Neues Album von Arcade Fire Pessimismus zum Mitschunkeln

Ausverkauf einstiger Indie-Helden oder aktuell gültigste Rockband? Arcade Fire spalten mit ihrem neuen Album "Everything Now", weil sie es wagen, ihren Kulturpessimismus wie Abba klingen zu lassen.

Guy Aroch/ Sony Music

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Jedes Lied, das du je gehört hast, spielt gleichzeitig in deinem Kopf: "Every song that I've ever heard/ Is playing at the same time, It's absurd", heißt es in "Everything Now", der Single, mit der Arcade Fire vor einigen Wochen ihr fünftes Album ankündigten - und Alt-Fans verstörten. Denn als wäre der Song nur ein Echo aus vergangenen Hits (was, nur nebenbei, im Grunde eine präzise Definition von Popmusik ist), werden schamlos melodische Trigger gesetzt: "Dancing Queen" etwa, "Alive And Kicking" von den Simple Minds… und wo zum Teufel hat man nur diese hupende Querflöte schon mal gehört? Egal, denn schon reißt einen der Schunkelrhythmus mit, will alles, jetzt - Musik als Droge für ein seligmachendes Verlorengehen im Sound. Es ist eine der besten Singles des Jahres. Und eine der klügsten.

Mancher Kritiker ahnt bei diesem wirksamen Trick bereits den endgültigen Ausverkauf der kanadischen Rockband, die zu Beginn der Nullerjahre als musizierender Wanderzirkus begann. Die Disco-Nummer, schrieb die "Zeit", lenke einen nicht auf den "existenziellen Zweifel" am Zeitgeist, der im Songtext artikuliert wird, sondern auf die "banale Popfrage: Wie ironisch ist dieser an Abba erinnernde Sound jetzt wohl gemeint?"

Äußerst ironisch natürlich. Aber wenn es in Zeiten des "Everything Now", der allgegenwärtigen Information und rasenden Gleichzeitigkeit also, darum geht, nach noch offenen Gedankenräumen zu suchen, dann muss man sich vielleicht wie Dopamin an die Rezeptoren anheften, um zum zugedröhnten Hörer, zum Info-Junkie, überhaupt durchzudringen. Dafür ist dann nicht nur Abba als ultimatives Schmiermittel erlaubt, sondern eben auch die Simple Minds in ihrer schon ungenießbaren Mittachtziger-Phase.

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Arcade Fire: Früher Indie-Hippies, jetzt Disco-Freaks

Was soll hier, so postmodern verspiegelt, transportiert werden? Dass die brüllende Fülle an Serien, Songs, Instagram-Bildern, Katzenclips, Politiker-Soundbites und Terror-News in Wahrheit ein Vakuum erzeugt, ein Spiegelkabinett, in dem wir alle noch kein Koordinatensystem haben - und daher zu ersticken drohen. Hirntot im Kaleidoskop.

Unendlicher Spaß? Unendlicher Horror!

Kulturpessimismus-Kanon also, der für Arcade Fire keine neue Botschaft darstellt, sondern dieselbe Neo-Hippie-Predigt ist, die sie bereits vor zehn Jahren auf ihrem noch einhellig bejubelten Album "The Neon Bible" gehalten haben. Das entwaffnet den Kritiker der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", der angesichts von "Everything Now" seufzte, dass Arcade Fire "mal eine wirklich richtig gute Band waren und man sich wünscht, sie würden es bleiben oder wieder werden." Dabei waren sie nie besser als jetzt, weil sie sich inhaltlich treu, aber stilistisch beweglich bleiben - und ihr über die Jahre auch aus dem Mainstream rekrutiertes Publikum nicht nur bedienen, sondern zudem herausfordern. Das macht sie zur vielleicht gültigsten Rockband zurzeit.

Dass Win Butler und seine momentan sechs Kollegen progressiv sein können, zeigten sie bereits vor vier Jahren mit "Reflektor", das sie aus ihren Indierock-Zusammenhängen mit einem uneindeutigen, elektronischen Sound heraussprengte. "Everything Now", mit retro-futuristischer Brillanz von Daft Punks Thomas Bangalter und Steve Mackey (Pulp) produziert, knüpft dort an, indem es noch mehr sperrige Rock-Brocken abschleift. Die "Signs of Life", nach denen hier in einem Song gesucht wird, finden sich eben nicht mehr bei den kettenrauchenden "cool kids, stuck in the past" vor dem Klub. Wo dann? Vermutlich irgendwo im great wide open auf dem Albumcover, einer Installation des britischen Künstlers JR.

Antworten haben Arcade Fire nicht, sie illustrieren lediglich in empathiefähiger Form. Dass sie im "Everything Now" nichts richtig, aber auch nichts falsch machen können, scheint die Band verinnerlicht zu haben: In einer Zeit, in der alles jederzeit passiert, ist auch jede mögliche Reaktion vorhersehbar und damit so gleichwertig wie unwichtig - eine Nuance im Grundrauschen. So wie diese Rezension ja letztlich auch. Missmutige Kritiker foppten Arcade Fire folgerichtig schon vor Veröffentlichung des Albums mit ihrer eigenen Parodie einer Plattenkritik.

"Infinite Content" treibt das Spiel mit der Beliebigkeit auf die Spitze: Es gibt eine rebellierende Punk-Version, auf die eine sanfte Akustik-Version folgt - jedem die Arcade-Fire-Variante, die ihm gerade am liebsten ist: Choose your own menu! "Infinte content/ We're infinitely content", singt Butler, leicht hysterisch. Unendlicher Spaß? Unendlicher Horror!

Umso schwerer wiegen die ernsten Momente eines Albums, das weniger euphorisch endet, als der Discobeat zu Beginn suggeriert hat. "Creature Comfort" schildert den Suizid eines Fans, der von der Angst getrieben ist, im Zeitalter der Influencer ein Niemand zu bleiben: "God, make me famous/ When you can't, just make it painless". Und "We Don't Deserve Love", die große Ballade zum Schluss, richtet den Blick aufs bisher letzte Refugium, die Liebe: "You don't want to talk/ You don't want to touch/ You don't even want to watch TV".

Höchste Zeit, den Stecker zu ziehen. Aber bitte nicht bei dieser Band.

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floersche 27.07.2017
1.
Ich vermute, Butler wurde von Außerirdischen gekidnappt und an ihm wurden fürchterliche Experimente durchgeführt. Anders kann ich mir diesen akkustischen Unfall nicht erklären. Die waren mal so unglaublich gut und jetzt diese Abba-Discogrütze.
tcdk 27.07.2017
2. danke...
für die Warnung! Man muss sich also mal wieder aus dem Rock emanzipieren (zu billigsten Disco beats...) um die "gültigste" Rockband zu sein? Schade, ich dachte wir hätten diese Art von Rezensionen hinter uns gelassen Herr Borchholte. Und "retro-futuristisch" muss Ihnen erst mal einer nachmachen, Glückwunsch. Gott was freue ich mich morgen auf die neue Prong.
schlauchschelle 27.07.2017
3. Musik ist bekanntlich Geschmackssache,
und auch das neue Album wird seine Fans finden. Mir persölich sagt es nicht zu, generell war Discowumms nie mein Fall. Create Comfort klingt noch eingängig, Text, Gesang und Sound sind recht stimmig, die 2 Anderen jedoch, nunja. Wenn ich dagegen Afterlife höre bekomme ich eine mega Gänsehaut ebenso wie bei Reflektor. Egal, ich wünsche der Band jedenfalls Erfolg mit dem neuen Album, persönlich wäre mir eine Rückkehr zum Sound wie bei Reflektor oder Suburbs lieber....
marcus_tullius 27.07.2017
4. Lassen wir mal das Kritiker-Blabla beiseite
was bei Borcholte ohnehin immer wie angelesen oder angehört klingt. Auf der "Platte" ist kein Song drauf, der mich nachhaltig fasziniert oder auch zum fünften Anhören verführen könnte.
ancoats 27.07.2017
5.
Eine schöne Kritik - und macht mich definitiv neugierig auf das aktuelle Werk der letzten Band aus dem Indie-Rock-Whatever-Bereich, die es - mit Neighbor #2 - geschafft hat, mir beim ersten Hören ein "Wow, was ist das denn?!" zu entlocken. Viel mehr will ich heute gar nicht mehr, im öden, vorhersehbaren und weitgehend fantasielosen Popkosmos. Das Konzert letztlich in Berlin war übrigens großartig. Tolle Live-Band.
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