Abgehört - neue Musik Dinosaur Senior

Schlagschatten des Erfolgs: AnnenMayKantereit zeigen auf ihrem zweiten Album Brüche in der Biederkeit. Außerdem: Ice Cube pflegt seine Old-School-Legende, The Bevis Frond bauen ein Monument aus Gitarrenwällen.

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AnnenMayKantereit - "Schlagschatten"
(Irrsinn Records/Vertigo Berlin/Universal, seit 7. Dezember)

Okay, das haben wir nicht gewollt! Er habe nicht gewusst, ob er überhaupt noch mal ein Liebeslied schreiben wolle, sagte Henning May, Sänger der Kölner Band AnnenMayKantereit, neulich in einem Interview. Schwer irritiert zeigte sich die Band von der Kritik, die sich an den Mittelstands-Befindlichkeiten ihres - sehr erfolgreichen - Debütalbums "Alles nix Konkretes" entzündet hatte, unter anderem an dieser Stelle. Zu Unrecht fanden sich May und seine Kollegen zu Stimmen und Pop-Sprachrohren einer Generation Altbau-Spießigkeit erhoben, "auf einmal kam so eine Erwartung mit rein, die wir so gar nicht kannten", sagte May der "Welt".

Na ja, diese Erwartungshaltung, sich immer auch politisch zu verhalten, eine Bürde, der sich junge deutsche Rock- und Popbands noch nie entziehen durften, kennen AnnenMayKantereit spätestens jetzt. Umso schöner, dass ihnen trotzdem ein solides zweites Album gelungen ist. So oder so ist das ja nicht selbstverständlich: Die Platte nach dem großen Durchbruch und Erfolg, die ist ja meistens Mist.

Bei der ehemaligen Fußgängerzonenband AMK ist das anders: "Schlagschatten" hat eine hübsch balkanisierte Rumhänger-Hymne wie "Ich geh heut nicht mehr tanzen" ebenso wie den gekrähten Festivalbanger "Freitagabend", der sich über cruisende Machos lustig macht, implizit also auch die oft migrantisch geprägten Deutsch- und Straßenrapper disst. Muss man sich erst mal trauen, so als Weißbrot. Das Album ist streckenweise von einer Melancholie durchzogen, die nicht aufgesetzte Weltschmerzpose ist, sondern auf überraschend unpeinliche Art verkatert und authentisch wirkt (außer im zu seifigen Titelstück und einigen anderen Seichtigkeiten).

Andreas Borcholtes Playlist KW 50
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1 The Bevis Frond: Enjoy

 2 Die Türen: Miete, Strom, Gas

 3 Die Heiterkeit: Was passiert ist

 4 AnnenMayKantereit: Sieben Jahre

 5 Steve Gunn: Stonehurst Cowboy

 6 Justine Electra: Christmas In Berlin

 7 Lambchop: The December-ish You

 8 Sofia Portanet: Wanderratte

 9 Modeselektor: Wealth

10 Ice Cube: Can You Dig It?

May glückt in diesem Modus auch sein bisher schönstes Liebeslied, ein auf behutsam geklampften Gitarren und leisem Schellenkranz-Beat sanft durch einen alten Schmerz gleitender Chanson namens "Sieben Jahre", der sich an die verstorbene Mutter ebenso richten könnte wie an eine lang verflossene Liebe. So transzendent kannte man diese auf Eigentlichkeit abonnierte Band bisher nicht.

Die vermeintlich richtige Haltung zur radikalisierten und polarisierten Zeit bringen sie bis auf Weiteres nicht im Songwriting unter, sie findet sich aber - Nummer sicher! - in einigen Pamphlet-Sentenzen im CD-Booklet (u.a. "Kein Platz für Homophobie und Sexismus!"). Mit "Weiße Wand" ist jedoch so etwas wie ein politischer Song auf dem Album, der nun vielleicht tatsächlich absichtsvoll das "Und nun?"-Lebensgefühl der um die Dreißigjährigen auf den Punkt bringt: "Irgendwas hat sich eingebrannt/ Flüchtlingskrise fühlt sich an wie Reichstagsbrand", singt May, wie immer mit Kloß in wunder Kehle, zunächst mutig, nimmt das Statement aber gleich wieder zurück: "… auch wenn das nicht vergleichen kann". Die "Pocahontas"-Bräsigkeit des Debüts, spürt man, ist hier einer brüchigen Verunsicherung, einem vorsichtigen Tasten im weiten Raum zwischen äußerer Erwartung und innerer Überzeugung gewichen.

Interessant an dem elektronisch verstolperten Lied, einem trägen, nicht uncharmanten Trott, ist die Erkenntnis der eigenen Häschen-in-der-Grube-Existenz: "Ich bin jung und weiß in 'nem reichen Land", benennt May sein Geburtsprivileg - und gibt zu, damit nichts anfangen zu können: "Ich bin keiner von denen, die weiter wissen/ Ehrlich gesagt, ich krieg selber nie was geschissen". Als Schwarzfahrer in diesem "weißen Land" bezeichnet er sich in dem Song - das ist, trotz unglücklicher Metaphorik, eine durchaus berührende Offenbarung der eigenen Orientierungslosigkeit.

Aus ihr sind ja bekanntlich alle Wege offen, auch wenn bislang noch Lähmung herrscht: "Die Vögel scheißen vom Himmel/ Und ich schau dabei zu", heißt es an anderer Stelle, im angesichts der politischen Lage dann leider unbotmäßig fröhlichen "Marie". Klar, die Frau soll's dann am Ende richten - und alles wird gut? AnnenMayKantereit bleiben die Slacker-Kapelle, die am bröckelnden Abgrund steht und tapfer weitermuckt. Aber immerhin ist ihnen das jetzt bewusst - und das ist schon viel. (5.0) Andreas Borcholte

Ice Cube - "Everythang's Corrupt"
(Lench Mob/Interscope/Universal, seit 7. Dezember)

Angekündigt hatte O'Shea Jackson sein zehntes Album schon vor drei Jahren - und wie etwas, auf dem etwas zu lange herumgekaut wurde, hört es sich nun auch an. "Arrest The President", die pünktlich zu den Midterm Elections veröffentlichte Single, die mit Fanfaren dazu auffordert, Trump zu verhaften ("You've got the evidence/ That nigga is russian intelligence"), wirkt stilistisch und inhaltlich, als wäre es nachträglich aufgepfropft worden. Und so war es wahrscheinlich auch. Ähnliches gilt für das abrasive Titelstück und das ebenso klotzige "Chase Down The Bully".

Politisches Engagement in allen Ehren, aber es stellt sich durchaus die Frage, wen Rap-Veteran Ice Cube mit seinem Old-School-Sound und seinem - richtigen und wichtigen - Sermon über Drogen-Dilemmata im Ghetto, Polizeigewalt und das korrupte Justizsystem noch erreicht. Die jüngeren Hip-Hop-Fans, die kontroverse Edgyness in Text und Musik eher bei XXXtentacion oder 6ix9ine suchen, sicher nicht. An seine Solo-Großtaten "AmeriKKKa's Most Wanted" (1990), "Death Certificate" (1991) und "The Predator" (1992) konnte das N.W.A.-Gründungsmitglied von der West Coast nie so richtig anknüpfen.

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Am besten und schlüssigsten ist "Everythang's Corrupt" folglich immer dann, wenn Jackson, 49, seine eigene Legacy als Schwergewicht für einige gut abgehangene Tracks benutzt: "Ain't Got No Haters" (mit Too $hort) ist ein entspannter Neunziger-G-Funk, "That New Funkadelic" zelebriert unterhaltsam die P-Funk-Einflüsse des Hip-Hop-Pioniers, "Street Shed Tears" (mit Shamela Crawford) streckt sich nach Curtis Mayfields Conscious-Soul. Höhepunkt des durchwachsenen Albums ist jedoch, genau in der Mitte, der samplesatte und spannungsreiche Battle-Track "Can You Dig It", der Ice Cubes Mythos durch die Siebziger, Achtziger und Neunziger knüppelt. Nur in den Nuller- und Zehnerjahren schwächelt die Legende des "Super OG", der längst nicht mehr gefährlich wirkt. Zu früh für's Gangsta-Revival. (6.5) Andreas Borcholte

The Bevis Frond - "We're Your Friends, Man"
(Fire Records, seit 7. Dezember)

Ha, der Schelm: "I wanted to make the masterpiece you waited for/ But maybe I just can't do it anymore", singt Nick Saloman in "Enjoy", einem Song gewordenen Energieriegel, der sein ungefähr 23. Album eröffnet - vielleicht sind es auch ein paar mehr, seit Saloman 1986 als The Bevis Frond die Bühne britischer Rockmusik betrat.

Damals wie heute wirkt seine Musik komplett aus der Zeit gefallen, aber zugleich bezwingend: ein immer melodisch grundierter Riff- und Feedbacksturm, der mal durch Punk und seine Post-Formen wirbelt, mal in Psychedelik und Hendrix wabert oder in Folk- und Blues verharrt. Dazu erzählt Bänkelsänger Saloman, 65, mit Wehmut oder Sarkasmus aus seinen Gemütszuständen. Zu Bevis Frond, der verlässlichen Konstante, greift man immer dann, wenn man sich nach einem Sound sehnt, den Neil Young und Crazy Horse nur noch live bieten und Paul Weller inzwischen zu unsophisticated findet. Es ist, natürlich, Musik für alt werdende weiße Männer, die ihre Sentimentalität gern in Gitarrenlärm baden: Dinosaur Senior.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Auf ein Meisterwerk wartet die kleine, treue Fangemeinde natürlich nicht wirklich: Saloman hat schon diverse in seinem Ewigkeitsregister, ob "Triptych" (1988), "New River Head" (1991) oder "The Leaving Of London" (2011), große Unterschiede oder Evolutionssprünge gibt es da nicht mehr, aber das Niveau bleibt hoch.

So auch auf "We're Your Friends, Man", einem 85-Minuten-Brocken, den Saloman nach dreijähriger Schaffenspause mit kokettem Understatement hinwirft: "The twenty-somethingth swingin' disc/ The last thing on your christmas list". Der Druck seiner Soundwand ist ungebrochen, aber Saloman vergrübelt sich bis zum 13-minütigem Schlusswuhling "You're On Your Own" so nachhaltig in Altersmeditiationen, dass einem schwant: Vielleicht ist's nicht nur der letzte Zusatz auf dem Weihnachtswunschzettel, sondern auch einer der letzten Kraftakte dieser Band.

Saloman prokrastiniert lautstark, während er den Bäumen im Wald beim Wachsen zusieht ("Growing"), stellt sensibel fest, dass man ihn nun partout nicht mehr mit einem jungen Mann verwechseln kann ("Young Man's Game") und gibt sich milde gegenüber früheren Kämpfen und Giften: "And I'm feeling okay/ And maybe they really like me/Cause it's hard to believe these decades have all been spent in vain", seufzt er in "Venom Drain".

In der zarten Ballade "Birds Of Prey" sieht er bereits die Geier über seinem Vermächtnis schweben, um sie gleich darauf, mit dem sinistren Stoner-Blues "...And Relax" wieder zu verscheuchen. "It's just what I am/ And I'll play for the few while I can", fasst der Stadionrocker im Pub-Format sein Credo im selig vergniedelten "Theft" zusammen. Würde er nicht selbst ein Monument nach dem anderen bauen, man müsste Nick Saloman ein Denkmal setzen. (9.0) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
ty coon 11.12.2018
1.
Aaah, Bevis Frond, ewig nicht gehört, den Namen. Eine der unterschätztesten Bands überhaupt. Die werde ich mal wieder auflegen ...
scream queen 12.12.2018
2.
Das abrasive Titelstück resoniert bei mir jetzt auch nicht so, jedenfalls nicht instantan, gratifikationsmäßig, I mean. Könnt Ihr eigentlich auch Deutsch oder nur noch Pseudoenglisch?
Derwatt 12.12.2018
3. The Bevis Frond?
Nie gehört, aber vor ein paar Tagen die - ebenfalls sehr positive - Kritik auf laut.de gelesen. Heute gestreamt - und: Was für eine unglaublich gute Platte! So schräg und abseitig "Abgehört" oft auch ist (jedenfalls für mein Empfinden): Das Lesen lohnt allemal.
freddykruger 12.12.2018
4. oje oje
selbst mir gefällt The Bevis Frond.
Neandiausdemtal 12.12.2018
5. Ja, ja!
Bei allem Sch... den alte weiße Männer inzwischen so bauen, die Musik, die sie mal fabriziert haben bzw. noch fabrizieren, ist erste Sahne.
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