Nachruf auf Aretha Franklin Danke für den Soul

Sie machte aus Gospel Popmusik, sie war die erste Soul Sister der Frauenbewegung, sie prägte Generationen von Musikerinnen: Wenn auf jemanden die Bezeichnung "Queen of Soul" zutrifft, dann auf Aretha Franklin.

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Man sagt, die Grundlage von Soulmusik sei Schmerz, Liebeskummer, Ungerechtigkeit, Verlust - und damit natürlich auch das Gegenteil: Glaube, Liebe, Hoffnung. Aretha Franklin, am 25. März 1942 in Memphis als Tochter eines Baptistenpredigers und einer Gospelsängerin geboren, hat mehr als genug von allem eingesogen.

Ihre Mutter starb, als sie zehn Jahre alt war. Bereits im frühen Teenageralter gebar sie zwei Söhne. Einen offiziellen Vater gab es nicht, sodass die Familie die Kinder irgendwie durchbrachte, mithilfe von Müttern und Omas. Mit 14 nahm sie ihre erste Platte auf. Und bereits auf dem bezeichnenderweise "Songs of Faith" genannten Gospelalbum kann man Franklins außergewöhnliche stimmliche Kraft erleben: Die Frau singt, als ob sie mindestens vier Lungenflügel und zwei Herzen hat. Und scheint sich dabei nicht im Geringsten anstrengen zu müssen. Sie bläst einen schier um.

Seit den Sechzigerjahren war Aretha Franklin die "Queen of Soul", die Blaupause für weibliche Soul- und R'n'B-Stimmen. Es gibt keine, die sich nicht an ihr orientiert hat, die nicht versucht hätte, die reiche, volle Tonlage und ihre nie kitschigen Kapriolen und Ad Libs irgendwie zu kopieren. Franklin war im Ausdruck teilweise freier als Ella Fitzgerald oder Mahalia Jackson, die großen Jazz- und Gospelsängerinnen ihrer Jugend. Sie war - zeitbedingt - textlich expliziter und immer eine politische Musikerin.

Sie verstieß von Anfang an gegen Regeln - und setzte damit in gewisser Weise das Verhalten ihrer Eltern fort, das von restriktiven Vorschriften und ihrem bigotten Nichteinhalten geprägt war. Ihr Vater Reverend Clarence L. Franklin hatte ein außereheliches Kind, wegen seiner Affären trennte sich ihre Mutter Barbara von ihm. Tochter Aretha bekommt ebenfalls uneheliche Kinder.

Ausgerechnet sie, die in der Kirche ihres Vaters in Detroit, wo die Familie nach der Trennung der Eltern lebte, ihre Stimme schulte, zieht es zu einer weltlichen Musikkarriere. Diese Karriere führte sie über einen eher erfolglosen Beginn bei Columbia Records über Atlantic Records, wo sie Ende der Sechziger ein Star wurde, bis hin zum eigenen Label Aretha's Records, wo sie im Jahre 2011 ihr Album "A Woman Falling Out of Love" veröffentlichte.

"Respect" machte sie zur Original sister

Der Zenit ihres musikalischen Weges war jedoch 1967 "Respect", die textlich und musikalisch zwar minimal, aber signifikant geänderte Version von Otis Reddings 1965 aufgenommenem Song. In der Originalversion fordert Redding seine Frau auf, ihm doch zumindest ein wenig Respekt angedeihen zu lassen, wenn er - nach dem Job und mit der Kohle - nach Hause kommt: "Hey little girl / you're sweeter than honey / and I'm about to give you all my money / but all I want you to do just give it / Respect when I come home". Aretha Franklin dagegen führt einen dramaturgisch bemerkenswerten Übergang ein, singt in einer anderen Tonart und aus der Sicht der Frau, die Achtung einfordert: "I'm about to give you all of my money / and all I'm asking in return, honey / is to give me my propers when you get home".

Mitverantwortlich für den durchschlagenden Erfolg von Franklins Version sind die grandiosen Backing Vocals ihrer Schwestern Erma und Carolyn, die mit ihrem "Re-Re-Re-Re" und "Just a little bit" das Tempo antreiben. Bei Redding war der Song eine Bitte, bei Franklin ist er eine Forderung.

So selbstbewusst waren afroamerikanische Sängerinnen damals selten. US-Präsident Lyndon B. Johnson hatte erst kurz vorher, im Februar 1967, bei einer Rede anlässlich Lincolns Geburtstag erneut dazu aufgerufen, den Rassismus zu überwinden. Er unterschrieb im gleichen Jahr einen neuen Erlass, der die Handhabe gegen Geschlechterdiskriminierung verbesserte. "Respect" gilt darum als einer der ersten - und garantiert groovigsten - Songs der Frauenbewegung, der Franklin mit späteren Songs wie "Sisters Are Doin' It for Themselves" - 1985 im Duett mit Annie Lennox - musikalisch verbunden blieb. Doch "Respect" machte sie zur Original Sister.

"Ich singe einen Song nie genau gleich"

1968 knüpfte Aretha Franklin mit dem Song "Think" - geschrieben von ihr und ihrem damaligen Ehemann Ted White - an den Erfolg an. Spätestens seit der textlich eher vage gehaltene Song 1980 im Blues-Brothers-Film die Situation zwischen der in rosa Schläppchen tanzenden Imbissbesitzerin und ihrem Mann klärt, kennt ihn die Welt. "I love you", sagt Franklins Filmmann, der Blues-Brothers-Gitarrist Matt "Guitar" Murphy zu Beginn der Szene. "But I am the man and you are the woman. And I make the decisions concerning my life". "You better think about consequences of your action", antwortet sie skeptisch. "Oh shut up, woman", wirft ihr Mann ihr darauf mit bewährtem Machismo hin, und Franklin beginnt wütend zu singen. Dass sie es nicht schaffte, hundertprozentig lippensynchron zum Blues-Brothers-Band-Playback zu agieren, zeigt ihre intuitive musikalische Herangehensweise: "Ich singe einen Song nie genau gleich", erklärte sie im Making-of.

Mit vielen Pop-Soul-Stücken hatte Franklin in den Achtzigern und Neunzigern immer wieder Erfolge, darunter das 1998 von Lauryn Hill produzierte "A Rose Is Still a Rose". Gesundheitlich waren ihr Stress und Druck anzumerken. Seit den Siebzigern kämpfte sie mit Gewichtsproblemen. Als die starke Raucherin 1992 die Zigaretten aufgab und wiederum stark zunahm, war sie am Boden zerstört. 2010 bekam sie eine Krebsdiagnose, und musste eine Tour absagen, weil sie sich einer Tumor-Operation unterzog.

Seitdem kämpfte sie stets mutig gegen die Krankheit. Doch ab 2014 war Franklin immer öfter gezwungen, Konzerte und Touren ausfallen zu lassen, ihren letzten öffentlichen Auftritt absolvierte sie im November 2017 bei einem New Yorker Konzert zugunsten der Aids-Stiftung von Elton John. Im gleichen Jahr benannte ihre Heimatstadt Detroit einen Straßenabschnitt nach ihr, und seit vier Jahren heißt ein Asteroid "249516 Aretha".

Nun ist Franklin, die in ihrer Interpretation von Burt Bacharachs "I Say a Little Prayer" 1968 selbst das leichteste und gleichzeitig sehnsüchtigste Soulgebet aller Zeiten hinlegte, am 16. August gestorben.



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