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App-Album "Biophilia": Das Universum nach Björk

Zehn Songs, zehn Spiele-Anwendungen, ein Gesamtkunstwerk und eine Frisur wie Tina Turner: Auf ihrem neuen Album erklärt die isländische Musikerin Björk, wie alles mit allem zusammenhängt und erfindet ein neues Genre: den App-Pop. Felix Bayer war bei der Vorstellung in Manchester dabei.

Björks "Biophilia": Wenn der Refrain im Weltraum landet Fotos
Carsten Windhorst

Björk hat in die "Revolution Gallery" geladen, um ihr neuestes Projekt vorstellen zu lassen. Das passt. Der Saal heißt zwar so, weil er im Museum of Science and Industry in Manchester an die Industrielle Revolution erinnern soll, aber was die isländische Popsängerin mit ihrem "Biophilia"-Projekt vorhat, revolutioniert die Art und Weise, wie ein Pop-Album auf der Höhe der Zeit sein sollte.

In der "Revolution Gallery" erzählt James Merry, ein jungenhafter Nerd und Björks persönlicher Assistent, der Weltpresse, dass "Biophilia" fünf Aspekte umfassen wird: Ein traditionelles Musikalbum mit zehn Songs; eine App-Suite mit Song-Apps für das iPad, iPhone oder den iPod Touch; mehrwöchige Aufenthalte in Städten mit Liveshows und musikpädagogischen Seminaren; einen Dokumentarfilm über das ganze Projekt und schließlich eine neue Website.

Björk hat schon bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2004 gesungen, in einem Kleid, das sich als Weltkarte über alle Sportler entfaltete. Für ihre erste Filmhauptrolle (in Lars von Triers "Dancer in the Dark") wurde sie gleich in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet. In ihrer Heimat Island organisiert sie den Widerstand gegen Aluminiumfabriken sowie die generelle Kommerzialisierung und Privatisierung der natürlichen Ressourcen der Insel. Und natürlich hatte sie immer wieder große musikalische Ambitionen, einst mit den Sugarcubes, seit 1993 solo.

Man darf wohl sagen: Ehrgeizige Projekte sind Björk nicht fremd.

Und jetzt kommt "Biophilia". "Dieses Album handelt davon, wie ich mich und die Menschheit im Universum sehe", sagte die 45-Jährige unlängst im Magazin "Wired". "Es ist mir die ganze Zeit peinlich, wie großspurig das klingt." Und die "New York Times" zitiert sie mit den Worten: "Es ist mit Abstand das komplexeste Projekt, das ich je gemacht habe. Es muss 500.000 Millionen E-Mails und Meetings gegeben haben."

"Es fühlt sich an wie bei der Geburt der Oper"

Inhaltlich geht es bei "Biophilia", das im September auch als reguläre CD erscheinen soll, um den Zusammenhang zwischen Natur, Wissenschaft, Technik und Musik. Eine Musikwissenschaftlerin, Nikki Dibben von der Uni Sheffield, begleitet die Songs mit ausführlichen Essays; bei der abendlichen Liveshow beim Internationalen Musikfestival in Manchester soll der legendäre Naturforscher und Tierfilmer David Attenborough Einleitungen zu den Songs sprechen.

Doch zunächst stehen die Apps im Mittelpunkt.

Scott Snibbe tritt ans Pult mit seinem iPad und führt ein etwas verwirrendes Sonnensystem vor, in sich drehbar und navigierbar, in dem sich die Apps zu den einzelnen Songs als Sterne finden. Er präsentiert die Apps zu zwei Songs, Snibbe ist der Projektleiter unter den App-Entwicklern, sein Stolz, an diesem Projekt beteiligt zu sein, ist unüberhörbar. Er lässt sich hinreißen zu dem Satz: "Es fühlt sich ein bisschen an wie bei der Geburt der Oper oder der Geburt des Kinos."

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Björks "Biophilia"-Apps: Mit Wumms in den Weltraum
Als bloßer Zuschauer bei Snibbes Vorführungen ist man anfangs nicht sicher, ob das App-Album möglicherweise doch nicht ganz so revolutionär ist. Es kommen andere, längst in Vergessenheit geratene Pionierleistungen an der Schnittstelle zwischen fortgeschrittener Technik und Popmusik in den Sinn: Zum Beispiel die kurzlebige Welle von CD-Rom-Alben, mit denen Musiker wie Peter Gabriel, Mike Oldfield oder Prince sich 1993/94 für die multimediale Zukunft rüsteten. Von heute aus gesehen klingen Beschreibungen wie die auf Herbert Grönemeyers Website rührend: Ende 1993 "gibt Herbert als erster deutscher Musiker eine CD-Rom heraus; die ebenfalls 'Chaos' betitelte Datendisc für Windows-PC und Mac versammelt drei Videoclips ("Land unter" "Fisch im Netz" "Chaos"), die Bilder aus dem CD-Booklet, einen Screensaver und einen kurzen Lebenslauf."

Da hat das App-Album von Björk knapp 20 Jahre später selbstverständlich mehr zu bieten. Seit Dienstag ist die Grund-App bei iTunes kostenlos erhältlich, über sie steuert man die einzelnen Song-Apps an, die im Laufe der nächsten Monate nach und nach veröffentlicht werden sollen (und dann natürlich gekauft werden müssen). Die Sternenkarten-Navigation, die Scott Snibbe bereits in der "Revolution Gallery" von Manchester vorgeführt hatte, entwickelt bei eigener Benutzung eine eigenartige Schönheit, besonders mit Kopfhörern: Das Grundgeräusch ist ein unheimliches Weltraumbrummen, das auch den Song "Cosmogony" eröffnet, doch wenn man sich den Gestirnen nähert, die die Songs repräsentieren, so tauchen deren Klänge von Ferne her im Ohr auf.

Die Punkte für die Songs, deren Apps der Nutzer gekauft hat, beginnen zu leuchten und werden zu Sonnen. Ein Fingertippen auf die beschriftete Sonne öffnet die erste erhältliche App zur Vorabsingle "Crystalline". Hier ist neben dem hochfliegenden Essay der Musikwissenschaftlerin Dibben ("'Crystalline' juxtaposes musical-physical confinement and freedom") und einem herkömmlichen, beweglichen Notenblatt zum Mitsingen auf eine Instrumentalversion des Songs auch das interaktive Spiel zu finden.

Roter Kreis zum Bassdrum-Wumms

Durch Bewegen des Geräts leitet man einen Trägerkristall durch eine Reihe von Tunnels, in denen es gilt, kleinere bunte kristalline Strukturen aufzusammeln. Je nachdem, welchen Tunnel man wählt, verändert sich die Struktur des mitlaufenden Songs - hat man genug Steine gesammelt, rutscht man durch einen bunten Tunnel in einen sich öffnenden Weltenraum und der Refrain erklingt - aus der Klaustrophobie der Strophe zur befreienden Wirkung des Refrains: Diese Idee ist tatsächlich sehr augenfällig umgesetzt, es ist ein wunderschöner Moment, wenn man es zum ersten Mal erreicht. Ansonsten ist das Gameplay aber nicht die größte Stärke der "Crystalline"-App; das Wackeln durch die Tunnel nutzt sich schnell ab.

Ebenfalls sehr direkt überzeugend ist die Animation des Songs "Crystalline" in einer von Björk entwickelten Notenschrift, bestehend aus einer Abfolge von bunten Kreisen, Kästen und Linien, die in unterschiedlichen Größen und Formen daherkommen, je nachdem, was in der Musik gerade passiert - sehr hübsch der große rote Kreis zum Bassdrum-Wumms. Dass Björk und ihr musikalischer Direktor Damian Taylor allerdings tatsächlich nach einer solchen Notation ihre Musik programmieren, ist erstaunlich.

In Manchester geleitet Taylor die versammelten Journalisten sodann durch den Bühnenaufbau der "Biophilia"-Liveshow. Die Bühne steht wie ein Boxring in der Mitte des Saals, darüber ein achteckiger Ring aus Monitoren, die Bilder aus den Apps zeigen. Die mit Björks eigener Notenschrift programmierten Tracks werden über per Midi angesteuerte Instrumente wie eine alte Orgel abgespielt.

Monsterpendel und eine überdimensionierte Spieldose

Die eigens entwickelten Instrumente geben dem Projekt nach all den visionären App-Plänen eine angenehme Erdung - ganz wörtlich zu nehmen bei der "Gravity Harp", erfunden von einem Roboter-Experten des M.I.T. in Bosten: Vier riesige Pendel, die durch ihr Schwingen eingebaute Harfensaiten zum Erklingen bringen. Das "Sharpsicord" hat Henry Dagg gebaut, den die Aura eines leicht irren Physikprofessors umgibt. Es ist eine Art überdimensionierte Walzen-Spieldose mit zwei riesigen, grammofonartigen Stahltrichtern als Klangverstärker. Noch spektakulärer ist die Tesla-Spule, die in einem Eisenkäfig elektrische Blitze erzeugt, deren Kratzen und Zischen die Basslinie des Songs "Thunderbolt" formen.

Beim abendlichen Konzert in der Campfield Market Hall in Manchester haben diese Instrumente ihren Auftritt nur für jeweils ein Lied - um den Aufwand zu rechtfertigen, plant Björk, mit ihrer Show immer gleich für mehrere Wochen in die Städte zu reisen - nach Manchester zum Beispiel für sechs Konzerte - und an den konzertfreien Tagen Workshops mit musikinteressierten Schülern und Studenten zu veranstalten.

Für die Show in Manchester hat Björk sich eine orangerot leuchtende Perücke aufgesetzt, irgendwo zwischen Tina Turner und dem legendären kolumbianischen Fußballer Carlos Valderrama. Um sie herum drapieren sich die 24 Sängerinnen des isländischen Chors Graduale Nobili zu immer neuen Formationen wie lebende Bilder. Sie tragen den Klang der neuen "Biophilia"-Lieder und von neuarrangierten Klassikern wie "Hidden Place", "Isobel" oder "All Is Full Of Love" - es klingt extrem eindrucksvoll, auch wenn das fast durchgängig eher gesetzte Tempo - man wagt es kaum zu sagen - manchmal ein bisschen langweilig wird.

Die Popmusikerin als Kuratorin

Im Interview mit "Wired" sagt Björk, dass sie zu Beginn der Arbeit an dem "Biophilia"-Projekt das Gefühl hatte, manche der Songs könnten nicht für sich selbst stehen. Dies ist ein Problem, das einen in der Pop-Geschichte schon beim Hören so mancher Konzeptalben überkam - und "Biophilia" ist letztlich natürlich ein Konzeptalbum hoch fünf. Doch für ein wirklich gültiges Urteil über die neuen Songs von Björk sollte man wohl die reguläre Albumveröffentlichung abwarten.

Was aber vom gesamten Projekt bisher zu erleben war, ist durchaus ehrfurchtgebietend. Der britische Journalist Simon Reynolds schreibt in seinem Buch "Retromania" darüber, wie der Begriff des Kurators sich aus der Kunstwelt in den letzten Jahren immer mehr in die Popwelt eingeschlichen hat. Björk ist das Musterbeispiel für diese Entwicklung - schon früher hatte sie die ungewöhnlichsten Talente zusammengeführt: Kehlgesangskünstler und Laptop-Elektroniker, klassische Komponisten und Beatboxer.

"Biophilia" ist nun ihr Meisterwerk als Pop-Kuratorin, das mit all seinen involvierten App-Entwicklern, Instrumentenbauern und Wissenschaftlern weit über die Grenzen der Musik hinausdeutet. Ein solcher Aufschlag für ein Pop-Album, das fühlt sich glatt ein bisschen revolutionär an.

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1. Sorry....
Wurzelmundqualle, 21.07.2011
..aber ich war im Kino bei einer "Dancer in the Dark" Vorstellung. Ich habe selten so gut geschlafen, sowie alle anderen auch(insg 5 Leute im Kino, 250 Plätze),die mit waren. Der Kinokassenwart hat unser Schnarchen bis draussen gehört. Soviel zu Björk.............(weiter so....)
2. ...
thelix 21.07.2011
Zitat von Wurzelmundqualle..aber ich war im Kino bei einer "Dancer in the Dark" Vorstellung. Ich habe selten so gut geschlafen, sowie alle anderen auch(insg 5 Leute im Kino, 250 Plätze),die mit waren. Der Kinokassenwart hat unser Schnarchen bis draussen gehört. Soviel zu Björk.............(weiter so....)
...und ich habe mal eine Tesla-Spule gebaut. Das Dumme ist nur, daß das NICHTS mit dem Artikel zu tun hat und kein Schwein interessiert.
3. So...
Wurzelmundqualle, 21.07.2011
Zitat von thelix...und ich habe mal eine Tesla-Spule gebaut. Das Dumme ist nur, daß das NICHTS mit dem Artikel zu tun hat und kein Schwein interessiert.
... wie dieser Blog, so wie Björk.
4. ...
thelix 21.07.2011
Zitat von Wurzelmundqualle... wie dieser Blog, so wie Björk.
Von sich selbst nicht auf andere zu schließen, sind so Kleinigkeiten, die man eigentlich im Kindergarten beigebracht bekommt. Ihr Posting war in etwa ähnlich sinnvoll, wie bei einem Artikel über die mexikanischen Drogenkartelle von "diesem versifften Straßencafé in Tijuana" abzuraten, weil man da vor elf Jahren übers Ohr gehauen wurde.
5. Die Musik zählt
flippert0 21.07.2011
Ich verfolge Björks Biophlia-Projekt schon geraume Weile, muss aber noch das Album im September abwarten, um mir endgültig eine Meinung zu bilden. Letztlich zählt natürlich die Musik. Was ich bisher an Live-Aufnahmen gehört habe, war schon mal sehr beeindruckend. Björks Musik ist aber heutzutage eher futuristischer Folk denn Pop (sagt sie selbst).
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