Von Thorsten Dörting
Im Pop- und Rockgeschäft würdevoll zu altern ist eine diffizile Angelegenheit, die Beispiele dafür sind Legion. Madonna etwa kriegt das nicht so gut hin. Mit über 50 in Korsage über die Bühne zu hüpfen wie eine Stangentänzerin auf St. Pauli kann ja kein Konzept sein für den Herbst des Lebens. Man denke auch an Ron Wood, 63, der sich gerne mal mit einer 42 Jahre jüngeren kasachischen Blondine auf seinem irischen Landsitz besäuft. Oder an Kylie Minogue, die just ein neues Video ("All the Lovers") vorgelegt hat, in dem sich die 42-jährige Australierin in einem schwarzen Unterhöschen auf einem Berg junger Leiber schlängelt; eine Orgie in glattpolierter, jugendlicher Plastik-Geilheit ist das, komplett ironiefrei und irgendwie jämmerlich.
Anvil sind da anders, man konnte das am Sonntagabend in Hamburg studieren, wohin die erfolgloseste große Metal-Band aller Zeiten für ein Konzert gekommen war. Nun haben die kanadischen Metaller natürlich gar keine Kohle, um sich der gängigen Mittel der Verjüngungsindustrie (Botox und Blondinen) zu bedienen. Der Erfolg des grandiosen Dokumentarfilms "Anvil! The Story of Anvil" hat daran wenig geändert, das 13. Album ("This is Thirteen") vertickt die Band noch immer im Eigenvertrieb, und auch das Hamburger Knust war zwar ordentlich gefüllt, aber ein paar hundert Zuschauer machen noch lange keine Millionäre.
Die Mitglieder der Band sahen also ziemlich scheiße aus, alt eben; Drummer Robb Reiner und Sänger und Gitarrist Steve "Lips" Kudlow sind beide jenseits der 50, da sitzt die knallenge Jeans nicht mehr so gut, und einer lichten Metal-Mähne beim Wirbeln zuzusehen hat schon etwas Tragikomisches. Aber Anvil wollen beim Altern überhaupt nicht sexy oder alterslos aussehen, was ganz einfach damit zu tun hat, dass sie - anders als Madonna, Wood und Minogue - über Selbstironie verfügen, ehrlich sind und eigentlich nur Spaß haben wollen.
Vor der Bühne hatten sich tatsächlich ziemlich viele weißhaarige Mähnen versammelt, Silverback-Banger sozusagen, dazu auch jüngere Kuttenträger, bei deren Anblick ein befreundeter Musikjournalist zu Recht fragte, wo die sich "wohl sonst verkriechen", denn auf der Straße, in freier Wildbahn quasi, sei die Kutte ja bedauernswerterweise so gut wie ausgestorben.
Glücklicherweise also bestand das Publikum nicht zur Hälfte aus "Spex"-Schreibern und -Lesern, wie nach dem Hype um den Film zu befürchten war: Es waren Metaller da und sie bekamen hervorragendes Handwerk geliefert, eine superbe working-class-performance einer Band aus dem wohl letzten Genre, das nie aus dem Zeitalter des Fordismus herausgekommen ist und das vielleicht genau deswegen gerade so ein Comeback erlebt, aufgeladen mit Sehnsucht nach einer Zeit als noch fleischgesichtige Gewerkschafter die großen Reden schwangen und nicht aschfahle Popdiskus-Theoretiker.
"Ihr habt auf dem Sofa meiner Mutter gesessen!"
Anvil schredderten also ihre Hits ab, vor allem von den frühen Alben ("March of the Crabs", "School Love", "Metal on Metal", "Thumb Hang"), und wenn sie Material jüngeren Datums spielten, wie den Titelsong ihres aktuellen Albums, bewiesen sie, wie anachronistisch ihr immergleicher Sound ist, aber live dann eben doch ein ordentliches Brett. Was will man mehr? Dazu gab's - wie old school und cool ist das denn bitte? - ein minutenlanges Drum-Solo von Robb Reiner, Kudlow züngelte mit einem Dauerlächeln über die Saiten seiner Axt, sogar ein Stagediver erklomm die Bühne, und am Ende nahm Kudlow schließlich ein Bad in der Menge. Er hatte das bereits zu Anfang getan und dann mitten im Konzert versprochen, noch einmal runterzukommen zu seinen Fans, um jedem Einzelnen im Hamburger Knust die Hand zu schütteln, denn: "Wir sind alle Freunde."
Das mit dem Händedruck für jeden klappte dann zwar nicht, aber die Message war klar: Steve "Lips" Kudlow ist ein normal guy wie wir alle - und er unterstrich dieses gefühlte Underdog-Buddytum, indem er auf eine Szene aus dem Film anspielte. Immerhin habe er ja alle seine Fans in sein Elternhaus eingeladen: "Ihr habt auf dem Sofa meiner Mutter gesessen!"
Das, wir sind sicher, hätte Madonna nie getan.
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