Kultur

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Berghain-Konzert von Anna Calvi

Kafka im Geschlechterkrieg

Als ich eines Morgens aufwachte und ein Mann war: Anna Calvi führte im Berliner Berghain ihre martialisch schönen Geschlechter-Metamorphosen auf. Ein Großereignis des Pop.

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Mittwoch, 13.06.2018   17:11 Uhr

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Anna Calvi hat sich einen Laufsteg mit ins Berghain mitgebracht, er führt von der Bühne in die Mitte des hohen Saals. Sie paradiert und posiert darauf, sie reckt die Faust in den Himmel und fällt wie aus dem Nichts zu Boden. So wälzt sie sich im sorgsam auf sie gerichteten Spotlight mit ihrer elektrischen Gitarre auf dem Kunststoffsteg, den Leib durchfahren krampfhafte Zuckungen. Ist da irgendwas in ihrem Körper, was raus will?

Calvi hat nicht nur ihren Laufsteg mitgebracht, sondern auch Songs, die zuvor noch kein anderes Publikum gehört hat. In einem seufzt sie, dass sie gerne ein Mann wäre, der seinen Körper öffnet, damit Frauen verstehen, was darin vorgeht. In einem anderen wispert sie, dass es ihr eigentlich doch egal ist, ob sie Mädchen oder Junge ist, Hauptsache, sie könne der Seelenspiegel ihres Gegenübers sein. Und in einem dritten, der gerade erschienenen Single "Don't Beat The Girl Out of My Boy", droht sie, dass es niemand wagen solle, das Mädchen aus ihrem Jungen zu prügeln. Körperpolitik auf die brutale Tour.

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Die Künstlerin ist ins ausverkaufte Berghain gekommen, um ihr drittes Album vorzustellen, das im August erscheinen wird. Es ist mit Abstand ihr bestes; der samtene, manchmal etwas zu geschmackvolle Morricone-Schmelz der frühen Tage ist fern. Für das Publikum ist der Auftritt in vielerlei Hinsicht eine Zumutung - eben auch deshalb, weil Calvi so gut wie keinen alten Hit spielt.

Jezebel und Eliza, die beiden überlebensgroßen Frauenfiguren ihrer ersten beiden Alben, hat sie daheim gelassen. Stattdessen singt sie nun über eine Reihe von Wesen, die sich geschlechtlich kaum eindeutig zuweisen lassen. Ich, sie, es, ich bin viele, ich bin vieles. So die Botschaft ihres Bühnenräume und Körpergrenzen überwindenden Großereignisses.

Leder auf der Haut, Blumen im Haar

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Calvi, die sich in der Vergangenheit vielleicht ein bisschen zu viel mit dem Modezaren Karl Lagerfeld rumgetrieben hat, marschiert in weißen Lederboots und rotem Ledertop über den Catwalk, eine geradezu theatrale Zuspitzung weiblicher Erotik - in ihren neuen Songs aber lösen sich alle Genderzuschreibungen auf. Wie Calvi selbst gleich am Anfang ihrer Show in dem neuen "Hunter" jubiliert: "I dressed myself in leathers, with flowers in my hair". Oder wie sie in "As Man" sinniert: "If I was a man and would open my Body / I would completely understand you".

Das Konzert wird zu einem kafkaesken Verwandlungserlebnis: Als ich eines Morgens aufwachte und ein Mann war.

Hintergrund dieses physischen und metaphysischen Kraftakts soll eine längere Auszeit von Anna Calvi in Straßburg gewesen sein. Während ihre Lebensgefährtin dort ihrem Job nachging, zog sie tagsüber in verschiedenen Rollen durch die Stadt, kombinierte geschlechtliche Attribute, die angeblich nicht zusammengehörten. Ein lustvolles, erkenntnisförderndes Experiment - das am Mittwoch im Berghain aufgeht, weil die Musik eine unglaubliche körperliche Dichte entwickelt.

Weit weg ist das elegant verschleppte Tremolo von einst, stattdessen legt die Gitarre eine extreme, schnellfingrige Dringlichkeit an den Tag. Rockism ohne Schwanz. Das treibt einige Besucher in den Biergarten, andere erliegen umso nachhaltiger Calvis Körperwechseldich-Spiel.

Als letzte Zugabe gibt es "Ghost Rider" von Suicide, auf den der exakt nachgebaute Elektro-Billy um Calvis Brumm-Brumm-Gitarre ergänzt wird. Wir folgen Anna Calvi sowieso bedingungslos durch jeden Gegenverkehr.


Anna Calvi auf Tour: Freitag, 9. November: Conne Island, Leipzig; Mittwoch, 16. Januar: Freiheiz, München; Freitag, 18. Januar: Astra, Berlin; Samstag, 19. Januar: Hamburg, Kampnagel; Dienstag, 22. Januar: Gloria, Köln

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