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Amy Winehouse: Gibt es noch verlorene Schätze?

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Amy Winehouse: Zwei Alben zu Lebzeiten, drei posthum Fotos
Bryan Adams/ Universal Music

Zum Jahresende erscheint ein Kasten mit fünf Amy Winehouse-Alben. Zu Lebzeiten nahm die vor fünf Jahren verstorbene Sängerin allerdings nur zwei Platten auf. Lagern im Archiv noch tolle Songs oder kann das alles weg?

Die Musikerin Amy Winehouse wird seit ihrem Tod vor fünf Jahren bevorzugt als Wrack porträtiert. Nahezu lustvoll sezieren und addieren Experten ihre Abstürze: Alkoholexzesse, Drogeneskapaden und sonstige Ausfälle aller Art. Einen Höhepunkt fand das zuletzt in dem Kinofilm "Amy", der die Künstlerin auf den Status eines traurigen Dauerpflegefalls reduziert. Vieles davon mag in der Sache korrekt sein, aber es zeichnet dennoch ein unvollständiges Bild. Denn über Winehouse' Musik redet kaum noch einer.

Eine gute Gelegenheit, mal wieder ihre Werke zu inspizieren, bietet nun das Vinyl-Set "The Collection". Der schwarze, schlichte Kasten enthält ihre beiden zu Lebzeiten veröffentlichten Studioalben "Frank" und "Back to Black", das Live-Doppelalbum "I Told You I Was Trouble", die Archivsammlung "Lioness: Hidden Treasures" sowie ein Einzelalbum mit noch mehr Resterampen-Songs namens "Rarities". Obendrauf gibt's einen Umschlag mit drei schnieken, aufwendig gedruckten Winehouse-Porträts.

Amy Winehouse wurde 1983 in eine musikalische Nordlondoner Familie hineingeboren. Ein Onkel war professioneller Jazzmusiker, eine Großmutter mit der britischen Jazzlegende Ronnie Scott liiert, und ihr Frank-Sinatra-verrückter Vater hortete eine Menge Jazzplatten. Amy Winehouse fiel früh als musikalisch und aufmüpfig auf: Wenn sie in der Schule ermahnt wurde, soll Winehouse herausfordernd Sinatras "Fly Me To The Moon" gepfiffen haben, bevor sie den Klassenraum verließ.

Früh wurde sie musikalisch gefördert, rappte mit Freundinnen und landete schließlich in der Brit School, wo auch Katie Melua und Adele ihr Handwerk lernten. Der britische Turbo-Pop-Strippenzieher Simon Fuller, dem die Welt unter anderen die Spice Girls und die "Idol"-TV-Shows verdankt, nahm den begabten Teenager unter seine Fittiche und arrangierte einen Plattenvertrag mit einem großen Konzern.

Ihr Debütalbum "Frank" erschien 2003, benannt nach ihrem Idol Sinatra. Da überraschte die junge Londonerin ein großes Publikum mit ihrer erstaunlich altersweisen Herangehensweise an Musik. Lässig variierte Winehouse in ihren Songs Jazz, Popund Soulmit freizügigen, herausfordernden Texten.

Die Box enthält streckenweise feine Entdeckungen

Wirklich in Fahrt kam sie dann aber mit "Back to Black", dem großartigen, drei Jahre später nachgelegten zweiten Album, das sie global bekannt machte und sich multimillionenfach verkaufte. Fast alle Songs darauf hatte Winehouse im Alleingang verfasst.

Den Retro-Girlgroup-Soul-Sound besorgte zwar der Produzent Mark Ronson, aber nach den exakten Vorgaben von Winehouse, wie er immer wieder betont. Die war bei ihm mit einem Satz ihrer Lieblingsplatten im Studio angetanzt und hatte Ronson präzise dargelegt, was sie davon übernehmen wollte und was eben nicht. Leider war "Back To Black" auch das Album, das das Leben der jungen Künstlerin endgültig aus den Angeln hob. Eine weitere Platte nahm sie nicht auf.

Über die Relevanz all der Musik, die nach Winehouse' Tod im Alter von 27 Jahren noch veröffentlicht wurde, zanken Fans und Experten. Drei der fünf Platten in der neuen Vinyl-Box "Collection" wurden aus dem Archiv extrahiert.

Die Debatte um diese Songs begann mit dem Album "Lioness: Hidden Treasures", einem Dutzend zusammengewürfelter Songs von unterschiedlicher Güte, das aber streckenweise feine Entdeckungen bietet. Exklusiv für den neuen Kasten wurde ein kurzweiliges Konzert aus London auf Vinyl gepresst, das bislang nur als DVD zu haben war. Ebenso exklusiv in der Box ist das Album "Rarities", das bekannte Songs wie "Rehab" oder "Back to Black" in alternativen Versionen enthält.

Zwingend sind diese Raritäten natürlich nicht, aber sie erweitern den Blick auf die Künstlerin. Insbesondere die sogenannten "Radio-Sessions", also Songs, die Winehouse speziell für BBC-Radiosendungen wie die von Janice Long in meist reduzierten Versionen einspielte, sind feine Entdeckungen für Winehouse-Fans. Auch dass ihr Debutalbum "Frank" auf Vinyl als Doppelalbum, mit 14 statt 13 Songs wie auf der CD, aufgelegt wurde, ist eine gute Idee. Aber wirklich Sinn macht diese Box nur für eingefleischte Fans.

Da durchs Netz noch viele weitere offiziell nicht veröffentlichte Winehouse-Songs geistern, ist davon auszugehen, dass noch mehr Archivplatten folgen werden. Ob Winehouse über diese Veröffentlichungen von Halbfertigem, Verworfenem und Konzertmitschnitten beglückt gewesen wäre? Die Debatte darum, ob das alles historisch wertvoll oder Leichenfledderei ist, wird jedenfalls weitergehen. Zumindest aber erinnert jede dieser Veröffentlichungen daran, dass Amy Winehouse vor allem anderen eine herausragende Musikerin war, die fehlt.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Feine Entdeckungen und mehr...
windpillow 01.01.2016
Ich hoffe, man findet noch genügend Ton-Material für einige Alben. 1983 geboren kann man ihr evtl. eins vorwerfen -daß sie ihren Eltern zu wenig, oder zu leise gesagt hat: "Talkin´´bout my Generation." Ich habe das 1970 oft zu meinen Eltern gesagt und sage heute auch noch: "Talkin´´bout -my- Generation --zu meinen Enkeln!
2. Wohl überlegtes Marketing-Kalkül
Nabob 01.01.2016
Man versucht einen Mythos wie mit Jimi Hendrix zu errichten, um abzusahnen, das ist alles. Alle 2 Jahre kommen dann neue Tonträger auf den Markt, weil noch irgend jemand in irgendeiner Ecke was von ihr gefunden hat. Die besten Sachen von ihr kennen wir aber schon.
3.
windpillow 01.01.2016
Zitat von NabobMan versucht einen Mythos wie mit Jimi Hendrix zu errichten, um abzusahnen, das ist alles. Alle 2 Jahre kommen dann neue Tonträger auf den Markt, weil noch irgend jemand in irgendeiner Ecke was von ihr gefunden hat. Die besten Sachen von ihr kennen wir aber schon.
Mythos? -Den braucht man bei Hendrix nicht errichten, der ist da und wird noch für sehr lange Zeit da sein, das muß man neidlos anerkennen. Aber so leid es mir tut, -Amy Winehouse und Mythos-, das funktioniert nicht, sie ist ja heute schon fast vergessen -im Gegensatz zu Jimi Hendrix.
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