Kammermusik-Veröffentlichungen Blitze aus der Neuen Welt

Schon vor Rock und Jazz beeinflussten Stile aus den USA die europäische Musik. Antonin Dvorak und Jerzy Fitelberg gingen damit sehr unterschiedlich um. Ihre Kammermusik verbindet die Kontinente sehr unterhaltsam.

Sylvie Lancrenon

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"Aus der Neuen Welt"! Schöner Dvorak, grenzenlos bekannt. Den ganz unmittelbaren Eindruck, den New York wie auch das amerikanische Dorfleben seinerzeit auf den 1892 frisch angereisten tschechischen Komponisten (1841-1904) machten, hört man dem forschen F-Dur-Quartett op. 96 an, das Antonín Dvorák kurz nach Übernahme des Postens als Konservatoriumsleiter in der Ostküstenmetropole komponierte.

Klassisch knappe vier Sätze, in denen Dvorak schon die treffsichere Verwendung amerikanischer Folkmusik-Elemente für die musikalische Ehe mit europäischem Erbe erprobte, wie er sie dann in seinem Jahrhundert-Hit, der Sinfonie "Aus der Neuen Welt", perfektionierte. Und diese Lust am Stil-Spiel wiederum findet ihren Widerhall in der leichten und federnden Interpretation des 2003 in Paris gegründeten Quatuor Modigliani, das inzwischen zu den besten Quartetten weltweit gezählt wird. Obendrein verstehen es die vier Musiker auch, die interpretierte Musik in einen anregenden Kontext zu setzen.

Ihr jüngstes Album, das sie mit dem melodiösen Dvorak beginnen, führen sie mit Béla Bartóks zweitem Quartett und Ernö Dohnányis dritten weiter, was nicht nur zeitliche und stilistische Kontinuität bietet, sondern auch Komponisten vereint, die sich aus unterschiedlichen Gründen mit dem Wechselspiel und der Entwicklung von neuer und alter Welt in Sachen Kultur und Musik kreativ auseinandersetzten. Ein Kammermusik-Album, auf dem das Quartett die kreativen Blitze aus der Neuen Welt leuchten lässt - Hochspannung!

Wechselspiel der Kulturen

Philippe Bernhard (Violine), Loic Rio (Violine), Laurent Marfaing (Viola) und François Kieffer (Cello) sehen sich stets auch als konzeptionelle Vermittler ihrer Musik. Sie leiten gemeinsam das 2014 wiederbelebte Evian-Festival am Genfer See und fühlen sich in solchen Aufgaben Künstlern und Musikpädagogen wie dem in Bratislava geborenen Ernö Dohnányi (1877-1960) verbunden, der in Europa erst vor den Nazis fliehen musste, dann nach dem Zweiten Weltkrieg vor dem Kommunismus.

Dohnányi erlebte die musikalischen Einflüsse Nordamerikas als Bereicherung und Inspiration, nachdem er zuvor schon bei USA-Aufenthalten diese Affinität gespürt hatte. Sein dreisätziges Quartett op. 33 entstand schon 1926, und es fasst die Begeisterung für die Musik der Neuen Welt in griffige Melodien und rhythmische Strukturen, entwickelt aber eine individuelle Tonsprache voller Komplexität, die die amerikanischen Einflüsse eigenwillig verarbeitet. Den Modigliani-Musikern gelingt es, dieses Beziehungsgeflecht hörbar zu machen, ohne den Effekten der Partitur vordergründig zu erliegen.

Béla Bartók (1881-1945) und Ernö Dohnányi kannten einander gut, und es ist möglich, dass sie intensiv über die Aspekte der Verwendung folkloristischen Erbes in ihren Kompositionen diskutiert haben. Bartók jedoch, der 1940 auf der Flucht vor dem Faschismus in die USA emigrierte, fand hier nur sehr bedingt eine kulturelle Heimat und konnte seine Musik kaum weiterentwickeln. Sein hier vertretenes zweites Quartett schrieb er allerdings schon zwischen 1915 und 1917, und es belegt seine intensiven Volksmusikstudien in Ungarn.

Auch dafür verfügen die Modigliani-Musiker über Gespür; es gelingt ihnen sogar, ganz zwanglos eine Brücke des Feelings zu den ganz anders gearteten und inspirierten Werken der Kollegen Dvorak und von Dohnányi zu schlagen: Der Pulsschlag einer simulierten Weltmusik wird vorsichtig angedacht und ausgespielt. Vereinte Nationen - zumindest musikalisch - in allerkleinstem Rahmen.

Ein Ensemble kämpft für vergessene Künstler

Der polnische Komponist Jerzy Fitelberg (1903-1951) ist heute nicht mehr allzu bekannt, aber auch er fand als Emigrant in den USA eine neue Heimat. Gut, dass das kanadische ARC Ensemble sich auf einer CD dem vielseitigen Kammermusik-Werk Fitelbergs widmet, denn mit Witz und Erfindungsreichtum gehörte Fitelbergs Musik in den Zwanzigerjahren zu den Konzertsaal-Rennern in Europa.

Auch seine Stücke für kleine Besetzungen wie die beiden hier vertretenen sehr kurzen Quartette zeigen in knapper Form seinen Erfindungsreichtum und klanglichen Witz, der für die Nazis inakzeptabel erschien. Weniger Furcht gab es in den USA: Die "Serenade" für Geige (oder Bratsche) und Klavier hoben dann 1943 in New York der Geiger Isaac Stern und Alexander Zakin (Klavier) aus der Taufe.

Das ARC Ensemble (Artists of The Royal Conservatory Toronto) verbindet Lehrer und Schüler der renommierten kanadischen Musikschule und arbeitet seit vielen Jahren an der verdienstvollen Aufgabe, Musik und Komponisten, die verfemt, verboten und drangsaliert wurden vor dem Vergessen zu bewahren.

Der internationale Ruf des Ensembles verbreitete sich sowohl durch seine künstlerische Kompetenz, die Qualität des Repertoires und die Zusammenarbeit mit renommierten Musikern. Aber vor allem gehört Entdeckerlust dazu - dann kommen auch Kleinode wie Fitelbergs "Nachtmusik op. 9 'Fisches Nachtgesang'" wieder ans Licht.

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