Klavier-Virtuosin Vinnitskaya Schostakowitsch in Vollendung

Von Schostakowitsch versteht die russische Pianistin Anna Vinnitskaya eine Menge. Auf ihrer neuen CD spielt und dirigiert sie eines der originellsten Klavierkonzerte des 20. Jahrhunderts - in Perfektion.

Gela Megrelidze

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Als wenn wir es nicht schon immer gewusst hätten: Piano und Percussion gehören zusammen! Wenn die junge Russin Anna Vinnitskaya in den beiden Schlusssätzen von Dmitri Schostakowitschs Klavierkonzert op. 35 wortsinnlich in die Tasten haut, dann knallt das sehr effektvoll.

Ist auch so gemeint, denn der Komponist hatte durchaus Grelles im Sinn, als er dieses eigenwillige Werk schuf. Schon allein die freche Solo-Trompete, die sich ständig neben das virtuos gehaltene Piano drängt, macht aus dem üblichen Klavier-Orchester-Dialog ein rasantes Rennen voller Überraschungen.

Dieser Parcours, den Schostakowitsch bereits 1933 absteckte, verlangt nicht nur die obligate Technik vom Solisten und vom Orchester, sondern auch Gespür für Zwischentöne. Vier knappe Sätze, rund 20 Minuten: Schostakowitsch, der epische Symphonien schrieb, konnte sich auch kurz fassen. Und dennoch alles sagen.

Ein rasantes Rennen mit Überraschungen

Anna Vinnitskaya kennt die musikalische Sprache von Dmitri Schostakowitsch von Kindesbeinen an. Ihre Eltern sind ebenfalls Pianisten. Bereits mit elf Jahren spielte sie am Konservatorium ihrer Heimatstadt Novorossijsk sein zweites Klavierkonzert. Sie fand von Beginn an einen spontanen, naiven Zugang zur Musik Schostakowitschs, die sie seitdem nicht mehr losließ.

Kein Wunder, denn wenige Komponisten vereinigen vielfältige Aspekte und Einflüsse so griffig. Dies gelang gerade im ersten Klavierkonzert mit Ideen, die jeden Virtuosen entzücken. Den weiten Bogen von russischer Volksmusik bis zum Jazz schlug Schostakowitsch äußerst raffiniert, stellenweise mit einem fast ironischen Spaß. Schon damals kümmerte sich Schostakowitsch nur ungern um die Erwartungen, die die sowjetischen Kulturbeamten und später Stalin an seine Kunst stellten, was sein Leben in der UdSSR nicht einfacher machte.

Kaum weniger farbig gelang Schostakowitsch das zweite Klavierkonzert op. 102 in F-Dur, das erst 1957 entstand, im selben Jahr wie seine viel diskutierte 11. Symphonie ("Das Jahr 1905"). Weitaus verspielter und optimistischer als die Symphonie, deren Thema der "Petersburger Blutsonntag" ist, bietet das knappgehaltene Klavierkonzert hochmelodisches Virtuosenfutter, perlende Läufe und wilde Rhythmik.

Illustre Gäste von der Staatskappelle Dresden

Anna Vinnitskayas Partner bei diesen Aufnahmen sind als Ensemble die von Geigenidol Gidon Kremer 1997 gegründete Kremerata Baltica und die Bläser der Staatskapelle Dresden. Die routinierte Kremer-Truppe, inzwischen eines der angesehensten Kammerorchester weltweit, wird beim ersten Klavierkonzert von Vinnitskaya vom Piano aus geleitet, was angesichts der frischen Zusammenarbeit mit den Kollegen aus Dresden umso mehr fasziniert. Den Trompeten-Part übernahm Tobias Willner, erster Solist bei der Staatskapelle Dresden.

Vinnitskaya und er befinden sich mit ihrer Aufnahme in illustrer Katalog-Konkurrenz: Martha Argerich spielte das erste Klavierkonzert mehrfach ein (darunter eine Top-Aufnahme mit dem Württemberger Kammerorchester und Jörg Faerber), und Elisabeth Leonskaja lieferte mit dem Saint Paul Chamber Orchester unter Hugh Wolff eine ebenso hochklassige Interpretation ab. Gar nicht zu reden von der Version des Spezialisten fürs Komplizierte, dem Kanadier Marc-André Hamelin (mit dem BBC Scottish Symphony Orchestra), dem der Klaviersatz gar nicht anspruchsvoll genug sein kann.

Doch Vinnitskaya und ihre Mitmusiker lassen im Vergleich keine Wünsche offen: Zupackend und detailversessen umspielen sie die technischen Tücken. Und so flink und sportlich muss man diese Vollblutpferde des Konzertzirkus heute auch angehen, wenn man ein Publikum gewinnen will, das dank YouTube und Internet stets alle Höchstleistungen in Klicknähe weiß.

Beim zweiten, späten Klavierkonzert dirigiert der israelische Pultstar Omar Meir Wellber, bei dem russische Komponisten stets in den besten Händen sind. Entdeckt von Daniel Barenboim und zunächst als Operndirigent erfolgreich, gilt Wellber inzwischen als feste Größe des Konzertbetriebes, der seine Balance zwischen Eigenwilligkeiten und Präzision gefunden hat.

Seine Version vom F-Dur-Konzert bringt die eingängige Melodik von Schostakowitsch auf den Punkt, was die witzige Perfektion des kleinen Wunderwerkes noch erhöht - und für Anna Vinnitskayas Virtuosität einen dicht gewebten Klangteppich ausrollt. Als Zugabe erfreuen das kleine Concertino op. 94 sowie die schwindlig drehende Tarantella - beides mit Ivan Rudin als Partner eingespielt. Dem Komponisten dürften die akkuraten Interpretationen gefallen haben - sind sie doch ein pures Fest für Schostakowitsch.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
lamprechtm 12.07.2015
1. unglaublich ,
wieviel Spass Musik macht.------------------
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