Zum Tode von Anita Pallenberg Mehr als ein Groupie

Frau von Keith Richards, Junkie, talentierte Schauspielerin: Anita Pallenberg war eines der Gesichter der Rock-Ära. Nun ist die Deutsch-Italienerin im Alter von 73 Jahren gestorben.

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Eine morbide Schönheit in einem bodenlangen Kleid schleppte sich 1968 durch den surrealen Dramathriller "Perfomance". Verlangsamt, irr, nicht von dieser Welt. Es war: Anita Pallenberg, die in dem Film von Nicholas Roeg neben Mick Jagger spielte. Nach dem Auftritt habe man ihr viele große Rollen angeboten, sagte Anita Pallenberg mal: "Ich habe aber immer abgelehnt." Welche Geschichte ihr Leben wohl erzählen würde, hätte sie die drogenumnebelte Entrückung häufiger gespielt, statt sie exzessiv zu leben?

Anita Pallenberg, 1944 in Rom als Tochter eines Italieners und einer Deutschen geboren, arbeitete als Model und Schauspielerin; als sie 1967 in Volker Schlöndorffs Krimidrama "Mord und Totschlag" die Mörderin Marie spielte, wurde sie in Cannes als "wahre Entdeckung des Festivals" gefeiert.

Doch Auftritte wie diese - Pallenberg spielte in den Sechzigern unter anderem auch neben Jane Fonda in "Barbarella" und im Stück "Paradise Now" des Avantgarde-Ensembles "The Living Theatre" - blieben immer kleine Ausschläge in einem Leben, von dem vor allem eine große Erzählung bleibt. Denn die Zweischneidigkeit des Groupiemythos - den Glamour, Jetset und Rausch einerseits, die Sucht, die Selbstzerstörung und die undankbare Rolle als Frau an der Seite eines Megastars andererseits - bündelte Pallenberg so früh und so prototypisch in sich wie kaum eine andere.

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Anita Pallenberg gestorben: Leben vor und nach den Stones

Pallenberg, 20 Jahre, schön, langbeinig, auf alten Fotos oft mit einem dunklen Lauern im Blick, suchte früh die Nähe des Kultur-Jetsets, sprach viele Sprachen, kannte sich aus: In Rom traf sie Pasolini , in New York hing sie bei Andy Warhols Factory ab. 1965 lernte sie bei einem Rolling Stones-Konzert in München backstage Leadgitarrist Brian Jones kennen - das angebotene Gras nahm er nicht, aber sie dafür mit auf sein Hotelzimmer. Als aber Jones' Drogenabsturz begann, der später zum Rauswurf und in seinen Tod führen sollte, verprügelte er Pallenberg. Und die lebte daraufhin für mehr als zehn Jahre an der Seite von Keith Richards; begleitete ihn auf Schritt und Tritt und bekam drei Kinder mit ihm.

2001 erinnerte sich der Fotograf Dominique Tarlé im SPIEGEL an einen Sommer, den er mit dem Paar und Sohn Marlon 1971 an der französischen Riviera verbrachte - beide hatten gerade einen Entzug hinter sich, in Tarlés Erinnerung blieben träge, tagelange Gespräche in verwilderten Gärten. Ein sonnenverbranntes Durchatmen, bevor die Ruhe durch Musiker, Techniker und Drogendealer gestört wurde, weil die Stones hier "Exile on Main Street" aufnehmen sollten. Der Fotograf schrieb später über Pallenberg und Richards: "Es war, als hätte ich eine Familie gefunden."

Eine Autobiografie zu schreiben interessierte sie nicht

1976 - eine Zeit in der Geschichte des Stones, in der der künstlerische Fortschritt gegenüber dem größenwahnsinnigen Drogenexzess in den Hintergrund trat - starb Richards' und Pallenbergs dritter Sohn an plötzlichem Kindstod. Nick Kent, Rockjournalist und Freund der Stones, schrieb über das Paar damals: "Ich dachte, ich würde sie nicht mehr lebend wiedersehen, so zerstört waren sie."

Ein Jahr später wurden beide mit großen Mengen Heroin und Kokain in einer Hotelsuite in Toronto erwischt, kurz darauf ging die Beziehung in die Brüche - vermutlich unter anderem auch, weil der Beraterzirkel um die Stones, die längst zu einem eigenen Unternehmen geworden waren, Pallenberg als schlechten Einfluss auf den Übermusiker brandmarkten.

1979 war Richards noch immer druff, aber irgendwie funktionsfähig, flog im Privatjet um die Welt und war frischverliebt in das Model Patti Hansen - und Pallenberg verschwand bis Ende der Achtzigerjahre in Drogen und Alkohol. Und dann ganz einfach auch in der Privatheit. Studierte Modedesign, fand sich aber auch hier trotz positiver Kritiken auf ihre Arbeiten nie ganz ein. Nur selten tauchte sie in kleineren Filmrollen auf, unter der Regie von Stephen Frears und Harmony Korine.

Vor zehn Jahren besuchten zwei "Observer"-Journalistinnen Pallenberg in ihrer Wohnung in Chelsea. Sie trafen eine Frau, die nach zwei Hüft-OPs leicht hinkte, vom Gärtnern schwärmte und erzählte, dass sie an neuen Orten noch immer instinktiv zuerst die WCs begutachte, weil sie in ihrer Drogenzeit so viel Zeit auf der Toilette verbrachte. Die weder bitter wirkte noch legendär, sondern über ihr Leben so sprach, als sei sie selbst ein Stück abwesend in ihrer Biografie. Richards sehe sie nicht mehr so häufig, wie sie wolle, sagte sie damals, weil er weit weg lebe und weiter "nach der Sonne jagt".

Keith Richards veröffentlichte 2010 seine vielbeachtete und gefeierte Biografie. Pallenberg unterzeichnete mal einen Buchvertrag, schrieb ihr Leben aber nie auf: "Der Verlag wollte nur alles über die Stones und mehr Dreck über Mick Jagger hören, das interessierte mich nicht", sagte sie. Richards sagte mal über sein erstes Treffen mit Pallenberg: "Sie wusste alles. Und sie konnte das, was sie wusste, auch noch in fünf Sprachen sagen - sie erschreckte mich zu Tode."

Anita Pallenberg wurde 73 Jahre alt. Ihr Tod wurde von ihrer Freundin Stella Schnabel auf Instagram bekanntgegeben.

I have never met a woman quite like you Anita.

Ein Beitrag geteilt von Stella Madrid �� (@stella__schnabel) am



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