", 1992
Denis "Piggy" D'Amour (24 September, 1959 - 26 August, 2005)
From: Ed_Wood@Angoraproductions.com
Lieber Ridley,
ich hoffe, Sie haben die Golden-Globes-Gala gut überstanden und nett gefeiert? Ich hätte ja gerne die Gelegenheit genutzt, um dort mit Ihnen ein paar Worte zu wechseln und meine Idee persönlich vorzustellen, aber leider war ich nicht eingeladen, denn die Branche lacht mich noch immer aus und zweitens bin ich tot, was man den Veranstaltern ja nun wirklich nicht anlasten kann. Also schreibe ich Ihnen jetzt mal eine etwas ausführlichere Mail, Sie werden sich vielleicht dank einer meiner ersten 312 vage daran erinnern, worum es geht.
Also: Worum geht es? Ich arbeite an einem Sequel-Script zur Alien-Reihe: ""Target Earth" - Alien vs. Lord Voivod (feat. Officer E. Ripley)". Die Story setzt nach der Crash-Landung der Klon-Ripley mit dem Schiff Betty auf der Erde ein, kurz davor endet ja dieser "Alien 4"-Schmonzes von diesem Werbefilmfuzzifroschfresser. Wir sehen also unsere Ellen Ripley (gespielt von Thekla Carola Wied) bei uns im Film, wie sie sich in den Alltag auf der Erde einzugliedern versucht, sie hat aber - wohl vom langen Flug, wer kennt das nicht? - Magen-Darm-Probleme und die ersten 20 Filmminuten rennt sie eigentlich nur mit Durchfall aufs Klo, man muss sich ja auch mal Zeit lassen für die Charakterzeichnung, nicht wahr?
Irgendwann, bloß zu spät, begreift sie, dass ihre Diarrhö von Milliarden mikroskopisch winziger Alien-Eier verursacht worden ist, die sie in ihren Gedärmen auf die Erde mitgeschleppt und unwissentlich nach und nach in die Kanalisation von New York ausgeschieden hat, wo die Ungetüme sich prachtvoll entwickelt haben. Chaos bricht aus, die Aliens machen die New York platt, die US-Armee scheint geschlagen und alle Hoffnung vergebens. Ripley und ein paar letzte Kämpfer flüchten gen Norden in die kanadischen Wälder, um sich zu verkriechen und den allerletzten Widerstand der Menschheit zu organisieren. Dort trifft Ripley, zu ihrer und unser aller Überraschung, auf Lord Voivod - die Liebe ihres Lebens.
Sie hatte den Frankokanadier kennengelernt, als er noch knackige 38 Jahre alt war und die beiden vor Ewigkeiten, es muss in den Achtzigern des 20. Jahrhunderts gewesen sein, auf der Sternenakademie ein paar Fortbildungskurse belegten. Die Romanze endete abrupt und - scheinbar- für immer, als Voivod (gespielt von Helmut Berger) beim Start einer neuen Nuklear-Raumfähre in die Luft flog. Aber Pustekuchen. Tatsächlich, so erfährt Ripley nun, wurde er nicht getötet, sondern nur massiv verstrahlt, was sein Äußeres leicht beeinträchtigt hat, weshalb er sich a) in die Wälder Kanadas verkrochen hat und b) sich von Blut ernährt, weil er zu einem postapokalyptischen, radioaktiv verseuchten Vampir mutiert ist, was in den Achtzigern ja eine relativ beliebte Phobie war, naja, aber sonst geht's ihm eigentlich ganz gut, immerhin joggt er nach wie vor regelmäßig.
In diesem Fall gilt: Ja. Und nein. Er ist nicht mehr der ungebrochene Held unserer Jugend, dieser Voivod. "Dimension Hatröss" (1988), "Nothingface" (1989), das völlig unterschätzte 91er-Werk "Angel Rat" oder "The Outer Limits" (1993) waren Alben mit bis heute unerhörter Musik: ein einzigartiger, versponnener, niemals gewollt nerdiger Mix aus Space-Prog-Rock und Thrash, der gebrochene Wut und außerweltliche, fast autistisch anmutende Melancholie vermählte; eine Melancholie, die dem Ende der Welt, wie wir sie kennen, mit einem traurigen, doch seltsam distanzierten Staunen in Blick und Stimme begegnete, die in etwa so verstörend wirkten, als landete ein Wesen aus dem All just in dem Moment auf der Erde, in dem die Menschheit alles Leben auf dem Planeten in einem nuklearen Holocaust vernichtet - und der außerirdische Besucher würde nun ausgerechnet deswegen bittere Tränen vergießen, weil mit der Ausrottung allen Lebens auch alle Fabrikschlote keine Rußwolken mehr in den Himmel pumpen, denn die, und nur die, fand der Besucher so schön. Anders gesagt: Wir erspüren das Gefühl, doch wir verstehen es nicht. Wer "Tribal Convictions", "Macrosolutions to Megaproblems", das Pink-Floyd-Cover "Astronomy Domine", "Angel Rat", "Le Pont Noir" etc. kennt, wird wissen, wovon ich hier deliriere, alle anderen gehen bitte weiter, hier gibt's nichts zu sehen.
Die Band hat gut daran getan, nach dem Tod von Denis "Piggy" D'Amour im Jahr 2005 den Laden dichtzumachen, eine emotionale Entscheidung der Musiker, die in künstlerischer Hinsicht das Signal sendete, dass ohne den kreativen Hauptkopf nichts mehr so sein würde wie zuvor; dass wir manche Verluste, so ist es nun einmal im Leben, vielleicht verkraften können - aber nie vergessen oder gar kompensieren. Das bewahrheitet sich auf "Target Earth". Das Album ist gut, sehr gut sogar, mit dem schnelleren Komplex-Knüppel "Kluskap O'Kom", dem verschachtelten "Warchaic" oder dem seine Hörer schräg vor sich hin treibenden "Artefact" bietet es großartiges Songmaterial, das aber in gesammelter Form eben doch nicht überwältigt. Ist er also noch da, der Zauber der alten Liebe? Oder bleibt eine innige, sehr reife Freundschaft? Hm. Die Erinnerung an das große Gestern zerstört dieses Album jedenfalls nicht, im Gegenteil. Es nährt Hoffnung.
Mit lieben Grüßen,
Ed Wood (nach Diktat verstorben).
(Gesamtwertung: starke 8) Thorsten Dörting
Anspruch: Ommmmmmm. Einfach nur sein und Musik machen. Nur sein und machen. Eine der größten, einflussreichsten Rockbands der Neunziger und Nuller Jahre hätten sie werden können. Doch von Phantomschmerz keine Spur. (9)
Artwork: Killing us softly. Voivods Chief Visual Executive Michel "Away" Langevin ist auf eleganteste Weise ergraut mit seinen Strähnen im halblangen, schwarzen Haar. Und seine Kunstwelten und -wesen sind weicher geworden, konturloser und farbenfoher, sie sind zur Musik gealtert, die weniger dissonanzengesättigt ist und nicht mehr so viele schöne scharfe, unerwartbare Kanten hat. (8,5)
Aussehen: So wie ein Musikschullehrer (Fachrichtung Jazz, Funk und Rock) mit einem nach 17 Semestern abgebrochenem Kunststudium nun mal aussieht, der auf seiner Dachterrasse nebenberuflich eine Grasplantage bewirtschaftet und dessen Freundin in der Hinterhof-Garage eine Tantraschule betreibt, in der er gelegentlich als Ersatzgeschlechtspartner in der Gruppe "Female Silver Sex plus 65" einspringen muss. Bisschen mitgenommen halt, aber eigentlich ganz cool. (8,5)
Aussagen: "I've seen things you people wouldn't believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain. Time to die." (9,5) Thorsten Dörting
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