Popband AnnenMayKantereit "Ey, sing mal! Ich will noch mal die Stimme hören!"

Vier blasse Jungs Mitte 20, die weite Pullis tragen und Folk-Pop spielen: AnnenMayKantereit sind die deutsche Band der Stunde. Hier sprechen sie über ihre Anfänge als Straßenmusiker und die Scheu vor politischen Inhalten.

Ein Interview von

Fabien J. R. Raclet

Sie singen über Liebe, Zukunftsängste, das WG-Leben und Konflikte mit den Eltern. Die Band AnnenMayKantereit - zusammengesetzt aus den drei Nachnamen der Gründungsmitglieder - klingt nach beschwingtem Mundharmonika-Blues, der auf Pop heruntergepegelt wurde. Wenig Diskurs-Rock, eher kumpelhafte Poesie, die ein wenig an die Neunzigerjahre-Teenie-Band Echt erinnert. Kurz: gnadenloser Mainstream.

Und tatsächlich: Auffällig viele Leute können sich auf den Kuschel-Pop von AnnenMayKantereit einigen. Anscheinend liefert die Gruppe nicht nur eine Begleitmusik für prä- und postpubertären Alltag, sondern bietet auch jungen Eltern und Hipstern, Yoga-Lehrern und Büroangestellten, Städtern wie Landbewohnern eine musikalische Heimat.

Die Bandgeschichte im Schnelldurchlauf: Christopher Annen, 25, Henning May, 23, und Severin Kantereit, 24, machen in Köln Abitur. Später kommt noch Malte Huck, 22, dazu. Statt "Studium oder Ausland" gründen sie eine Band. Sie spielen in Fußgängerzonen und auf Campingplätzen, eigentlich überall, wo sich eine Bühne bietet. Gibt es keine, dann spielen sie auf der Straße, oft in der Kölner Innenstadt.

Statt frühzeitig einen Vertrag bei einer Plattenfirma zu unterschreiben, bleiben sie aber lieber unter sich. Nehmen erste Demos auf, finanzieren über eine Crowdfunding-Aktion ihre ersten Studioaufnahmen. Und sie touren. Allein im vergangenen Jahr spielten sie gut hundert Konzerte. In diesen Tagen erscheint beim Major-Plattenlabel Universal das neue Album "Alles Nix Konkretes" (Rezension hier lesen).

SPIEGEL ONLINE: Auf der Straße haben Sie angefangen, Musik zu machen. Was lernt man dort?

May: Dass es okay ist, wenn Tausende Menschen vorbeigehen. Du darfst dich nicht zu wichtig nehmen. Es gibt einen Satz von dem Musiker Gisbert zu Knyphausen: "Es dauert lange, bis du lernst, ein Niemand zu sein." Den finde ich schön.

SPIEGEL ONLINE: Und was verdient man als Straßenmusiker?

Kantereit: Kommt auf das Wetter und die Jahreszeit an. Im Winter können das in zwei Stunden locker 150 Euro sein. Vor Weihnachten jedenfalls, da haben die Leute noch Geld und gute Laune.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach einem einfachen Job.

May: Na ja. Fremde Leute greifen dir in die Gitarre, halten dir das Metronom an den Kopf oder schreien, dass sie jetzt Matthias-Reim-Songs hören wollen. Dadurch reagiere ich heute aber entspannter, wenn nach dem Konzert jemand sagt: "Ey, sing mal! Ich will noch mal die Stimme hören."

SPIEGEL ONLINE: Ihre tiefe und markante Stimme ist das Markenzeichen der Band. Nervt das schon?

May: Mich nervt nur die Frage, ob meine Stimme so klingt, weil ich zu viel saufe. Aber der Impuls, eine Band erst mal nur über den Sänger wahrzunehmen, ist mir nicht fremd. Ich meine, von den Toten Hosen kenne ich auch nur Campino.

Huck: Wir wissen selbst, wie wertvoll die Stimme von Henning ist. Sie unterscheidet uns von anderen Bands. Wenn das dazu führt, dass Menschen unsere Musik hören, ist das doch super.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Liedern geht es viel um Liebe, WG-Leben, das Alltägliche. "Oft gefragt" ist ein versöhnliches Lied an den Vater. Alles ganz schön brav.

May: Wir haben uns nie um einen Rebellencharme bemüht. Wir machen reduzierte und handgemachte Musik. Die sollte jeder verstehen.

Kantereit: Viele Bands profilieren sich auch mit einer politischen Attitüde, ohne dabei wirklich konsequent zu sein. Oft sind das leere Slogans. Das finden wir etwas komisch.

SPIEGEL ONLINE: Keinen Bock auf Protest?

Annen: Uns stören auch viele Dinge in der Gesellschaft oder in der Politik, aber wir scheuen uns im Moment noch etwas, solche Gedanken publik zu machen. Wir müssen gerade erst mit dieser neuen Situation klarkommen.

SPIEGEL ONLINE: Die Tour im Frühjahr ist ausverkauft. Auf der Straße hängen jetzt große Plakate für Ihr neues Album. Wie kommen Sie damit klar?

May: Es gibt oft die Frage, ob sich das zu schnell anfühlt. Aber wir haben diese Entwicklung in vielen kleinen Schritten erlebt. Vor einem halben Jahr sind wir noch mit dem Fernbus von Köln nach Berlin gefahren, weil es günstiger war. Jetzt können wir zumindest den Zug nehmen.

Kantereit: Es gab Leute, die haben sich aufgeregt, warum wir unsere Konzerte nicht in größere Hallen verlegen. Aber es ist so: Wir haben von Anfang an alles selbst gemacht: 30 Bars für Konzerte in Berlin angeschrieben, von denen zwei geantwortet haben, Musik selbst finanziert, aufgenommen und über das Internet verkauft. Natürlich könnten wir jetzt in größeren Hallen spielen, aber uns würde ein Schritt dazwischen fehlen.

SPIEGEL ONLINE: Bisher haben Sie alles in Eigenregie gemacht, nun sind Sie bei einem großen Plattenlabel. Welche Kompromisse mussten Sie bereits eingehen?

Annen: Ich habe nicht das Gefühl, dass wir viele Kompromisse machen mussten. Wir haben die Dinge so lange selbst gemacht, dass wir wissen, was wir wollen. Wir geben jetzt nur mehr Sachen ab.

SPIEGEL ONLINE: Auffällig ist zum Beispiel, dass Sie lange nicht auf Plattformen wie Spotify vertreten waren. Nach Ihrer Vertragsunterzeichnung tauchen Sie dort nun auf.

Annen: Wir hatten dazu lange keine Lust. Dann haben wir bei unserem Label unsere erste EP noch mal herausgebracht und sind damit jetzt auf Spotify zu finden. Wir haben viel diskutiert und sind zu der Erkenntnis gekommen, dass man einen Spotify-Kanal braucht. Wir haben aber nicht zähneknirschend dem Label zugestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich aus Ihrer Sicht mit YouTube und Spotify die Wertigkeit von Musik verändert?

Kantereit: Für uns war es wichtig, das Internet zu nutzen. Wir hatten kein Geld und konnten auf YouTube unsere Videos teilen. Damit haben wir Aufmerksamkeit bekommen und schließlich Konzertanfragen.

Huck: Mich persönlich stört es, wie Menschen heute Musik konsumieren. Ich merke das auch in meinem Umfeld: Da wird immer seltener ein Album komplett gehört, sondern nur die erste Single. Die Vorstellung, dass man viel Arbeit in ein Album steckt und dann macht jemand nach dem ersten Lied aus - das ist schon hart.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrem Instagram-Account gibt es viele Konzertfotos, gleichzeitig schimpfen Sie mit den Fans, die Ihre Auftritte mit dem Handy filmen. Warum?

May: Es ist ein Unterschied, ob jemand das ganze Konzert filmt oder ein Tour-Mitglied bei der Zugabe ein Foto von uns macht. Wir wollen das Smartphone-Ding gar nicht verteufeln, aber für das Erleben von Musik sollte man sie auch hören und nicht ständig überlegen, wie man sie am besten mit der Kamera einfängt. Der Witz ist: Niemand schaut sich das später an. Von uns hat nur Severin ein Smartphone. Wir leben die sozialen Medien mit der Band so extrem aus, dass man als Privatperson schnell erschöpft ist

SPIEGEL ONLINE: Wann hatten Sie erstmals das Gefühl: Das klappt mit der Musik?

May: Es gab viele Momente: Das erste Mal auf einem Festival, als das Publikum unseren Namen gerufen hat. Das erste Mal in einem Studio aufnehmen. Das erste Mal in Berlin auf der Straße erkannt werden. Mit Clueso auf Tour, mit den Beatsteaks auf Tour. An meiner Kühlschranktür klebt ein Zeitungsartikel, in dem Klaas Heufer-Umlauf sagt, dass wir seine musikalischen Vorbilder sind. Ich meine: Wie weit ist es gekommen!?

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insgesamt 21 Beiträge
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Leser161 21.03.2016
1. Schwierig
Eine sehr markante Stimme. Allerdings sehe ich das auch als das Problem der Band. Die Stimme des Sängers ist zu markant. Auf 'Hurra diese Welt geht unter' (o.ä) ist Henning May der Kontrapunkt im Refrain und es funktioniert wunderbar. In Liedern die er allein bestreitet ist sie m.E. too much. Wobei, er kann ja auch mit weniger Kabumm singen. Allerdings haben die Lieder dann nicht mehr viel, da müsste man noch ein weiteres Schmankerl setzen. Aber - meine Meinung. Wenn die Jungs trotzdem langanhaltenden Erfolg haben, so ist das auch super.
cherrypicker 21.03.2016
2. Omg
Ein Lob von Klaas Heufer-Umlauf ist also das höchste der Gefühle. Puh! Dabei ist das der überbezahlteteste Berufsjugendliche des Deutschen Fernsehens. Geht auf die 40 zu und ist immer noch in der Pubertät. Ich würde mich eher erschießen, wenn mich so jemand lobt. Das sagt schon sehr viel über die Band aus. Ich hab mir die Jungs auch mal angehört, letzte Woche bei "aspekte". Was für ein Hype. Na gut, melancholische Jaule-Musik liegt ja zurzeit voll im Trend. Aber nicht für mich. Wenn ich mich gruseln will, reicht schon Helene Fischer. Die werden den Zeiten in der Fußgängerzone noch nachtrauern.
joe_ucker 21.03.2016
3. Erstaunlich, wie SPON diese Band hochjubelt
Ok, die sind nicht schlecht. Aber ein Highlight sieht sicherlich anders aus. Und wer nach der EP das Album gehört hat, wird danach an Ohrenkrebs leiden. Eine Abmischung die - vorsichtig ausgedrückt - anscheinend von Musikunkundigen auf Geheiß eines mainstreamgierigen Managements durchgeführt wurde. Auch so kann man sich seine Zukunft ruinieren.
lenteimpelle 21.03.2016
4.
Ich finde die Band super. Jedoch ist es schade, dass deutsche Musik zu machen, reine Zeitverschwendung ist für einen Künstler.
xenoxx 21.03.2016
5. Immer die gleiche Leier
Kaum haben die vier jungen Männer am Erfolg geschuppert, hagelt es hier im Forum Kritik von Berufsbesserwissern und Abfälliges von den ewigen Neidhammeln. Scahde!
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