Kultur

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Zum Tod der US-Sängerin

Als Aretha Franklin in unser Wohnzimmer kam

Das Mittagessen war vorbei, wir waren im Aufbruch zum Spaziergang, da stand Onkel Harry beseelt mit Aretha Franklin in der Tür - und die Welt wurde eine andere. Eine persönliche Erinnerung.

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Getty Images

Aretha Franklin mit Produzent Don Cornelius

Donnerstag, 16.08.2018   16:57 Uhr

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Es muss Ende der Siebzigerjahre gewesen sein, es war ein Sonntag, das weiß ich noch, ich war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, als Aretha Franklin in unser Wohnzimmer kam. Und sie ging nie wieder fort.

Das Mittagessen war vorbei, meine Eltern hatten vor, einen Spaziergang zu machen. Da klingelte es. Mein Onkel Harry stand in der Tür, total beseelt. Er müsse meinem Vater dringend etwas vorspielen. Jetzt. Nicht nach dem Spaziergang. Das Gesicht meiner Mutter verfinsterte sich.

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Ich kannte das schon. Und meine Mutter auch. Mein Onkel klingelte öfter, wenn er neue Musik entdeckt hat. Doch diesmal war ihm offenbar die Jungfrau Maria erschienen, eine Offenbarung, die keinen Aufschub duldete. Der Spaziergang wurde abgeblasen. Dafür blies es gleich mit Karacho aus unseren Lautsprechern.

Aretha auf dem "Tesla-Tonbandgerät"

Mein Onkel hatte nicht etwa eine Schallplatte in der Hand, sondern ein Orwo-Tonband aus DDR-Produktion. Da waren wir nämlich zuhause damals, in Freiberg, Sachsen, Deutsche Demokratische Republik. Auf dem Tonband befand sich Aretha Franklins Platte "Soul 69", die in ziemlich maximaler Lautstärke auf unserem Tesla-Tonbandgerät B56 aus der CSSR abgespielt wurde. Nicht nur wir, all unsere Nachbarn müssen an diesem Sonntag Aretha Franklin kennengelernt haben.

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Gleich beim ersten Song "Ramblin'" war für drei Minuten und zehn Sekunden jeglicher Klassenstandpunkt vergessen, unsere kleine 50 Quadratmeterwohnung wurde zum Fillmore West in San Francisco. Bei "Gentle on my mind" wurde getanzt, bei "I'll never be free" geweint. Bei "Today I sing the Blues" lagen sich alle in den Armen. Es war ein Sog, dem sich dann selbst meine Mutter nicht mehr entziehen konnte. Nur ich hab das alles noch nicht so richtig verstanden.

Dass "Soul 69" mit etwa zehnjähriger Verspätung aus unseren Lautsprechern klang, war den Umständen geschuldet. Platten von US-Musikern waren in der DDR in etwa so im Umlauf wie Wartburgs im Westen. Mein Onkel kannte Leute, die Westverwandtschaft hatten und so auf verschlungenen Wegen an Platten kamen.

Außerdem war er mit einem Radio-Moderator des DDR-Rundfunks befreundet, der wiederum einen Pfarrer im Westen kannte, bei dem er ab und an Plattenwünsche loswerden konnte. Wenn der dann über die Transitstrecke nach Westberlin fuhr, warf er kurz vor der Stadt- und Staatsgrenze kleine Pakete bei langsamer Fahrt aus dem Auto und der Radio-Moderator sammelte sie ein. Möglichst nachts, wenn es keiner sah. So kamen West-Platten in die DDR. So kam Aretha in unser Wohnzimmer.

Waren diese Platten erst einmal da, gingen sie meist durch Dutzende Hände, Jazz-, Soul- und Bluesfans von Rostock bis Suhl nahmen sie auf ihre Tonbänder und Kassetten auf, entsprechend knarzten die Aufnahmen meistens. Das war auch der Grund, warum mein Onkel nur mit einem Tonband kam und nicht mit der Originalplatte. Die hatte er längst an einen anderen Fan weitergereicht.

Allein das Orchester auf "Soul 69"! Die Arrangements! Die Background-Sängerinnen! Die Musiker! King Curtis und Frank Wess an den Saxofonen, Ernie Royal und Joe Newman an den Trompeten, Urbie Green und Jimmy Cleveland an den Posaunen, Kenny Burrell an der Gitarre, Ron Carter am Bass, der Österreicher Joe Zawinul an den Keyboards. Eine All-Star-Band, die noch heute Liebhaber mit der Zunge schnalzen lässt. Und natürlich Aretha Franklin selbst, die sich auf drei Songs selbst am Piano begleitete.

Dass Aretha Franklin viel mehr war als eine Ikone, die sie mit dem abgewandelten Song "Respect" wurde, viel mehr als die "First Lady of Soul", viel mehr als ein schwarzes Role-Model, auf das sich alle - ja, alle - schwarzen Sängerinnen nach ihr beriefen, dass sie nämlich auch eine ausgezeichnete Pianistin war, kann man nicht nur auf "Soul 69" hören, sondern auch auf ihrer Platte "Hey now hey". Beim knapp achtminütigen Titel "Just right tonight" spielt sie die ersten vier Minuten ein Klavier, bei dem der Blues aus jeder Taste quillt.

1983 das letzte Mal in Europa

Welche Wucht diese Frau hatte, welche Präsenz, welchen Glanz konnte man noch sehen, als sie 2015 im Kennedy Center for Performing Arts in Washington zu Gerry Goffin's und Carole King's "(You Make Me Feel Like) A Natural Woman" ansetzte. Die anwesende Songwriterin King erstarrte in Ehrfurcht, US-Präsident Barak Obama konnte sich eine Träne nicht verkneifen, seine Frau Michelle und der große Rest des Publikums flippten förmlich aus. Aretha Franklin war eine Erscheinung, eine Instanz, lebendiges US-Weltkulturerbe.

Leider mussten wir jüngeren Europäer immer nur mit Konserven-Musik von ihr Vorlieb nehmen. 1968 war Aretha Franklin zum ersten Mal auf dem alten Kontinent, im Amsterdamer Concertgebouw gab sie ein umjubeltes Konzert, bei dem es die Ordner bald aufgaben, das fanatische Publikum von der Bühne fernzuhalten. Irgendwann saßen die Leute auf der Bühne um ihren Flügel herum. In Paris nahm Franklin die Platte "Live in Paris" auf. 1983 kam sie zum letzten Mal nach Europa. Sie plagte panische Flugangst, so dass Reisen nur in den USA mit Tourbus und Eisenbahn unternommen wurden.

1990, ich war gerade 18 geworden, flog ich das erste Mal nach New York, nicht um sie live zu sehen, auf diesen Zufall hatte ich gar nicht zu hoffen gewagt. Nein, ich wollte Platten von ihr, die es hierzulande nicht gab. Bei Tower Records, damals dem Eldorado für Musikliebhaber weltweit, kaufte ich "Amazing Grace", eine Live-Doppel-LP aus einem Gospelgottestdienst in der New Temple Missionary Baptist Church in Los Angeles von 1972, bei der Reverend James Cleveland predigte, Aretha umwerfend sang und ihr Vater Clarence LaVaughn Franklin die typische Gospel-Orgel spielte, während die Gemeinde jauchzte.

Vor etwa fünfzehn Jahren verkaufte der Freund meines Onkels seine Plattensammlung, weil er umgezogen war und Platz brauchte. Jetzt steht diese Sammlung bei mir. Aretha Franklins "Soul 69" war aus Rostock oder Suhl oder Hoyerswerda oder wer weiß, wo sie überall war, wieder in sein Plattenregal zurückgekehrt. Jene "Soul 69", die vor knapp 40 Jahren in unserem Wohnzimmer lief.

Heute Abend wird sie in meinem Wohnzimmer laufen. Laut und lang. Damals hab ich es noch nicht verstanden.

Heute schon.

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