Antifolk-Festival Die Alternative der Alternativen

Vor 20 Jahren machte ein New Yorker Musiker aus seiner Auffassung von amerikanischer Volksmusik eine eigene Szene: Das alljährlich stattfindende Antifolk-Festival brachte schon Stars wie Beck und Ani DiFranco hervor.

Von Tobias Reckling


Bob Dylan 1963: Die Volksmusik mit E-Gitarren betrogen
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Bob Dylan 1963: Die Volksmusik mit E-Gitarren betrogen

Als Mr. Lach Anfang der Achtziger nach New York kam, bestand die einstmals innovative Folkmusik-Szene im westlichen Teil von Greenwich Village nur noch aus lebenden Toten. Bob Dylan hatte sie mit einer E-Gitarre betrogen, und danach sich selbst und ihrer Stagnation überlassen. Lachs Versuch, mit seiner Akustikgitarre in einigen der alten Folkclubs aufzutreten, konnte deshalb nur auf wenig Gegenliebe stoßen. Zu schmutzig klang dem Publikum sein von Punk beeinflusster Stil. Zusammen mit einigen anderen, an denen die Musikentwicklung ebenfalls nicht spurlos vorbeigegangen war, gründete er deshalb kurzerhand seinen eigenen Club, "The Fort", und ein eigenes Genre: "Antifolk". Denn "wenn das, was in Greenwich Village gespielt wurde, Folk sein sollte, dann musste diese Musik eben Antifolk sein", wie Lach die Namensgebung später begründete. Zurzeit findet in New York noch bis zum 1. März das erste von zwei alljährlichen "Antifolk-Festivals" statt.

Wirklich neu war die Idee, Punk auf Akustikgitarren zu spielen, aber auch schon zu Beginn der Achtziger nicht mehr. Der Ur-Punk Johnny Thunders hatte bereits Ende der Siebziger auf seinem ersten Soloalbum "So Alone" einige Songs unplugged eingespielt. Auch der Name "Antifolk" stammte nicht von Lach. Der Brite Billy Bragg soll ihn als erster als Beschreibung für seinen Politrock erfunden haben. Lachs Leistung bestand vielmehr darin, eine ganze Szene um seine Vorstellung von Folk aufzubauen.

Sein Club wechselte über Jahre hinweg von einer Location zur nächsten, doch die Idee blieb immer die gleiche: Jeder konnte mit seiner Akustikgitarre bei Open Mics auftreten, um zu singen, was er wollte, ob über Drogen, Armut oder zu viel Kaffee. Erlaubt war dabei fast alles, und Punk war kein Muss. Nur lebendig sollte die Musik sein, keine Angst vor Experimenten haben, weder musikalisch noch textlich. Musiker wie Beck und die "fleißige" Ani DiFranco (dreißig Platten in zehn Jahren) hatten bei Lachs Open Mics ihre ersten Auftritte.

1994 fand "The Fort" im "The Sidewalk Cafe" in der Lower East Side endlich ein dauerhaftes Zuhause. Die locker zusammengehaltene Szene konnte sich nun regelmäßig zu ihren Open Mics treffen. Lach gründete bald darauf ein eigenes Plattenlabel, "Fortified Records", und begann Mitschnitte der Abende zu veröffentlichen.

Beck: Von Antifolk zum Superstar
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Beck: Von Antifolk zum Superstar

Mittlerweile hatte sich "Antifolk" auch in anderen US-Städten ausgebreitet. Ebenso wie in New York fand man sich unter anderem auch in Philadelphia, Houston und San Francisco zu meist monatlichen "Antifolk Nights" zusammen. Willkommen waren dabei auch bald Musiker, die einfach mal etwas neues oder sich selbst ausprobieren wollten. In Baltimores Club "The Ottobar" ließ man an Verzerrer angeschlossene Slide-Gitarrenspieler ebenso auf die kleine Bühne wie die klassischen Soloacts mit Akustikgitarre.

Wirklich groß ist die Antifolk-Szene aber auch nach 20 Jahren nicht geworden, was wohl daran liegt, dass sie keinen einheitlichen Stil produziert - und das auch nicht will. Denn gerade das festgefahrene "West Village Establishment" war es, gegen das Lach und einige andere "pissed off kids" rebellierten. Vielmehr ziehen die Open Mics nach wie vor neue Musiker an. Einige finden dadurch ihren Weg zu Plattenverträgen, andere bleiben in der Szene hängen und freuen sich einfach nur, hin und wieder mal vor Publikum spielen zu können.



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