Austropop-Phänomen Gabalier Popowackeln mit nationalem Auftrag

Er selbst nennt sich Volks-Rock'n'Roller und verbindet Anzügliches mit Austro-Stolz: In Füssen hat Megastar Andreas Gabalier eine Show für die ARD aufgezeichnet - ein Popo-Stadl mit ideologischem Beigeschmack.

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Aus Füssen berichtet


Schön ist's in Füssen im grünen Allgäu, speziell am Ufer des tiefblauen Forggensees. Glatt könnte man meinen, dass die Welt hier "noch" in Ordnung, dass jedes Ding an seinem richtigen Platz ist. Die Kirchturmspitzen, die Wälder und Wiesen, das Gebirg' im Hintergrund und die Leute sowieso. Während sich der Ort selbst bei näherer Betrachtung zusehends in einen alpenländischen Themenpark für chinesische Touristen verwandelt, feiert sich umso konzentrierter die allseits bedrohte Heimat drüben im Festspielhaus. Es ist dem König Ludwig gewidmet, dessen sympathischer Wahnsinn von Neuschwanstein huldvoll herübergrüßt.

Nein, eine passendere Kulisse für die Aufzeichnung von "Gabalier - Die Volks-Rock'n'Roll-Show" hätte man nicht einmal am Computer erzeugen können.

Mit anderthalb Millionen verkauften Tonträgern ist Andreas Gabalier derzeit der erfolgreichste Musiker Österreichs. An diesem speziellen Abend ist er nicht nur stolzer Gastgeber von Künstlern wie den Scorpions, Status Quo, Zucchero, Sarah Connor, Jeanette Biedermann, Peter Kraus oder Rea Garvey. Er holt über Verweise und Verkleidungen sogar Legenden wie Luciano Pavarotti, Freddie Mercury, AC/DC, die Ramones und Jerry Lee Lewis in seine Show.

Rot-weißes Karo und rasierte Herrenachseln

Die Sendung wird am nächsten Sonntag zur besten Sendezeit eurovisionär in Deutschland (ARD), Österreich (ORF) und der Schweiz (SRF) ausgestrahlt - und, hier lehnen wir uns mal aus dem Fenster, ein Mega-Erfolg. Wie alles, was Gabalier anfasst. Was weniger an Stampfern wie "I sing a Liad für di", "So liab hob i di" oder "Mei Herz schlogt nur für di" liegt. Wichtiger ist das ideologische Gesamtpaket, dessen ganzes Programm sich schon anhand der ersten Zeilen von "Volks-Rock'n'Roller" erahnen lässt: "Wuits ihr beschreibn wos i bin? Lossts as bleibn, des hod gor kan Sinn! Von da Oipn bin i owagstiegn, in da Ledahosn steck i drin. Zwischn Austro-Pop und Rock'n'Roll und da Vuiksmusik fühl i mi wohl".

Sichtlich wohl fühlt sich auch sein Publikum. 1400 Menschen fasst allein das Festspielhaus, mehr noch das als Überlaufbecken dienende Areal vor der Freiluftbühne am See. Dirndl, Jankerl, Haferl, wohin das Auge blickt. Rot-weißes Karo, Federn an Hüten, wollene Wärmer um stramme Wadln, hier und da Strapse, viel Geweih und tätowiertes Edelweiß, rasierte Herrenachseln.

Trägt mal eine Dame kein Dirndl, dann doch ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Mei Dirndl is grad in dr Wäsch!". Und unter der Krachledernen kann auch ein verwaschenes T-Shirt von Motörhead recht fesch aussehen. Als wär's eine Messe für Landhausmode - der gleiche schwere Duft der Brunft. Vielleicht ist ja, wer weiß, neben der Hetero-, Homo-, Bi-, Pan-, Metro-, Inter- oder Transsexualität noch a Platzerl frei für eine offen ausgelebte Nationalsexualität, wie die "taz" Gabaliers Mix aus brachialer Balz und Österreich-Liebe nennt?

So vereint Gabalier die Generationen, für ihn zwängt sich die 16-Jährige in das gleiche Dirndl wie die 60-Jährige. Denn die Tracht signalisiert nicht die Zugehörigkeit zu irgendeiner dahergelaufenen Subkultur. Sondern zu der Kultur schlechthin - stolz, erdverwachsen und entschieden ländlich.

Wos wüst mochn?

Dabei mehren sich die Vorwürfe, er sei ein Macho, ein Chauvi, ein Sexist. Aber ist er das alles wirklich? Es trifft zu, dass er sich auf dem Cover von "Volks-Rock'n'Roller" in die Form eines Hakenkreuzes hineinrenkt - aber ist das nicht nur ein dummer Zufall? Es ist wahr, dass für ihn Frauen "Zuckerpuppen", "Saubartln" oder "Sweeet Little Rehleins" sind, immer "kess" und "fesch" und "liab" - aber waren sie das damals im echten Rock'n'Roll nicht auch, und sind sie es in Soul oder HipHop nicht noch immer? Es stimmt schon, dass er sich öffentlich weigerte, eine unlängst modernisierte und nun neben den "Söhnen" auch Österreichs "Töchter" würdigende Version der Bundeshymne zu singen - aber bewahrt er damit nicht das Erbe der Urheberin? Im Festspielhaus erntet er dafür jedenfalls kräftige "Bravo"-Rufe. Wer mit dem Schleppnetz fischt, der wirbelt damit eben auch den Bodensatz auf und muss Schlick und Schleim als reaktionären Beifang in Kauf nehmen. Wos wüst mochn?

Die Aufzeichnung geht professionell über die Bühne. Es ist die eigene Erfolgsgeschichte als aufpeitschendes Varieté. Hier und heute soll der Volks-Rock'n'Roll zur "Bewegung" (Gabalier) werden: "Das ist kein Musikantenstadl!", und Ekstase ist choreografierbar: Geprobt werden sogar die spitzen Schreie der "Zuckerpuppen" für den Fall, dass der Meister seine Hüften kreiseln lassen sollte. Einspielfilmchen zeigen den Künstler als mittel- und ziellosen jungen Mann, als Wanderer in den "Oipn" oder als Motorradfahrer in der Schweiz. Am Ende sitzt er im Wohnzimmer von Jerry Lee Lewis und klimpert auf dessen Klavier, während der Greis zitternd im Sofa hängt und es nicht fassen kann.

Gabalier überzeugt als charmanter Clown. Wenn er den Faden verliert, sagt er mit gewinnendem Grinsen: "Jetzt hab ich a bissl den Faden verloren." In Aktion ein archaischer Stammesfürst mit Hirschgeweih-Mikrofon. Sein sportliches Pensum ist enorm, sein musikalisches Talent nicht zu überhören und seine Leidenschaft echt. Mal singt Gabalier im Duett mit Klaus Meine ("Rock You Like a Hurricane"), mal mit Jeanette Biedermann ("All Night Long"). Einmal duettiert sich Zucchero mit einem Pavarotti vom Tonband. Und das Ensemble des "We Will Rock You"-Musicals erinnert an Freddie Mercury, als aus der Kulisse der Hausherr tritt. Komplett mit Krone und purpurnem Umhang und diesem speziellen "Augenzwinkern", das man immer mitdenken kann, aber nicht muss.

Immer dann, wenn die Peter-Alexander-Haftigkeit überhandnimmt, zitiert Gabalier mit dem Schlachtruf "Gabba Gabba Hey!" die Ramones, es ist eine Gaudi. Nur der allzu verruchte Falco freilich bleibt in dieser entschieden antimodernen Inszenierung unzitiert. Im großen Finale schließlich schaukelt Gabalier am Piano seine "Great Balls of Fire" und vollendet damit die Einverleibung des klassischen Rock'n'Roll in den tanzenden Volkskörper. Dass der Rock'n'Roll sich nicht wehrt, hat seinen Grund. Er ist ja nun schon ein ganzes Weilchen tot.

Und ruhte der Rock'n'Roll nicht längst in Frieden, er hätte diesen Abend nicht überlebt.



insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
Johannes62 31.08.2014
1. Die reaktionäre Volksverblödung ...
... hat eine weitere Stufe der Eskalation erreicht.
DerUnvorstellbare 31.08.2014
2.
Ich höre ja solche Musik nicht und muss zugeben ich kannte diesen Mann bisher nicht. Doch wenn SPON ihn als "Macho", "Chauvi" und "Sexist" bezeichnet, dann ist der Mann schon jetzt ein Held für mich.
blurps11 31.08.2014
3. Nachhilfe in Erdkunde
Wo liegt denn dieses Austrolien, von dem hier anscheinend die Rede ist ?
Arsenal89 31.08.2014
4. ihr könnts nicht lassen oder?
Jedesmal die selbe alte Laier wenn es wieder eine Musikgruppe oder einen Sänger gibt, der ganz erfolgreich Musik macht, unzählige Leute anspricht, aber keine linke oder gesellschaftskritische Weltanschauung in seinen Liedern oder Abseits der Bühne zeigt. Dann kommt ihr wieder angekrochen mit dumpf, heimatverliebt, nationalsäuselig und was weiss ich nicht alles. Bei Freiwild genau die gleiche Laier gewesen. Akzeptiert endlich mal dass es auch Menschen mit anderem Geschmack und einer anderen Weltanschauung gibt. Und die sind nicht alle dumm oder zurückgeblieben oder reaktionär, wie es der Autor so schön betitelte.
stelzenlaeufer 31.08.2014
5. War ja klar!
Machen wir sie mal wieder auf, die braune Schublade! Lächerlich!
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