Junger Stardirigent: Der leidet aber düster

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Andrés Orozco-Estrada: Entspannt fantastisch Fotos
AP/ Houston Symphony

Andrés Orozco-Estrada gehört zu den jungen Dirigenten, die als Simon-Rattle-Nachfolger für Berlin gehandelt werden. Ob das den Kolumbianer nervös macht? Hört sich nicht danach an. Seine jüngste Berlioz-Talentprobe ist entspannt fantastisch.

Charme all over! Österreichischen Orchestern scheint die "Symphonie fantastique" von Hector Berlioz bestens zu liegen. Mariss Jansons, am Pult der Wiener Philharmoniker, umarmt seine Elite-Truppe im Konzert förmlich, wenn er den Berlioz aufschäumt, was weniger wie Arbeit, als wie Dirigenten-Wellness aussieht. Und auch so wohlig klingt.

Das auch schon vor über hundert Jahren gegründete Tonkünstler-Orchester Niederösterreich hingegen erfreut sich keiner vergleichbaren internationalen Popularität wie die Kollegen vom Neujahrskonzert. Aber die "Fantastische" bringen auch sie derzeit aufregend und inspiriert zuwege. Bei diesem künstlerischen Aufschwung steht dem Klangkörper derzeit noch Andrés Orozco-Estrada zu Seite. Einer jener aufstrebenden jüngeren Dirigenten, denen momentan die Musikwelt zu Füßen liegt. Orozco-Estrada übernimmt 2014 das Houston Symphony Orchestra und dazu noch das Orchester des Hessischen Rundfunks in Frankfurt. Und: Sein Name wurde im Zusammenhang mit der Nachfolge von Sir Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern genannt.

Berlioz mit Wiener Schwung

Was der Mann kann, zeigt er aktuell mit der Konzert-Aufnahme von Berlioz' Symphonie, die den musikalischen Grundstein für alles legte, was danach "Symphonische Dichtung" oder Programmmusik hieß. Ein Künstlerleben, die Ideen, die Höhen und Tiefen bis zum Tod, das packte Berlioz (1803-1869) in plakative Musik, wie man sie Mitte des 19. Jahrhunderts nach Beethoven, Schubert und Schumann noch nicht gehört hatte. Berlioz dachte intensiv über Instrumentierung und neue Arrangements nach, er formulierte dies auch in einem 1844 erschienenen Standardwerk. Als Theoretiker und Kritiker war er ebenso ambitioniert wie als Komponist, und sein Werk zog stets kongeniale Interpreten an. So auch den eigenwilligen Dirigenten und Pianisten Jos van Immerseel, der 2010 mit seinem fabelhaften Ensemble Anima Eterna Brügge eine unromantisch sezierte, glasharte Interpretation der "Fantastique" ablieferte.

Ganz anders arbeitet sich der 1977 in Medellín/Kolumbien geborene und in Wien ausgebildete Andrés Orozco-Estrada an Berlioz heran. Seine Interpretation des fast einstündigen Werkes mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich hat nichts mit der trockenen Analytik der Holländer gemein. Van Immerseel legt Strukturen frei, Orozco-Estrada und seine Musiker schichten einen betörenden Klang, der die Erzählstruktur der Komposition hell aufscheinen lässt. Den "Marche Au Supplice", die Qualen des todgeweihten Künstlers, formt Orozko-Estrada zu einer düster gefärbten Apotheose des Leidens, bevor im letzten Aufbäumen, dem "Traum von der Sabbat-Nacht" die musikalische Idee vom absoluten Künstler hinein rauscht. Orozka-Estrada bewahrt die Musik vor dünnem Pathos, gönnt dem Orchester jedoch die Lust am Klang. Exzess mit Handbremse, das aber erzeugt ganz eigenen Glanz.

International und vielseitig

Andrés Orozco-Estrada verfügt, seit er 2004 durch ein spektakuläres "Einspringen" bei eben diesem Tonkünstler-Orchester einen spektakulären Erfolg feiern konnte, inzwischen über internationale Erfahrung. Er dirigierte die Top-Klangkörper in Wien, München, Rom, Leipzig und Paris, dazu das Mahler Chamber Orchestra sowie viele deutsche Orchester, was ihn zu seinem baldigen festen Engagement in Frankfurt führte. Natürlich muss er hier wie in Houston klassisch-romantisches Repertoire pflegen, aber als Korrektiv hat er sich nach wie vor Uraufführungen und seine Wurzeln in lateinamerikanischer Musik im Sinn. Man kann die Hessen und die Texaner nur beglückwünschen.

CD: Andrés Orozco-Estrada/Ltg.: Hector Berlioz - Symphonie fantastique, op. 14; Oehmsclassics; 13,52 Euro.

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
tomberlin82 04.05.2013
Seit wann soll bitte mariss jansons chef der wiener philharmoniker sein? Er leitet das symphonieorchster vom bayrischen rundfunk und das concertgebouw amsterdam. Die wiener philharmoniker haben seit langer zeit keinen chefdirigenten mehr... Orozco-estrada ist ein guter dirigent, aber kein mensch diskutiert ihn ernsthaft als rattle-nachfolger. Es ist erstaunlich, dass das aktuell von fast jedem dirigenten behauptet wird - ein mehr als lächerlicher marketing-gag.
2. optional
uschikoslowsky 04.05.2013
Ein Wochenende Ruhm und am Montag redet keiner mehr über die kurz hier hochgejazzten angeblichen "Genies", "Stars" und "Ausnahmetalente".
3. Geht es...
0175transalp 05.05.2013
...um den jungen "Stardirigenten', Berlioz, die Fantastische oder um den Vergleich verschiedener Einspielungen? Ich bin verwirrt. Davon abgesehen, dass ich nichts substantielles über den Pultnachwuchs erfahre - außer ein wenig "Spekulatius" ist nichts gewesen. Schade.
4. Auf die schnelle
0175transalp 05.05.2013
...ein paar zusätzliche Infos: http://de.m.wikipedia.org/wiki/Andrés_Orozco-Estrada http://www.ndr.de/kultur/klassik/berlioz101.html http://www.salzburg.com/nachrichten/salzburg/kultur/sn/artikel/dirigent-orozco-estrada-ueberzeugte-im-mozarteum-46071/ ...und dazu gesammelte Pressestimmen von der tonkünstler-Webseite: https://www.tonkuenstler.at/presse/Pressestimmen/Pressestimmen_Orozco-Estrada Dass ein "Nachwuchs"dirigent (36) euphorische Kritiken einfährt, bedeutet doch nicht, dass er morgen wieder "vom Markt ist". Die Zeit der derzeit die Pulte beherrschenden Dirigenten geht irgendwann zu Ende - und da ist es doch nur gut, wenn sich junge Talente auf den Weg machen und auch wahrgenommen werden.
5.
prokowjew 05.05.2013
Der Mann ist gut, Ihr könnt's mir glauben! Dass er als Nachfolger von Rattle erwähnt wird, ist natürlich vollkommerner Blödsinn, da ist der gute Herr Theurich auf irgendwelches Agentengelaber reingefallen. In 15 Jahren vielleicht. Der Grund, warum so einer so schnell gehypt wird: Es gibt einfache so wenige gute. O.-Estrada ist freundlich, begeistert von der Musik und kann das auch vermitteln, probt gut und hat einen präzisen und schönen Schlag. Das ist mehr, als 95 Prozent aller sich in Deutschland sonst so bemühenden "Profi"-Dirigenten zu bieten haben. Deshalb wird er ein bisschen gehypt. Und wenn er oder sein Agent sich nicht sehr doof anstellen (es gab da z.B. einen Vorfall mit einem abgesagten Konzert in Deuschland wegen eines angeblich fehlenden Visums), wird er seine Karriere machen. Es sind schon viel weniger gute als der seeeehr weit gekommen.
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