Anne Clark über Digitalisierung "Überwältigt von billigem Schrott"

Ihre Synthie-Poesie machte sie berühmt - nun wird Anne Clark in einer Doku verewigt. Hier spricht sie über ihre Liebe für Punk und Rilke-Gedichte. Und darüber, warum wir auf Facebook Neugier verlernen.

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Ein Interview von


Zur Person
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    Anne Clark, Jahrgang 1960, ist eine britische Poetin, Songwriterin, Sängerin und Musikerin. Aufgewachsen im Punk-Umfeld in Süd-London, wurde sie bekannt mit Songs wie "Sleeper in Metropolis" oder "Our Darkness", die in den Achtzigerjahren für Szenen wie Dark Wave und Synthie-Pop zu Klassikern wurden. 2016 kündigte sie nach 36 Bühnenjahren ihre Abschiedstournee an. Der Filmemacher Claus Withopf hat ihr nun mit der Doku "I'll Walk Out into Tomorrow" ein Denkmal gesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Clark, Ende der Siebziger begannen Sie, Gedichte zu Musik aufzuführen - was war der Auslöser?

Anne Clark: Damals in London sind all diese 16-, 17-Jährigen vor Energie explodiert. Die Punkbewegung war da, und ich hatte Glück, dass sie sich in meiner direkten Nachbarschaft in Bromley abspielte: Siouxsie and the Banshees, The Damned, Generation X - alle waren um mich herum. Ich war in der Mitte eines Sturms.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Texten haben Sie von Anfang an Ihr Innerstes nach außen gekehrt - mussten Sie sich dazu überwinden?

Clark: Ja, aber ich habe das schnell als befreiend empfunden. Ich war ein introvertiertes, scheues Kind aus einem komplizierten und gewalttätigen Elternhaus. Dort hatte ich nie eine Stimme. Das Aufführen meiner Texte gab mir plötzlich diese Stimme. Und weil ich auch Musik liebte - mit 14 begann ich, in einem Plattenladen um die Ecke zu arbeiten - war es logisch, beides zusammenzubringen. Künstler wie Patti Smith oder Laurie Anderson hatten ja vorher schon Genres vermischt.

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Fotostrecke: "Yo, Anne Clark!"

SPIEGEL ONLINE: Ist es Ihnen wichtig, welches Musikgenre unter Ihren Texten liegt?

Clark: Am Anfang habe ich meine Texte zu Punk aufgeführt. Aber ich war immer großer Fan der deutschen Krautrockszene, Tangerine Dream, Kraftwerk - diese Musik beeinflusste mich und die Musiker, mit denen ich arbeitete, enorm. Ich mag auch Klassik sehr gern, und habe jetzt viele klassische, akustische Instrumente eingebaut. Ich versuche, ganz verschiedene Musikstimmungen zusammenzubringen.

SPIEGEL ONLINE: Spielen Sie ein Instrument?

Clark: Ich spiele viele Instrumente schlecht! Klavier, Geige, Flöte, Viola - aber ich bin zu ungeduldig. Wahrscheinlich würde bei mir heute ADHS diagnostiziert werden. Damals war ich einfach eine schlechte Schülerin mit zu wenig Disziplin.

Kurzkritik "I'll Walk Out Into Tomorrow"
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    Claus Withopfs Hommage an Anne Clark ist eine atmosphärische, mit visualisierten Texten der britischen Künstlerin zu einem sichtbaren Gedicht angereicherte Fan-Collage. Über zehn Jahre lang hat der Filmemacher Clark immer wieder besucht, ging mit ihr durch ihre Heimat Croydon, und war bei Proben in ihrem Übungsraum, bei Livekonzerten und Fotoshootings dabei. Die brüchige Struktur des Films unterstreicht dabei die assoziative Herangehensweise Clarks an ihre Themen, wirkt auf Dauer jedoch auch etwas unkonzentriert und beliebig. - Jenni Zylka

SPIEGEL ONLINE: In der neuen Doku "I'll Walk Out Into Tomorrow" sprechen Sie auch über Ihre Liebe zur klassischen Romantik.

Clark: Ja, ich hatte immer eine große Schwäche für Literatur aus dem 19. Jahrhundert.

SPIEGEL ONLINE: Was fasziniert Sie an dieser Kunst?

Clark: Die Schönheit. Und die Tiefe der Bedeutung: Rilke zum Beispiel brauchte nicht mehr als zehn Worte, um jemanden irgendwohin zu transportieren. Das ist die Magie der Kunst - es kommt nicht darauf an, aus welcher Zeit sie stammt; sie überwindet einfach Grenzen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist heute anders?

Clark: Man wacht morgens auf und geht sofort auf Social-Media-Kanäle, wo es massenweise schlecht gemachte Inhalte gibt. Ein anderes Verhalten muss neuen Generationen erst beigebracht werden - wir müssen sie lehren, neugierig zu sein. Aber weil wir so überwältigt sind vom Konsum von Klamotten, Essen, billigem Schrott, weil wir so stark damit bombardiert werden, ist es schwer, echte Leidenschaften zu entwickeln. Wir leben in einer "All you can eat"-Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Weil alles immer da ist, stirbt die Neugier?

Clark: Genau. Aber was ich am Internet und der virtuellen Welt wirklich schätze: Ich kann 10.000 virtuelle CDs besitzen, oder 50.000 virtuelle Bücher lesen, und muss sie nicht in mein Wohnzimmer stellen. Gleichzeitig bleibt natürlich so aber auch viel mehr Platz im Regal für anderen Mist! Wir leben in immer kleineren Wohnungen, aber kaufen immer mehr. Eine der irrsten modernen Erscheinungen sind Storage-Firmen, die einem anbieten, das Zeug, das man anscheinend ja doch nicht so nötig braucht, in einer Box weit weg zu lagern... Das muss aufhören!


"Anne Clark: I'll walk out into tomorrow"
Deutschland 2018

Regie: Claus Withopf
Darsteller: Anne Clark
Produktion: Kinescope Film, Neue Visionen Filmproduktion, TAG/TRAUM Filmproduktion
Verleih: Neue Visionen
FSK: ab 0 Jahren
Länge: 84 Minuten
Start: 25. Januar 2017


SPIEGEL ONLINE: Punk und Poesie - auch Kate Tempest oder die Sleaford Mods kommen aus Großbritannien. Zufall?

Clark: Ich fühle mich meinem Heimatland nicht sehr nah, ich habe keine Verbindung zu den Menschen dort. Sie verstehen mich nicht und umgekehrt. Darum habe ich darauf keine Antwort. Vielleicht ist ein Teil der typisch britischen Mentalität einfach sehr frustriert, wütend, aber - wir sehen es gerade - auch voller Vorurteile. Da will ich nicht mitmachen. Ich bin zwar auch wütend auf die allgemeine Intoleranz, was aber was momentan in Großbritannien fehlt, ist Respekt im Umgang miteinander.

SPIEGEL ONLINE: Das ist in Deutschland nicht anders.

Clark: Ja, aber ich glaube dass die deutsche Geschichte den Menschen beigebracht hat, ein bisschen mehr nachzudenken.

SPIEGEL ONLINE: Hören Sie sich moderne Künstler wie Kate Tempest an?

Clark: Ich höre gar keine moderne Musik. Ich weiß aber noch, wie ich vor vielen Jahren das erste Mal nach Chicago kam und dort nach dem Soundcheck in einer üblen Gegend herumlief. Und plötzlich kamen uns vier schwarze Typen entgegen, mit schlecht gelauntem Gesichtsausdruck, und ich dachte ängstlich: So, jetzt bin ich dran. Da sagte der eine: "Yo, Anne Clark! Sister, wir sind Fans!" Da war ich extrem erstaunt - Rap und Hip-Hop sind ja oft gewalttätig und aggressiv. Das war ein wichtiger Moment in meiner Karriere: Diese kleine Person aus Croydon trifft ihre Homies aus Chicago!

SPIEGEL ONLINE: Im Film erzählen Sie auch von Ihrer Auszeit in Norwegen, ein paar Jahre nach dem "Sleeper in Metropolis"...

Clark: 1987 wurde ich von meinem Plattenlabel und meinem Management über den Tisch gezogen. Sie drohten, meine gesamte Karriere zu zerstören. Ich ging also so weit weg wie möglich, um mich selbst wieder zu finden. Jetzt lebe ich nicht mehr dort, sondern in Norfolk, England, mitten in der Natur. Mit vielen Hunden.

SPIEGEL ONLINE: Dabei klingen Ihre Texte immer so, als ob vor allem die Stadt Sie inspiriert.

Clark: Ja, tut sie auch, aber negativ! Man schreibt schließlich, um die dunklen Perioden meines Lebens in den Griff zu kriegen. Insofern passt das.

Im Video: Der Trailer zu "Anne Clark: I'll walk out into tomorrow"

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
DieHappy 27.01.2018
1.
"Sleeper in Metropolis" ist ein Song für die Ewigkeit. Warum? Das Syntie Thema dabei ist so unfassbar gut, cool und zeitlos, ein Geniestreich. In-Ears rein, den Song an und durch die Gegend gehen, Urlaub, Aldi, egal. Das ist kein Gehen, das ist Grooven. Our Darkness hat auch noch einen guten Synthie Loop, ZAK lässt grüßen, aber nicht mehr so stark. Mit dem Rest von AC kann ich nicht so viel anfangen.
war:head 27.01.2018
2.
Großartige Frau und eine großartige Musikerin/Poetin. Wer etwas mit ihren Texten und ihrer Musik anfangen kann, sollte auf jeden Fall die Doku schauen. Nicht zuletzt deshalb, weil man sehr interessante Einblicke in die Hintergründe zu vielen Texten und ihrer Entstehung erhält. Man sollte allerdings vor allem an der Person hinter der Musik interessiert sein, denn darauf liegt der Fokus. (Es gab im Kino so einige fragende Gesichter, die offenbar etwas anderes erwartet haben.)
Japhyryder, 27.01.2018
3. Anne Clark
Klasse Interview. Ich mag Leute wie Anne Clark. Ich habe noch kein Interview mit ihr gelesen, das ich langweilig und banal fand.
zaunreiter35 28.01.2018
4. Anne Clark
mit ihrem "Sleeper in Metropolis"...Sie war auch so eine, die mich in mein Erwachsenwerden in den 80ern traf. Eine großartige Künstlerin und ein gutes Interview. Vielen Dank dafür! Und wenn Kate Tempest in ihr Micro hineinslamt, fühle ich mich an Anne Clark erinnert.
miriam_rosenstern 05.02.2018
5. Reinste Verschwendung
Oh, sicher gab es damals Leute, die sich mit depressiven Hausfrauen beschäftigt haben. Und es gab welche, die mit Sabrinas Summertime love durch Rom gefahren sind. Und es gab, gottlob, auch jene, die einfach alles mitgenommen haben. Die Zeit war reinste Verschwendung.
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