Apple verschenkt neues U2-Album Tränen im Junkmail-Ordner

Marketing-Allianz im Zeichen des Pathos-Pop: Ungefragt haben U2 via Apple einer halben Milliarde Menschen ihr neues Album "Songs of Innocence" geschenkt - aber was hat Heulboje Bono den iTunes-Nutzern musikalisch zu bieten?

Brantley Gutierrez

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Über eine halbe Milliarde Menschen weltweit konnten von Dienstag auf Mittwoch plötzlich in ihrer iTunes-Musikdatenbank das neue Album von U2 vorfinden. Einfach so. Ein Geschenk von Apple, weil U2 vor zehn Jahren mithalfen, den iPod populär zu machen.

Nun lässt sich umgekehrt Apple einspannen in die Marketing-Kampagne von U2. Zumindest suggerierte das die Inszenierung beim Apple-Event, als Bono den Apple-Mann Tim Cook überredete, das Album zu verschenken. Eine große schauspielerische Leistung war das nicht von den beiden. Aber eine gute Idee?

"Songs of Innocence" ist das erste neue Album von U2 seit "No Line on the Horizon" 2009. Dieses blieb kommerziell ziemlich hinter den Erwartungen zurück, auch wenn das bei geschätzten fünf Millionen Exemplaren Jammern auf hohem Niveau ist. Die folgende Welttournee, bei der mehr als sieben Millionen Zuschauer die Band sahen, war zwar die umsatzstärkste aller Zeiten, aber in der Produktion auch enorm teuer.

Bowie und Beyoncé haben gezeigt, wie es geht

Ein Paukenschlag war also wichtig für die Veröffentlichung des neuen Albums. Wie das geht, haben in den fünf Jahren seit dem vorigen U2-Album viele gezeigt, nehmen wir nur David Bowie oder Beyoncé. Von Apple-Events wird sowieso immer ein Paukenschlag erwartet, da passte das ganz gut.

In einem Statement der Band zur Veröffentlichung des neuen Albums betont Bono, dass das Album zwar gratis erhältlich sei (bis zum 13. Oktober), aber dass dafür bezahlt worden sei. Irgendwie will er also doch nicht Teil der Umsonstkultur sein. Aber bei den allgemein sinkenden Einnahmen aus Plattenverkäufen dürfte die (nicht bekannt gegebene) Garantiesumme von Apple schon etwas Planungssicherheit für das Rock-Unternehmen U2 gegeben haben. Und ein Komplementäralbum namens "Songs of Experience" haben sie bereits angekündigt.

"Songs of Innocence" ist inhaltlich ausdrücklich nostalgisch. "Es ist ein sehr, sehr persönliches Album", sagt Bono und unterstreicht das im Booklet mit einigen Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend in Dublin. Die Vorabsingle "The Miracle (of Joey Ramone)" zeigt dabei einmal mehr, dass Subtilität U2s Sache nicht ist - so hübsch die Geschichte auch ist, dass Bono erst den Mut zum Singen fand, als er hörte, dass der Ramones-Frontmann auch eine "Mädchenstimme" hatte. Ihre Reverenz erweist die Band auch dem 2002 - gut ein Jahr nach Ramone - verstorbenen Joe Strummer von The Clash - sowie der Mutter, die Bono mit 14 Jahren verlor: "Iris (Hold Me Close)", so der Song, der ihren Namen trägt.

Vorbild für Coldplay und Killers

Selbstverständlich gehört die Verknüpfung von Höchstpersönlichem und maximal Allgemeingültigem zur Popmusik dazu. Und Bono wäre nicht Bono, wenn er nicht wenigstens einen trostbuchtauglichen Slogan dabei hätte: "There's no end to grief, and that's how I know, there's no end to love." Aber solche Erinnerungen an die tote Mutter, die Heimatstraße, den Freitag, als in Dublins Innenstadt eine Bombe explodierte, einfach so, unaufgefordert, in der digitalen Musiksammlung vorzufinden, das ist schon ein Ding. Na ja, wen's nicht interessiert, der hat halt "Blut, Schweiß und Tränen einiger irischer Typen im Junkmail-Ordner", so Bono.

Wenn wir jetzt einmal davon ausgehen, dass es unter den 500 Millionen Empfängern dieses Album-Spam (sorry, er hat's ja selbst gesagt), einige dabei sind, die U2 noch nicht kennen, was bekommen die zu hören, wenn sie drauf klicken und es aus der Cloud laden? Eine ziemlich repräsentative U2-Platte jedenfalls, mit den üblichen hymnischen Refrains, dem Pathos im Gesang, den Chören zum Armehochreißen, von Gitarrist The Edge klingelnde Melodien und knallende Riffs. Wer's in den letzten 35 Jahren nicht mochte, wird's jetzt auch nicht mögen.

Die einzige Bevölkerungsgruppe, bei der dieses Marketing-Experiment schon verfangen könnte, sind womöglich die jungen Leute, die zwar Coldplay oder die Killers oder Bastille kennen, nicht aber die Band, die deren Vorbild war. Von dem Albumproduzenten Danger Mouse sowie für einzelne Stücke auch Ryan Tedder oder Paul Epworth haben sich U2 zu durchaus zeitgemäßen Sounds, vor allem Keyboards, inspirieren lassen. Den Texten zum Trotz - der Klang ist nicht nostalgisch, nur sehr vertraut.

Ob bei den Jungen der Coolness-Transfer von Apple auf U2 verfängt? Es ist ja schon auffällig, dass dies 2004 noch genau andersherum war: Da holte sich Apple U2, um cooler zu wirken. Nun ist der U2-Auftritt samt Gratis-Album eine Fußnote des Apple-Events, die nach der Uhr und den Telefonen erwähnt wird. Die Aktion verpfuscht zu nennen, ist sicher übertreiben. Aber ob das wirklich der gewünschte Paukenschlag war?



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Stäffelesrutscher 10.09.2014
1.
»Über eine halbe Milliarde Menschen weltweit konnten von Dienstag auf Mittwoch plötzlich in ihrer iTunes-Musikdatenbank das neue Album von U2 vorfinden.« Habe ich was verpasst? Ich habe davon erst durch diesen Artikel erfahren. Keinen Eintrag in der Datenbank, kein Hinweis per Mail. Nix mit »Sie finden das in der Mediathek unter 'Titel' oder 'Interpreten.« Erst beim Suchen unter »Gekaufte Artikel« bin ich fündig geworden. Na ja, wenn's gratis ist ...
Criticz 10.09.2014
2. Die Vorabsingle war in den USA gefloppt...jetzt treten U2
die Flucht nach vorne an. Relativ risikolos. Das Geld wird mit CDs sowieso nicht mehr gemacht. Der Paukenschlag war wichtiger - für die,deutlich lukrativere, Tour. So läuft es halt inzwischen .... leider.
Karbonator 10.09.2014
3.
Ich finde es erstaunlich... da verschenkt eine der erfolgreichsten Bands der letzten Dekaden ihr neueste Album... und es ist kein grottiges Album... und dennoch findet Herr Bayer noch so einiges zum Meckern. Ist das nun wirklich aufrichtige Kritik oder doch eher dem mittlerweile fast schon altmodischen Zwang geschuldet, immer so überheblich-kritisch über U2 im Allgemeinen und Bono im Speziellen daherzureden?
DerBlicker 10.09.2014
4. wieso?
Zitat von Criticzdie Flucht nach vorne an. Relativ risikolos. Das Geld wird mit CDs sowieso nicht mehr gemacht. Der Paukenschlag war wichtiger - für die,deutlich lukrativere, Tour. So läuft es halt inzwischen .... leider.
Finde ich gut, wenn U2 das Geld mit ehrlicher Arbeit auf Konzerten verdienen (müssen) und nicht bequem durch Studio Alben. So muss das sein, Arbeit muss sich wieder lohnen, nicht bequeme Tantiemenabzocke aus dem Sessel heraus wie die letzten 50 Jahre in der Musikbranche üblich.
Frank Zi. 10.09.2014
5.
Zitat von KarbonatorIch finde es erstaunlich... da verschenkt eine der erfolgreichsten Bands der letzten Dekaden ihr neueste Album... und es ist kein grottiges Album... und dennoch findet Herr Bayer noch so einiges zum Meckern. Ist das nun wirklich aufrichtige Kritik oder doch eher dem mittlerweile fast schon altmodischen Zwang geschuldet, immer so überheblich-kritisch über U2 im Allgemeinen und Bono im Speziellen daherzureden?
Kostenlose Musik ist halt nichts besonderes mehr, gibts bei Spotify (legal), Piratebay (illegal) oder sonstwo überall. Damit lockt man echt keinen mehr hinter dem Ofen hervor, auch wenn es U2, Madonna oder Bushido ist.
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