ESC-Duo S!sters Ein bisschen mehr Story wäre auch ganz schön

Mit dem Anti-Zicken-Song "Sister" wird Deutschland zum Eurovision Song Contest nach Israel reisen - und mit ihm ein Frauenduo vom Reißbrett. Dabei hätte es eine Kandidatin gegeben, die man so tatsächlich noch nicht gehört hat.

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Selten trafen schon die ersten Zeilen eines ESC-Beitrags so Zahnarztbohrer-treffsicher den Nerv der chronisch gebeutelten Songcontest-Fanschaft. "I'm tired / Tired of always losing", beginnt "Sister", der frisch ermittelte deutsche Beitrag für den diesjährigen Gesangswettbewerb in Tel Aviv.

Allerdings geht es im weiteren Verlauf des Liedes dann nicht um die tiefen, ausgelatschten Tränentäler, in denen die ja gern mal im Bückwarenbereich platzierten deutschen Beiträge seit einigen Jahren - bis auf wenige erfolgreichere Ausreißer - regelmäßig wandeln. Das wäre aber eigentlich auch mal eine ulkige, nur minimal selbstreferenzielle Idee.

Nein, "Sister", gesungen von einem Frauenduo namens S!sters, prangert vielmehr den Umstand an, dass Frauen sich gegenseitig oft anzicken und runtermachen.

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ESC-Vorentscheid: Aseptisch agenturgeboren

"Sorry for the drama / I tried to steal your thunder", singen Carlotta Truman und Laurita Spinelli also, während sie sich auf einer Drehbühne umkreisen, und freilich hätte man sich auch eine etwas feministischere Botschaft wünschen können als die Anklage, dass Frauen sich das Leben eben gegenseitig schwermachen. Aber eigentlich ist das auch egal, da sich der Beitrag ohnehin so konstruiert anfühlt, wie er auch tatsächlich ist.

S!sters ist echte Reißbrett-Anlassarbeit. Die beiden performenden "Schwestern" kennen sich erst seit ein paar Monaten, sie wurden einzeln gecasted, da war ihr Lied schon von einem internationalen Schreibteam zusammengezimmert worden.

Ein modern gemeintes Ausrufezeichen

Das erinnert einerseits daran, dass der ESC, streng formal gesehen, ja ein Texter- und Komponistenwettbewerb sein soll, aber ein bisschen mehr echte Story wäre andererseits doch auch ganz schön - wie bei Michael Schulte, der im vergangenen Jahr in Lissabon mit "You Let Me Walk Alone" einen umjubelten vierten Platz holte und von der erlebten Kindheit, dem eigenen Vater sang. "Sister" und S!sters wirken im Vergleich so aseptisch agenturgeboren wie das modern gemeinte Ausrufezeichen in ihrem Namen.

Die anderen sechs Beiträge waren indes nicht wesentlich aufregender, meist sangen Balladeure und Balladeusen allzu generische, hundertfach gehörte Nummern. Gregor Hägele (dessen Einspielfilm ihn zwar bei der Zubereitung eines zusammengebrampften Nudelgerichts zeigte, aber seine Halbfinal-Teilnahme an "The Voice of Germany" dezent verschwieg), tat sich keinen Gefallen mit den Kopfstimmparts seines Liedes.

Aly Ryan erinnerte mit Trickkleid, Glitzerturnanzug und Darbietung auf einem Laufband an alte ESC-Tugenden, Makeda wurde für ihre Soulballade statisch in ein Goldkleid gezimmert, obwohl sie zuvor in ihrem Einspielfilm vor allem mit deutlich dynamischerer Bühnenpräsenz überzeugt hatte. BB Thomaz, eine weitere "Voice"-Veteranin, sang mit zentral-frontalem Haarknödel und Schlitzkleid über innere Dämonen, die doch bitte zur Hölle fahren sollen, und klang dabei eher wie eine dann doch noch rausgeschnittene Nummer aus der "Buffy, the Vampire Slayer"-Musicalfolge.

Linus Bruhn, ebenfalls von "The Voice" abgestaubt, sang einen agitatorisch gemeinten Aufruf, mal das Handy wegzulegen und eine neue Gesellschaft aufzubauen. Im Refrain miauten dazu Quietschtiere aus vergangenen Jamba-Sparabo-Klingeltönen, auf der LED-Wand im Hintergrund leuchteten Worte wie frisch aus einer Miracle-Morning-Zeremonie: together, strong, liberty - und "confindent".

Lilly among clouds stach mit ihrem björkigen Song "Surprise" und leicht schrulliger Fuchtel-Perfomance vielleicht als einzige wirklich interessante, weil so tatsächlich noch nicht gehörte Kandidatin heraus.

Ackern gegen die Ödnis

Insgesamt fehlte den Beiträgen der Schmackes, mit dem die Moderatorinnen Barbara Schöneberger und Linda Zervakis als routinierte Show-Loks die Sendung aufgleisten. Irritierend allerdings Schönebergers Oberarmschmuck, eine polygone Faltarbeit, die wirkte, als sei Schöneberger eine Computeranimaton mit kleinem Renderfehler.

Beide Moderatorinnen ackerten munter gegen die Ödnis an, die auch die extrem langweiligen Vorstellungsfilmchen der Kandidatinnen und Kandidatinnen verbreiteten - mit Castingshow-Plattitüden aus der Hölle. "Man kann den richtigen Song nicht erzwingen." "Musik bedeutet für mich alles." "Ein guter ESC-Song muss die Herzen der Menschen treffen."

So viele Allgemeinplätze wurden da betoniert, dass man sich dringend einen Kandidaten wünschte, der zu Protokoll geben würde, och na ja, Musik sei ihm eigentlich wurscht, er sei hier eben irgendwie so reingeraten. Aber nein, alle leben allein für die Musik, alle singen sie schon, seit sie Kinder sind - gibt es eigentlich auch Kinder, die keine Lieder singen?

Abgestimmt wurde dann nach dem dreiteiligen System aus dem Vorjahr: In gleichen Teilen wurden die Stimmen der anrufenden Fernsehzuschauer, einer Jury aus 100 ESC-Fans und einer internationalen Expertenjury gewertet, letztere zusammengesetzt aus irgendwie ESC-verbandelten Menschen aus diversen Teilnehmerländern. Zumindest diese Experten-Komponente wirkt immer noch leicht erratisch, weil - wenigstens einem durchschnittlich missgünstigen Menschen - unklar bleibt, warum das ESC-Personal aus anderen Ländern so abstimmen sollte, dass Konkurrent Deutschland tatsächlich mit dem besten Titel zum Wettbewerb fährt.

Nach länglichem Auszählpausenprogramm, bestehend aus der mit Sprechchören bejubelten Lena Meyer-Landrut, Revolverheld, Udo Lindenberg, der mit seinem Lied "König von Scheißegalien" subtil auf die Voting-Ergebnisse einstimmte, entschied sich die internationale Jury für S!sters.

Die Fans hätten lieber Aly Ryan nach Israel geschickt, doch auch die abstimmenden Zuschauer wählten schließlich den Beitrag über mangelnde Frauensolidarität. Am 18. Mai kann man sich anschauen, wie der deutsche Beitrag in Tel Aviv abschneidet - tired of always losing, wie immer.

insgesamt 66 Beiträge
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HanzWachner 23.02.2019
1. Arme Frau Rützel...
...hat sie doch diesen ESC-Wettgesang der Balladeure und Balladeusen offenbar von Anfang bis Ende mitverfolgt. Das ist mir leider nicht gelungen, doch durch gelegentliches Reinzappen kann ich den wunderbar treffenden Text von der bewährten Kritikerin nur unterstreichen. Auch die Rollen von Tagesschausprecherin Linda Zervakis und Wortschwall-Tsunami Barbara Schöneberger sind genau beschrieben: bemühte Gute-Laune-Feen im Reich der musikalischen Ödnis. Ich freue mich heute schon auf Frau Rützels Betrachtung des ESC-Endwettbewerbs in Tel Aviv.
krustentier120 23.02.2019
2. Niemand hat vor, den ESC zu gewinnen
Den ESC auszutragen ist eine extrem kostspielige Angelegenheit, ihn nur zu Übertragen das Gegenteil. Als Gebührenzahler freue ich mich jedes Mal, wenn dieser Kelch an uns vorbei geht.
tuuuraaan 23.02.2019
3. hallo frau rützel...
...ihr beitrag war 1000x unterhaltsamer, als die sendung! danke lg didi
spon_7302413 23.02.2019
4. Gecastet und kontruiert?
Also alles wie immer. Kennst Du eine/n, kennst Du alle. Wer sich diese gekünstelten und durchgestylten Shows mit Protagonisten aus dem Panini-Album für Schnittmuster zum Selberfaken immer noch antut, sollte doch eigentlich wissen, auf was das hinausläuft und was auf das Publikum zukommt. Ist das wirklich noch der Rede und des Platzes im SPON, vom Sendeplatz für ein abendfüllenden vollsynthetischen Glitzerevent für die ganz flachen Ansprüche ganz zu schweigen, wert? Gecastete und von A bis Z gescriptete und gefakte Retortenmucke ist etwas für Geschmacksverirrte und Hirngewaschene. Wer sich an Musik erfreuen will, legt lieber eine gute Platte auf, oder suchen sich aus der Vielzahl der wirklich guten Angebote ein paar gefällige Tunes und haben damit eine gute Zeit, oder besucht ein echtes Konzert von echten Musikern - je nach Geschmack. Man sollte wieder mehr auf die Grundlagen eingehen: Musik ist nicht nur das, was "Medienmacher" und "Influencer" den Kids und den Unbedarften einreden wollen. Musik ist im Grunde eben etwas ganz anderes, als eine marktorientierte Ware, die aus dem Baukasten zusammen gesetzt wird, wie es heute üblich geworden ist, soweit "öffentliche Wahrnehmung" im Fokus steht. Das gerät leider immer mehr in Vergessenheit. Das eigentlich Traurige ist, das es immer seltener bemerkt wird, was durch die allgegenwärtigen Kommerzialisierung verloren geht.
peter_rot 23.02.2019
5. Danke Anja
Besser hätte man diese Tristesse nicht beschreiben können. Und das Ganze kostet dann ja auch noch viel Geld. Wann steigt Deutschland aus dem ESC aus?
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