Rapper Antilopen Gang Antidepressiva sind auch keine Lösung

Atombomben auf Deutschland, Abschaffung des "Schweinestaats", Weltfrieden durch Pizza: Die Antilopen Gang ist die politische Hip-Hop-Band der Stunde - ihr neues Album ist direkt auf Platz eins eingestiegen.

Robert Eikelpoth

Die großen Scheißjahre 2015 und 2016? Liefen blendend, zumindest für die Antilopen Gang: Die Welt versank in einem Stakkato aus Krisen und Tiefpunkten, die politische Nachkriegsordnung wich dem beständigen Extremfall, aus der wachsenden Verunsicherung schälten sich kollektive Armutszeugnisse wie Pegida oder Hogesa heraus - und am Ende brannten die Flüchtlingsheime. Kurz: Deutschland entwickelte sich genauso, wie es das Trio auf seinem Ende 2014 erschienenen Debütalbum "Aversion" an die Wand gemalt hatte.

Der Hauptpreis? Eine ausgedehnte Ehrenrunde durch alle Winkelzüge der Medienlandschaft. Die Jugendsender der ARD-Radioprogramme etwa verliehen der Antilopen Gang 2015 den "New Music Award", Internet-Wirrkopf Ken Jebsen entfachte einen publikumswirksamen Rechtsstreit um angeblich diffamierende Textzeilen im Hit " Beate Zschäpe hört U2", Tagesschau24 strahlte ein Interview aus, sämtliche Feuilletons berichteten. Der Tenor: Hier ist sie, die neue politische Stimme im Land.

"Auf diesen Triumph hätten wir natürlich gerne verzichtet", sagt Antilopen-Drittel Kolja Podkowik alias Koljah und schreibt mit beiden Händen Anführungszeichen in die Luft. Er sitzt im Dachgeschossbüro einer Berliner Promo-Agentur neben seinen Kollegen Daniel und Tobias Pongratz alias Danger Dan und Panik Panzer über Zigaretten, Zitronenbrause und Süßgebäck - und lässt keinen Zweifel daran, dass ihnen das Label als vorzeigbare Polit-Rapper vor allem eins ist: ein bisschen peinlich.

Antilopen Gang
Robert Eikelpoth

Antilopen Gang

Keine reflektierten Muster-Rapper

"Als wir das Album geschrieben haben, gab es diese ganzen Gruppierungen noch nicht, aber es deutete sich ein Rechtsruck an", sagt Danger Dan. "Das haben wir einfach nur abgebildet." Klingt wie ein verbales Schulterzucken. "Wir sagen, was in uns brodelt und das ist oft politisch", sagt Panik Panzer. "Wer in uns deswegen die reflektierten Muster-Rapper sieht, versteht uns aber falsch."

Wie er das meint, zeigt das vergangenen Freitag erschienene zweite Album "Anarchie und Alltag". Im Opener "Das Trojanische Pferd", der in seinem breitbeinigen Duktus ausgerechnet an das etwas hüftsteife "Ahnma" vom Beginner-Comeback "Advanced Chemistry" erinnert, schieben die drei ihren zwischenzeitlichen Flirt mit dem großen Publikum auf einen ausgeklügelten Plan. Die Preise, die Pressetermine und die Tagesschau seien nur Mittel zum Zweck, nämlich das System zu unterlaufen und mit der eigenen Stadtguerilla den Bundestag zu kapern: "Wir haben euch überlistet / Und zerstören euch von innen", heißt es im Refrain. Heißt übersetzt so viel wie: Wir wissen auch nicht, warum ihr uns so feiert, wir sind doch gar nicht einer Meinung.

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Antilopen Gang:
Anarchie und Alltag

JKP (Warner); CD, MP3, Vinyl; ab 18,41 Euro.

Die Ratlosigkeit der Band ist verständlich. Einerseits ist die Antilopen Gang heute einer der erfolgreichen Rap-Acts des Landes. "Anarchie und Alltag" steht eine Woche nach Veröffentlichung an der Spitze der deutschen Albumcharts. Mit "Aversion" schaffte sie es immerhin auf Platz 41 der Charts, erntet mit jedem neuen Video Millionen YouTube-Klicks und hat rund 270.000 Plays pro Monat beim Streaming-Anbieter Spotify. Das Toten-Hosen-Label "JKP" erkannte das bereits 2014 und investierte einen Teil der "Tage wie diese"-Millionen in die aufstrebenden Rapper. Andererseits tat die Band nie sonderlich viel dafür, gemocht zu werden. Im Gegenteil: Das Trio vertritt seit Jahren radikal seine eigenen Ansichten, die alles andere als massentauglich sind - sondern fast ausnahmslos stramm linksradikal.

Das Psychogramm einer überforderten Jugend

In ihren Songs fordert die Antilopen Gang etwa Atombomben auf Deutschland, die Abschaffung des "Schweinestaats" oder wirft mit klassischen Kampfbegriffen von klassenloser Gesellschaft oder ideologischem Staatsapparat um sich. Dennoch sind Antilopen-Konzerte seit Jahren fast ausnahmslos ausverkauft und müssen regelmäßig in größere Hallen verlegt werden. Die Band bringt zusammen, was gemeinhin als unvereinbar gilt: Haltung und Erfolg.

Warum? Koljah zuckt nun tatsächlich mit den Schultern. Die Band hätte eben schon vor der Veröffentlichung von "Aversion" zehn Jahre lang auf kleinen Bühnen das Handwerk gelernt. Die harte Arbeit mache sich nun bezahlt. Das mag musikalisch zutreffen. Dass es jedoch nur die halbe Wahrheit ist, weiß auch er: "Unsere Musik scheint den Leuten etwas zu geben", fügt er hinzu. "Vielleicht, weil wir weder die Welt noch uns selbst beschönigen", ergänzt Danger Dan.

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Antilopen Gang: Vorzeigbare Polit-Rapper

Genau darin liegt die Stärke von "Anarchie und Alltag". Trotz des ungelenken Fehlfarben-Spin-offs im Titel ist das Album musikalisch ausgewogener und textlich vielschichtiger als sein Vorgänger. Und legt den Fokus auf jene Eigenschaft der Antilopen Gang, die sie zu einer der Bands der Stunde macht. Aus ihren traditionell etwas fußkranken Beats und bestenfalls soliden Raps zeichnet das Trio das Psychogramm einer von der Pflichterfüllungsgesellschaft überforderten Jugend. Oder, wie es Punk-Aristokrat Schorsch Kamerun, der im Kernstück "Fugen im Parkett" so etwas wie eine Hookline singt, ausdrückt: "Die Parallelgesellschaft der Loser an der Bar."

Das eigene Defizit selbstbewusst herausschreien

Noch mehr als "Aversion" mischt "Anarchie und Alltag" pseudopolitische Blödeltracks wie "Pizza" (Spoiler: Es geht um Weltfrieden durch Pizza) mit ernsthaft gesellschaftskritischen Songs ("Lob der Lüge") und reflektiertem, schwermütigen Material über Isolation, Überforderung und Depression. Darin zeigen sich die Rapper als radikaler Gegenentwurf zu käsigen WG-Küchen-Befindlichkeitslyrikern wie etwa AnnenMayKantereit oder Isolation Berlin. Bei der Antilopen Gang führt die Depression nämlich nicht in die von selbstgedrehten American-Spirit-Kippen unterfütterte süßlich-melancholische Schaffenswut, sondern: ins dunkle Zimmer, vor den Fernseher, heraus aus dem lebenswerten Alltag. Und am Ende in den Studienabbruch und die Schuldenfalle.

Ihr Kunstgriff liegt darin, eine Art Therapie durch Akzeptanz anzubieten. Ihre Songs laden dazu ein, das eigene Defizit selbstbewusst herauszuschreien. Ja, verdammt. Wir sind unnütz, können nichts, wollen nichts. Damit kann man sich auch identifizieren, wenn man politisch nicht zum Schwarzen Block gehört. "Depression ist ein wichtiges Thema für uns, nicht erst seit unser bester Freund und Gründungsmitglied Jakob (alias NMZS, der sich 2013 das Leben nahm / Anm. d. Red.) starb", sagt Danger Dan. "Für uns ist diese Frage aber ebenfalls ein Politikum, da die psychosozialen Kontexte dabei eine große Rolle spielen." Dass die Selbstmordrate stetig steige und psychische Erkrankungen Alltag würden, könne ja kein Zufall sein, fährt er fort: "Es scheinen tatsächlich die Verhältnisse zu sein, die uns kaputt machen."

Grund zum Verzweifeln sei das nicht. "Komm wir schließen uns zusammen im Patientenkollektiv (...) Wir machen aus der Krankheit eine Waffe", heißt es im Song "Patientenkollektiv". Und die Lösung? "Wohl keine Antidepressiva, sondern vielleicht mal eine Revolution", sagt Danger Dan.

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
syracusa 27.01.2017
1. ich vervollständige: keine Antidepressiva
ich vervollständige: keine Antidepressiva sind aber auch keine Lösung.
geando 27.01.2017
2. Die Antilopen-Gang
Ok. Es gab ja nur Pegida, Hogesa und brennende Flüchtlingsheime. Oder war da noch was? Ach ja, LKW in Weihnachtsmarkt und Massenübergriffe gegen Frauen am Sylvestertag. Aber die Jungs wissen ganz genau, das einzige Problem ist der "Rechtsruck". Klar, da muss dann die Atombombe auf Deutschland- Das Establishment sieht solche Einstellungen sehr gerne, ihr könnt es weit bringen, Jungs.
*-* 27.01.2017
3.
Lächerlich. Ich habe nichts dagegen die Antilopen nicht zu mögen, aber von einem Journalisten erwarte ich, dass er einen Text wie in "Pizza" richtig versteht. Es ist so offensichtlich, dass es um die Gleichwertigkeit des Menschen geht. Egal welcher genetische Dialekt sein Äußeres beeinflusst.
niska 27.01.2017
4.
Ich finde die Antilopen funktionieren recht gut als Antidepressiva.
CountZer0 27.01.2017
5.
Oh man. Als ob die alles ernst meinen was sie sagen. Stramm linksradikal... eher nicht.
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