Amtlich

Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Paradise Lost: Eine richtige Ohrendroge, gerade in dieser megahektischen Zeit Zur Großansicht
Century Media

Paradise Lost: Eine richtige Ohrendroge, gerade in dieser megahektischen Zeit

"Amtlich" feiert Geburtstag! Ein Jahr Metal auf SPIEGEL ONLINE - Mille Petrozza von Kreator und Boris Kaiser vom "RockHard" beschenken uns. Im Check: Paradise Lost, Huntress, Pantera, Hour Of 13, Jess And The Ancient Ones, Der Weg einer Freiheit, das Roadburn Festival und noch mehr. Irre.

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Paradise Lost - "Tragic Idol"
(Century Media, bereits erschienen)

Seit über zwei Dekaden lese ich regelmäßig und mit wachsender Begeisterung das Intellektuellen-Blatt "Breakout", welches alle zwei Monate unter Schweiß und Tränen im schönen südhessischen Neckarsteinach entsteht. Meinem geistigen Mentor Thorsten Dörting erzählte ich ab und zu von besonders elaborierten Artikeln, doch Dörting, der ja schon vor geraumer Zeit zu einem höheren Wesen transzendierte, murmelte meist nur "rührend", "authentisch" oder "unfassbar!" in seinen Milchbart. Aus Enttäuschung drohte ich mehrfach eine "Amtlich"-Besprechung im stilistisch wie grammatikalisch halsbrecherischen "Breakout"-Stil an, den ich perfekt zu imitieren in der Lage bin. Heute, genau 35 Jahre, nachdem Marco Magin seine erste Blue-Öyster-Cult-Platte in einem kleinen Mannheimer Plattenladen kaufte, ist es nun so weit.

Eene, Meene, Miste, es bollert in der Gothic-Kiste! Paradise Lost heißt übersetzt "verlorenes Paradies" und in ein solches nimmt uns der Fünfer aus dem schönen England auch mit. Nach drei Jahren haben die sympathischen Jungs zehn brandneue Knüppelmonster für ein weiteres Käsescheibchen aus ihren Kutten geschüttelt, das beweist, dass man in diesem "Biz" auch ohne nackte Gretel auf dem Cover überleben kann! Aber egal, denn "Tragic Idol" ist einfach schweinegeile Rockmusik, gehaltvoll, spannend, düster, treibend, nebst mehreren Attributen mehr.

Die cool rockende Nummer "Solitary One" ist so 'ne richtig satt rockende Nummer im Seventies-Look, mit allem was schon damals zu einer schweinegeil abgehenden Nummer dazugehörte! "In This We Dwell" sorgte beim Schreiben für ein Dauergrinsen bei mir und "To The Darkness" frisst sich gleich in die Gehörgänge, ohne zu fragen, wie lange es dort verweilen darf. Sehr, sehr lange, soviel ist klar! Mit "Fear Of Impending Hell" wird's dann 'ne Schippe ruhiger, was aber nicht bedeutet, dass die Scheiblette langweilig wäre!! Schon mit "Theories From Another World" gibt's für den geneigten Hörer nämlich wieder so richtig was zwischen die Beißerchen, so richtiges Action-Kino für den Kopf und auch nach 24 Jahren Bandkarriere noch so frisch wie damals, was die althergebrachte Aussage widerlegt, man würde vom Rasten rosten! Und die Stimme von Nick Holmes ist mal der Hammer, echtes Seelenbalsam und so 'ne richtige Ohrendroge, die sich gerade in dieser megahektischen Zeit - welche eine Zeit des rein Materiellen ist - super zum Relaxen geeignet.

Paradise Lost - "Honesty in Death"

Mehr Videos von Paradise Lost gibt es hier auf tape.tv!

Mit "Tragic Idol" haben Paradise Lost das breite Tonspektrum an Musik um Einiges bereichert, und da die meisten Melodien schon nach dem ersten Hören nachzupfeifen sind, nehmen Paradise Lost gemeinsam mit Axel Rudi Pell und der neuen Kissin' Dynamite die "Pole Position" ein, wenn es um die besten Langdreher 2012 geht!! An dieser klasse Produktion gibt es nichts zu bemängeln, und wollt ihr wissen, wie qualitativ hochstehende Mucke aus Englands hiesigen Breiten zu klingen hat, dann holt euch "Tragic Idol". Fazit: Reinhören ist das Mindeste bei dieser subba Scheibe!!! (Gesamtwertung: 8) Jan "T-Bone" Wigger

Anspruch: Ein absolut zeitloses "Werk", dass junge wie auch Junggebliebene Hörer gleichermaßen erfreut. Klarer Fall für die Repeat-Taste - hier wird geklotzt und nicht gekleckert! (8)

Artwork: So richtig schön melancholisch und geheimnissvoll, wenn auch nicht passend zur Jahreszeit!! (7,5)

Aussehen: Dieses Quintett kann man bedenkenlos jedem Metal-Fan ans Herz legen, und auch die CD "Tragic Idol" mutiert dadurch sicherlich zum Dauerbrenner im CD-Schacht! (7)

Aussagen: Wir Herren wissen auch nach so vielen Jahren noch zu Rocken: Der bewährte Atzedatze-Groove für die Massen - egal ob Banker oder Putzfrau! (7,5) Jan "T-Bone" Wigger

Huntress - "Spell Eater"
(Napalm Records, bereits erschienen)

Letztens, es kommt mir so vor, als wäre es erst gestern gewesen, konnte man in der Presse ein Foto begutachten, ich glaube in "Quick", "Bild" oder "Landlust", auf dem war Micaela Schäfer richtig dick im Geschäft. Aufgenommen wurde das Pic, wie wir Medienschaffende sagen, wohl am Wochenende zuvor in einer Dortmunder Diskothek, in so einem Etablissement für Leute, denen man im Leben normalerweise nur unfreiwillig begegnet, wenn man nicht gerade Großkunde bei Camp David ist oder Fußballprofis zum Heiraten sucht (und dabei immer nur Freizeitboxer findet).

Jedenfalls hatte die ehemalige Dschungelcamp-Bewohnerin ihr Equipment, sie ist ja auch DJane, tatsächlich im Damenklo aufgebaut, und sie lächelte, und sie trug so gut wie nix, nur diesen lustigen Borat-String, 'nen BH und ein Army-Käppi, das wohl zeigen sollte: Hier wird scharf geschossen.

Huntress mit Sängerin Jill Janus: Vom It-Girl zum Hexchen Zur Großansicht
Napalm Records/ Ben Gibbs

Huntress mit Sängerin Jill Janus: Vom It-Girl zum Hexchen

Das alles hat natürlich nur zum Teil mit Huntress zu tun, denn deren Sängerin Jill Janus hat es als DJane Tuesdae ja immerhin schon in den US-"Playboy" geschafft und nicht nur in die deutsche "Maxim", obwohl das ja auch ehrenwert ist, weil "geschmackvolle Erotik, kein Porno". Wie dem auch sei: Genau wie La Mica war Tuesdae beim Auflegen immer gerne luftig angezogen, das sieht man bei Google, wenn man will, und sie hat in wilderen Nächten wohl auch schon den einen oder anderen Asbach-Cola nicht nur mit Snoop Dogg gekippt, sondern angeblich sogar mit irgendeinem Fürsten aus Monaco, ich kenne mich da leider nicht aus. Wie man als amerikanisches It-Girl von sogenannten Clubsounds zum Heavy Metal kommt, das ist natürlich ein Mysterium, aber hey: Mysteriös soll bei Huntress ja so einiges sein, es heißt, man stünde gar dem Okkulten nahe, obwohl die Ex-Bands der anderen Mitglieder, die Black-Thrasher Skeletonwitch oder die Underground-Hoffnung Professor, das Weltliche bevorzug(t)en.

Huntress - "Eight Of Swords"

Mehr Videos von Huntress gibt es hier auf tape.tv!


Nun ja, das Numinose glänzt beim Hören dieses Debüts eher durch Abwesenheit, vielleicht liegt's auch daran, dass ich mir Madame Janus, nach wie vor recht freizügig unterwegs, ständig beim Stinkfruchtessen vorstellen muss, aber das zieht die Platte qualitativ noch lange nicht nach unten. Gut abgehangener Power Metal der US-Schule unterhält zehn Songs lang angenehm, die Riffs, denen die Frontfrau trotz ihrer Präsenz immer genug Freiraum gibt, wurden raffiniert ausgearbeitet, die beiden Rhythmus-Rocker machen zumindest nichts falsch. Sicherlich hatten die artverwandten Achtziger-Könner Chastain, die dieses Album immer wieder ins Gedächtnis ruft, die besseren Hooklines und zwingenderen Arrangements; von ZeitgenossInnen wie Benedictum oder Crystal Viper lassen sich Huntress mit Highlights wie "Spell Eater", "Senecide" und "Eight Of Swords" aber ganz gewiss nicht ins Bockshorn jagen. (Gesamtwertung: 7,5) Boris Kaiser

Anspruch: "Ich bin eine Hexe, die Dich verzaubern und anschließend lebendig verbrennen will!" Geht's noch? (3)

Artwork: Bunt statt black. Die Gruselgestalt mit den flammenden Pratzen könnte Jill Janus sein. Vielleicht ist es aber auch nur Joey Kelly nach einem Sturz im Eiskanal. Man weiß es nicht, man steckt nicht drin. (6)

Aussehen: Eher Xena als Lena, die Typen sind eh wumpe. So was kriegen Bildungsbürger normalerweise nur im privaten Modus zu Gesicht. (7,5)

Aussagen: "Ich habe einen okkulten Hintergrund!", "Ich bin eine Hexe!", "Schon meine Eltern haben mich ermutigt, meine übersinnlichen Fähigkeiten zu trainieren!" Ich glaube, diese im Brustton der Überzeugung hingeschmetterten Sätze stammen eigentlich gar nicht von Jill Janus, sondern samt und sonders aus Russ Meyers Familienfilm "Die Satansweiber von Tittfield", hatte aber keine Lust, das zu verifizieren. So oder so: Kann man machen. (7) Boris Kaiser

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Forum - Amtlich - und Ihre Meinung zum Metal?
insgesamt 510 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Kuechenchef 05.05.2011
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
2.
Volker Paul 06.05.2011
Zitat von KuechenchefTides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
3. Frei ohne Titel
Shiraz 23.05.2011
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
4. re
marks & spencer 23.05.2011
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
5. Nix Versteh
kingofmetal 24.05.2011
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Gut, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben. Metal ist nämlich viel lauter... :-)
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  • Rock Hard Verlag
    Boris Kaiser, 37, ist Textchef beim "RockHard", dem Zentralorgan der deutschen Metal-Szene. Das Monatsmagzin feiert gerade selbst ein Jubiläum: Momentan liegt die 300. Ausgabe am Kiosk. Mille Petrozza muss man eigentlich nicht mehr vorstellen: Der 44-Jährige ist Sänger, Gitarrist und Kopf von Kreator. Im Juni erscheint "Phantom Antichrist", das neue Album der deutschen Thrash-Metal-Band auf dem Label Nuclear Blast.