Abgehört - neue Musik Anschwellender Fangesang

AnnenMayKantereit sind die deutsche Rockband der Stunde. Warum eigentlich? Haben wir uns auch gefragt. Außerdem: die erstaunliche Rückkehr von Underworld, Primal Scream und TripHop.

Von und Jens Balzer


AnnenMayKantereit - "Alles Nix Konkretes"
(Vertigo Berlin/Universal, ab 18. März)

"Wir halten die Werte Gemeinschaft und Gefühl so verfickt krass hoch, das ist auch politisch", sagte Henning May neulich im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", konfrontiert mit der Frage, warum seine Band AnnenMayKantereit sich so ins Private einkuschelt wie Winfried Kretschmann in seine nach Maultauschen duftende Provinzialität. Die Kölner Mittzwanziger, deren erstes großes Album nach einem Jahr sorgfältiger Vorbereitung und anschwellendem Fangesang nun beim Plattenmulti Universal veröffentlicht wird, gelten als Rockband der Stunde. Gemeinschaft und Gefühl, darauf können sich im Moment viele einigen, vor allem die, die Angst vor Veränderungen und der Moderne haben. Die lieber ihre Ruhe haben wollen.

Henning May singt mit einer schwermütigen, tiefen Stimme, die immer an der richtigen Stelle nachdrücklich hinten in der Kehle zu raspeln beginnt, so wie einst bei Rio Reiser, sagen jetzt viele. Aber auch Westernhagen, Grönemeyer und Sven Regener beherrschen diesen nach Tresenfestigkeit und ehrlicher Handarbeit klingenden Steinkohlebergwerksgesang, große Namen, Mythen des Deutschrocks. Ich musste beim Hören von "Alles Nix Konkretes" eigentlich immer an Klaus Lage denken, Sie wissen schon: Schimanski, "Faust auf Faust", tausendmal berührt und Zoom gemacht.

Ja, das ist so ein typischer, hundsgemeiner Kritikertrick, um den netten Jungs eins auszuwischen. Reiser, Regener, das sind coole Vergleiche, aber Klaus Lage, das ist fies, das ist Achtzigerjahremief, Oggersheim und gelber Genscher-Pullunder und die Kaffeekännchen-Minigolf-Gemütlichkeit der alten BRD. Nette Jungs sind Henning May, Christopher Annen, Severin Kantereit und Malte Huck allemal, ihr Provo-Potenzial erschöpft sich darin, auf Journalistenfragen mal "verfickt krass" zu sagen.

Ansonsten wird am Fenster geraucht, um den WG-Mitbewohner nicht zu stören ("Länger bleiben"). In der Fernbeziehungs-Ballade "3. Stock" träumt sich May in eine Altbauwohnung: "Zwei Zimmer, Küche, Bad und 'nen kleinen Balkon". "Oft gefragt", der wohl bekannteste Song der Band, richtet sich versöhnlich an den Vater und das Zuhause.

Kein Aufbegehren, keine Rebellion nirgends. Doch! Einmal. In "21, 22, 23", wenn die Band plötzlich doch nochmal die Mumford-&-Sons-Gediegenheit ihrer auf Piano, Wandergitarre und gelegentlicher Trompete aufbauenden Schunkelmusik in Richtung Punk öffnet, formuliert May so etwas wie Kritik an seiner Generation, die "darauf wartet, dass irgendwas passiert": "Du verschwendest Deine Jugend/ zwischen Kneipen und WGs/ Und du bist 21, 22, 23, Du kannst noch gar nicht wissen, was du willst".

Ob May das vielleicht "verfickt krass" scheiße findet, auch an sich selbst, ist nicht ganz klar, schon im nächsten Song, "Länger bleiben", bremst er sich und alle anderen wieder aus: Komm bleib doch noch, trink noch einen.

"Es geht mir gut, es geht mir eigentlich immer gut", ist schon eher die Hymne, die in diesem Sommer auf Festivals aus bierdurchspülten Hälsen gebrüllt werden wird, denn AnnenMayKantereit sind eben wahrlich die Band der Stunde: irgendwie alt vor ihrer Zeit, konservativ bis in die distanzierte Verhandlung von Gefühlen und Beziehungen in Songs wie "Pocahontas" oder "Barfuß am Klavier" hinein. Statt Diskurs ist Duselei gewünscht: "Mir wär lieber, du weinst/ Ich versteh doch eh nicht, was du meinst".

Für ihre Authentizität werden AnnenMayKantereit gerne gelobt, als "Gegenentwurf zu vielem, was momentan in der Musikbranche erfolgreich ist", bezeichnen sie sich selbst. Worin dieser Gegenentwurf besteht, bleibt - da ist der Albumtitel Programm - bisher zumindest inhaltlich eher unkonkret. Was dann wohl das Lebensgefühl der sogenannten Millennials adäquat abbildet. Fair enough. Meine Freundin sagte unlängst, wie immer weise (und nicht ohne Häme): AnnenMayKantereit sind die Revolverheld-Version von Isolation Berlin. Das lasse ich mal so stehen. (3.0) Andreas Borcholte

AnnenMayKantereit - "Alles Nix Konkretes"

Oft gefragt von AnnenMayKantereit auf tape.tv.

Underworld- "Barbara Barbara, We Face A Shining Future"
(Caroline/Universal, ab 18. März)

Viele Menschen gehen ja gerne in Clubs und auf Partys, um mit Hilfe rhythmischer Bewegungen des Körpers in einen rauschhaft euphorischen Zustand zu gelangen. Aber das muss nicht so sein! Wie ich aus jahrzehntelanger Erfahrung zu berichten vermag, kann man auch mit sehr schlechter Laune äußerst gut tanzen. Wird dazu die richtige Musik auf den Plattenteller gelegt, lässt dieser Zustand sich über Stunden und ganze Nächte hinweg perpetuieren, ohne dass einem langweilig wird oder man sich fragt, ob man noch alle Tassen im Schrank hat.

Nehmen wir zum Beispiel das britische Duo Underworld: In stilprägender Weise haben es Rick Smith und Karl Hyde im Verlauf ihrer wechselhaften Karriere immer wieder verstanden, ursprünglich zur Steigerung der Freude und des Wohlfühlens erdachte musikalische Motive und Techniken derart mit lästigen Loops, groovelos steif geschlagenen Beats und muffig gemaultem Sprechgesang zu kombinieren, dass man sich beim Hören und Tanzen verlässlich in selbstwidersprüchlichen Gemütszuständen verfängt. Zu Underworld möchte man gewissermaßen grinsen und grunzen zugleich, einen lieben Menschen herzlich umarmen oder auch grundlos dessen Hund treten.

So verhält es sich auch mit "Barbara Barbara, We Face A Shining Future", dem ersten Underworld-Album seit sechs Jahren. Es gibt einerseits heiter hüpfende House-Klaviere zu hören und ickedi-tschick machende Hi-Hats; andererseits, wie gleich im Eröffnungsstück "I Exhale", aber auch stumpfes Eins-zwei-uffta-Getrommel nach ältester Electronic-Body-Music-Manier mit bleiern kreisenden Bassschlaufen, einem halbtrunken La-di-hodel-di-ho knödelnden Hooliganchor und allerlei von Karl Hyde mit muffiger Stimme darübergemaultem krausen Zeug ("You talk too fast/ The house you want is/ Right/ December").

Im abschätzig-verpeilten Duktus seines Moritatengesangs kommt Hyde auf dieser Platte seinem geheimen Idol Mark E. Smith so nah wie nie. Großartig, wie er besonders in dem Stück "If Rah"- das sich mit Ägyptologie, aktuellen Tätowierungstrends und dem Mond befasst - sein Publikum beim Sprechen zugleich zu bespucken und zu befeuern scheint, während "Motorhome" die lebensfeindliche Trantütigkeit einer Thom-Yorke-Ballade mit einem sagenhaft lästigen Fiepton-Loop unterminiert, der wie eine Mischung aus zentralasiatischer Pfahlrohrmusik und dem Arbeitsgeräusch früher Modems klingt. Eins ist klar: Mit der Barbara, der hier eine glänzende Zukunft versprochen wird, möchte man auf keinen Fall tauschen. (8.1) Jens Balzer

Jens Balzer ist Popredakteur und stellvertretender Feuilletonchef bei der "Berliner Zeitung". Demächst erscheint sein Buch "Pop. Ein Panorama der Gegenwart" (Rowohlt Berlin)

Underworld - "Barbara Barbara, We Face A Shining Future"

I Exhale von Underworld auf tape.tv.

Primal Scream - "Chaosmosis"
(Ignition/Indigo, ab 18. März)

Vergessen wir mal kurz den blöden Albumtitel und den ersten Song "Trippin' On Your Love", der sich, trotz Background-Gesang der süßen Haim-Schwestern etwas zu nostalgisch nach seligen "Screamadelica"-Zeiten streckt. Das haben Primal Scream, neben den Stone Roses letzte Überlebende der Acid-Rock-Ära, eigentlich gar nicht nötig. "Chaosmosis" ist ein überraschend vitales Album der Schotten um Bobby Gillespie, die es nun auch schon seit über 30 Jahren gibt. Aber wie der allmähliche Drift in den Altersruhestand, den man nach dem etwas verkniffenen "More Light" von 2012 erwartet hätte, hört sich hier eigentlich nichts an. Mit "Where The Light Gets In" (mit Gastsängerin Sky Ferreira) verfügen die Veteranen sogar über eine euphorische Hymne, die ein Sommerhit sein könnte, wenn sie nicht von obsessiv-suizidalem Verhalten und Auto-Aggression handeln würde: "The wound is the place where the light gets in" - Bluten, um zu fühlen. Herrlich.

Auch "(Feeling Like A) Demon Again", komplett mit armschwingender Akustikgitarre und Synthie-Geräuschpuls, behauptet Fröhlichkeit über den im Text aufklaffenden Seelenabgründen. Gillespie, der alte "EXTRMNTR", tauscht politische Statements diesmal weitgehend gegen private Selbstbespiegelung. Das tut seinem Songwriting eher gut, zumal die Band dabei nicht, wie schon so oft, dem Reflex nachgibt, ihre Musik allzu erdig und rockistisch werden zu lassen. "I can change" falsettiert Gillespie zu unser aller Erleichterung im fröhlich dahinwippenden dritten Song, der wie ein Tindersticks-Stück auf Amphetamin klingt. "100 Prozent Or Nothing" (wieder mit Haim im Hintergrund) lautet sein aufgepumptes Motto: "So high, we can't get over it" stampft es im Refrain, als hätten sich die Sisters of Mercy Gänseblümchen ins Haar gesteckt. "I'm moving like a target/ I've got nothing left to steal", heißt es dann zum Schluss in "Autumn In Paradise", wiederum einer von diversen New-Order-Songs auf "Chaosmosis", die Bernard Sumner nie geschrieben hat. Nichts mehr zu verlieren: Altersmilde, induziert durch die richtigen Drogen, kann anscheinend auch befreiend sein. (7.3) Andreas Borcholte

Primal Scream - "Chaosmosis"

Where The Light Gets In von Primal Scream auf tape.tv.

Hælos - "Full Circle"
(Matador/Beggars/Indigo, ab 18. März)

Das Stilprinzip von Hælos, einem Trio schüchterner Menschen aus London, ist simpel, aber effektiv: Im Hintergrund wird mal sanft, mal aggressiv auf Schlagwerkzeugen ein in die Unendlichkeit weisender Breakbeat-Groove geklappert und gezischt, darüber gibts ein paar einsame, sehnend lang gezogene Blue-Notes vom Keyboard, ab und an auch mal einen anschwellenden Synthie-Streicher oder einen dystopisch-dräuenden Sequenzer-Loop. Vorne singt eine Dame (mit dem schönen Namen Lotti Bernardout) mit weher Stimme Melancholisches über Staub, Entfremdung, Erlösung, die nicht gewährt wird, und so weiter und so esoterisch. Wie, das erinnert sie an irgendwas?

Bevor Sie jetzt die guten alten Platten von Massive Attack, DJ Krush und Portishead wieder rauskramen und sich fragen, was an TripHop eigentlich so toll war, geben Sie den guten Stücken des Hælos-Debütalbums ruhig eine Chance! Besonders die erste Hälfte hat mit "Pray", "Dust", "Full Circle" und dem ehemals als Single veröffentlichten "Earth Not Above" schön altmodischen Atmosphären-Pop zu bieten, der sich an all jene richtet, die mal wieder zu lange im Club geblieben sind, dort ebenso lange mit sich gerungen haben, ob sie zwischenmenschlichen Kontakt riskieren wollen, und nun schwermütig ins Zwielicht der Morgendämmerung stolpern: Der Körper will noch tanzen, aber das Gemüt hat längst resigniert. Diesem speziellen, selbstmitleidigem Pathos kann man sich bekanntlich immer nur kurz hingeben, bevor einen die eigene Restwürde wieder zur Vernunft mahnt - oder jene komfortable Taubheit wieder einsetzt, die einen über den Tag trägt.

Deshalb schwenkt "Full Circle", seinem holistischen Ansatz gerecht werdend, in der zweiten Hälfte auf optimistischere, fast schon euphorische Töne um und wird prompt langweilig, sobald in "Alone", "Separate Lives" und "Cloud Nine" davon die Rede ist, wie sicher man sich seiner Liebe und der des Anderen dann letztlich doch ist. Mit "Pale" endet das Album zum Glück wieder auf einer schön vampiresken Note: "No sunlight, no/ When your light goes". Im Schatten ists doch am schönsten. (6.7) Andreas Borcholte

HÆLOS - "Full Circle"

Separate Lives von HÆLOS auf tape.tv.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Anna_KS 15.03.2016
1.
Underworld, mmmmmmh...
heisters 15.03.2016
2. zuuuu aaaalt ;-)
erstaunlich! da bekommen recht langweilige platten von "alten" herren von recht "alten" kritikern gute bewertungen (underworld, primal scream), aber eine frische junge band, die einfach so im letzten jahr die hallen vollspielt und erfrischend undogmatisch mit liedgut umgeht, wird negativ kritisiert. und mit klaus lage nun wirklich nichts gemein hat. nunja, so scheint der lauf der dinge zu sein...
popeypope 15.03.2016
3. I exhale?
Klingt für mich eher, als hätten sie die erste Section 25 Platte geplündert, ist es "Hit", "Babies in The Bardo" oder "Dirty Disco"? Egal, gute Nummer...
warhol66 15.03.2016
4. Geschmäcker sind verschieden
Zitat von heisterserstaunlich! da bekommen recht langweilige platten von "alten" herren von recht "alten" kritikern gute bewertungen (underworld, primal scream), aber eine frische junge band, die einfach so im letzten jahr die hallen vollspielt und erfrischend undogmatisch mit liedgut umgeht, wird negativ kritisiert. und mit klaus lage nun wirklich nichts gemein hat. nunja, so scheint der lauf der dinge zu sein...
Ich bin zwar nicht wahnsinnig alt, aber ich freue mich, dass Underworld, nach so vielen Jahren endlich mal wieder ein richtig tolles Album gemacht haben. Meiner Meinung nach ist es ihr bestes seit dem brillanten und noch immer zu wenig gewürdigten "Beaucoup Fish": Primal Screams letztes Album "More Light" war schon richtig klasse, vital, voller Energie und Fantasie, das neue habe ich noch nicht gehört. Gegen die musikalische Fantasie der beiden können die Langweiler von AnnenMayKantereit (der Revolverheld-Vergleich passt ja schon echt gut) einpacken, volle Hallen hin oder her. Ich frage mich ohnehin, ob das der Maßstab sein muss. Auch Wanda sind ja keine wahnsinnig fantasievolle Band, und irgendwie hat die richtige Marketingstrategie und Selbstdarstellung als arrogante Schnösel da viel erreicht, mehr als bei ungleich spannenderen Bands und Alben gleichaltriger deutschsprachiger Bands. Ich sag nur Die Nerven. Aber was sag ich, wer bin ich schon mich überzeugten ja auch Judith Holofernes und Frida Gold nie.
spon-facebook-837979585 15.03.2016
5. klaus lages söhne - gemein aber wahr
ein 25 jähriger der die stimme eines alten säufers hat macht noch keine gute band. insbesondere, wenn sich alle lieder gleich langweilig anhören. aber muss man offensichtlich derzeit jung und frisch und gut finden. bis auf ein paar aufrechte wie borcholte die durch das geröhre riechen, dass der spanferkelbraten in wahrheit mit altem eber gefüllt ist.
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