Anti-Armut-Konzert Mensch, Herbert! Hilfe!

Marathon-Gig und Mikrokredite - Zehntausende Menschen haben beim "Deine Stimme gegen Armut"-Konzert in Rostock ihre Helden gefeiert. Herbert Grönemeyer, Bono, Bob Geldof und viele andere Popstars rockten für Afrika und gegen G8.

Von , Rostock


Der Gastgeber kommt zuletzt. Herbert Grönemeyer erscheint auf der Bühne, den ganzen Nachmittag über haben Musiker auf dem riesigen Gartenschau-Gelände am Rande Rostocks gespielt. Grönemeyer hat sie eingeladen, um gegen Heiligendamm anzusingen. "Angela Merkel hat ein Versprechen gegeben und sie hat es gefälligst einzulösen!", ruft er in die Menge. "Fahrlässige Tötung" sei es, die Entwicklungshilfe nicht voranzutreiben, "Afrikaner sind stolze, noble Menschen, mit deren Schicksal würde wir schon zwanzig Psychiater bestellen!" Dann singt Grönemeyer, als sein Hit "Mensch" über den Platz schallt, stimmen Zehntausende Kehlen mit ein.

Ein paar Stunden zuvor tritt Grönemeyer vor die Journalisten, er lächelt entspannt und vorfreudig. Seine Stimme kennt keine Satzenden. Er zählt den Countdown, noch 24 Stunden sitzen die G-8-Staats- und Regierungschefs zusammen, noch 24 Stunden Zeit also, um mit seinem "Stimmen gegen Armut"-Konzert etwas zu erreichen. "Die Politiker gehen abends in Heiligendamm ins Casino", murrt Grönemeyer, "und versuchen gleichzeitig, sich aus ihren Verpflichtungen rauszuschleichen." Sie, die Musiker, wollen Druck machen, damit die Versprechen von Gleneagles, dem vorigen G-8-Gipfel, eingelöst, die Entwicklungshilfe aufgestockt wird. "Taschenspielertricks" wirft er Kanzlerin Merkel vor, die Politiker "verschanzen sich am Meer", aber das helfe ihnen nicht: "Sie werden von uns überwacht."

Bono und Bob Geldof sitzen neben ihm, die beiden anderen prominenten Musiker-Gesichter, wenn es um Afrikahilfe und Globalisierungs-Protest geht. Bonos Jackett ist mit einem Peace-Zeichen aus Rosen bestickt. Am Vortag hatte er sich mit Merkel getroffen, sie sind im Zank auseinander gegangen, heißt es. Zu pragmatisch sei die Kanzlerin, die "Visionen" fehlten, und verlässliche Finanz-Zusagen auch. Wütend sei er zwar nicht mehr, "aber ich war nah dran, das Handtuch zu werfen", sagt der U2-Sänger.

Bono, Bob und Herbert: Männerbund gegen Armut

Bob Geldof macht keinen Hehl aus seiner Wut. Während die anderen reden, hängt er mit blickdichter Sonnenbrille gekrümmt über seinem Wasserglas. Ohne Vorwarnung legt er los, Flüchtlinge aus Afrika "finden Sie überall an den Stränden von Teneriffa und Malta". Letztenendes seien ihm Studien und Zahlen egal, "ich möchte es verdammt noch mal nie erleben, einen toten Afrikaner am Strand zu finden, wenn ich in den Urlaub fahre", schimpft Geldof und wirkt plötzlich sehr wach.

Die Musiker mischen sich unterschiedlich ein - Bono etwa paktiert mit Politikern und besucht sie im Akkord ("Ich würde dem Teufel die Hand schütteln, wenn wir dafür unsere Ziele durchsetzen können"), während Grönemeyers "Wurzeln" es ihm "verbieten, mit Angela Merkel Kaffee zu trinken". Dennoch demonstrieren sie ein Männerbündnis. Sie wissen um ihre Schleusenfunktion zwischen Popularität und Politik, und das funktioniert am besten im Schulterschluss.

Das "Stimmen gegen Armut"-Konzert soll eine überdimensionale Kundgebung werden. Doch viele sind auch wegen des quasi kostenfreien Eintritts zum Bühnen-Marathon gekommen. Gerade mal 2,50 Euro kostet ein Ticket - lediglich die Bearbeitungsgebühren musste man zahlen. Den ganzen Nachmittag über drängeln sich Menschenschlangen auf das ehemalige Gartenschaugelände, 70.000 sollen es im Laufe des Gig-Marathons werden. Es ist brütend heiß und blendend sonnig. Auf dem verwinkelten Areal mitten im Grünen tummelt sich ein sommerliches Open-Air-Publikum: Viele Schüler und Jugendliche sind da, und Eltern mit Kindern auf Familienausflug. Man sieht viele Fanshirts der auftretenden Bands, aber erstaunlich wenig Transparente. Nur ganz vorne am Bühnenrand weht ein einsamer Anti-G8-Wimpel.

Aber nicht alle sind nur wegen des hochkarätigen Line-ups hier. "Zu den Demos und Blockaden habe ich mich nicht getraut", sagt die 17-jährige Caroline, "die waren mir zu gefährlich." In der Hand hält sie ein Styropor-Plakat, auf das sie mit Fingerfarben "Alternative für die Welt ist Leben" gemalt hat. Das Konzert sei eine andere Möglichkeit zu zeigen, dass man mit dem Treffen der G8 nicht einverstanden ist. Sie geht in Richtung Bühne, dort wird zu Seeed und den Beatsteaks geklatscht und gefeiert.

Mikrokredite - kindgerecht erklärt

Weiter hinten drängeln sich die Leute um Bier- und Pizzastände, die als "Meile der Möglichkeiten" angekündigten Stände von Hilfsorganisationen haben sich eingereiht. Die Rede von Friedensnobelpreisträger Mohammad Yunus geht unter im allgemeinen Freiluft-Geplauder. "Das interessiert mich doch gar nicht", seufzt die 18-jährige Katrin, die eigentlich wegen der Toten Hosen gekommen ist. Als sie hört, dass die erst am Abend spielen, schaut sie ein wenig enttäuscht.

Nebenan das Kontrastprogramm: Die 45-jährige Marion Fischer aus Bad Doberan ist mit ihrer Familie da, ihren beiden Töchtern hat sie T-Shirts angezogen: "Deine Stimme gegen Armut" ist in bunten Farben draufgeschrieben. Während Yunus spricht, erklärt sie den Kleinkindern geduldig das Prinzip der Mikrokredite. "Ich muss doch antworten können, wenn Kinder fragen: Warum gehen arme Leute nicht einfach zu Bank?". Deshalb habe sie ihre Familie mit zum Konzert genommen.

Was das Publikum zu sehen bekommt, ist eine Mischung aus Bandauftritten, bei denen sich Stars mit Musikern aus den "Poor 8", den ärmsten Ländern der Welt, abwechseln. Dazu gibt es Kurz-Reportagen aus Slums in Afrika und zahlreiche Reden von Aktivisten. Während Roger Willemsen souverän die Bühnengäste befragt, übersetzt Moderatorin Sarah Kuttner Tiefgang-Themen wie Schuldenerlass und Kinderarmut jugendgerecht für das junge Publikum: "Unsere nächste Rednerin ist eine wahnsinnig tolle Frau", kündigt sie Magret Kawooya an, die sich um ugandische Aids-Waisen kümmert. Im Laufe des Nachmittags gewöhnen sich die Zuschauer an das Konzept, erstaunlich viele schauen trotz der lockeren Festival-Atmosphäre gebannt auf die Videoleinwände, wenn Einspieler über die Elendsviertel laufen.

Zum Finale Beatles und Bob Marley

Erstaunlich mühelos wird wieder in den Party-Modus umgeschaltet, als die Fantastischen Vier mit "MfG" auf die Bühne tösen oder die Die Toten Hosen mit "Wünsch dir was" loslegen. Auf dem Gelände wird hemmungslos gerockt und die politische Botschaft einfach eingewoben: "Angela Merkel gibt "ne Party und wir kommen nicht rein", singt Campino zu grobschlächtigen Riffen und holt sich zur Verstärkung Bob Geldof ran, um eine Mitgröl-Version von "All you need is Love" anzustimmen. Das Konzert läuft seit fünf Stunden, die Stimmung ist gut, die Botschaften scheinen rüber zu kommen. Beim senegalesischen Sänger Youssou N'Dour kehrt Ruhe ein, für einen Moment scheinen die Menschen innezuhalten, zu "We are Africa" heben sie ihre Arme.

Zum Finale kommen Bono, Geldof, N'Dour und Campino gemeinsam auf die Bühne. "Wir fühlen uns stark heute, wir fühlen uns gehört" verkündet Bono. Geldof ruft nacheinander alle G-8-Staatschefs namentlich aus, auf der Bühne tanzen dazu Statisten mit Bush-Blair-Prodi-Pappmaché-Masken. Mit vereinten Stimmen singt die Musiker-Riege unplugged zu Geldofs Gitarre Beatles-Klassiker wie "You never give that money" oder "Carry that Weight" in die Massen, und spätestens zum Marley-Hit "Get up, stand up" singt auch der letzte Zuschauer mit.

Dann tritt Grönemeyer auf, zunächst solo. Bis er dann Mitstreiter Bono zurück auf die Bühne holt. Im Duett singen sie "Mensch", und Bono überrascht mit perfekten deutschen Textzeilen. Mitmachen, abgeben, teilen - das sollte am Ende des Rockgipfels als Botschaft stehen. Dafür teilt Herbert Grönemeyer sogar seinen bekanntesten Song.

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