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Neue CD-Boxen von Aretha Franklin und Otis Redding: Heul doch!

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Aretha Franklin und Otis Redding: An die Wand gesungen Fotos
DPA

Ende vergangenen Jahres trieb Aretha Franklin Präsident Obama Tränen in die Augen. Zum Heulen schön ist auch eine neue CD-Box mit ihren besten Alben. Ebenso toll ist die Werkschau ihres jung verstorbenen Kollegen Otis Redding.

Aretha Franklin sang in ihrer langen Karriere schon für die Queen, den Papst und diverse US-Präsidenten, aber niemanden hat sie wohl so überwältigt wie Barack Obama, der sich Tränen der Rührung aus dem Gesicht wischte. Zumindest sah es so aus, als der Präsident Ende vergangenen Jahres im Kennedy Center der "Queen of Soul" lauschte, die dort vor geladenen und tief beeindruckten Gästen den Carol-King-Song "Natural Woman" aufführte.

Nur die Künstlerin selber gab sich unbeeindruckt: Ja, es war wohl ganz gut, was sie abgeliefert habe, aber in Bestform sei ihre Stimme nicht gewesen, gab Aretha Franklin zu Protokoll: "Ich frage mich, wie ich wohl gesungen hätte, wenn meine Stimme exakt da gewesen wäre, wo ich sie mir gewünscht hatte."

Aber die Regentin des Soul weiß, dass sie, auch wenn ihre Stimme nicht bei hundert Prozent ist, ihre Konkurrenz immer noch an die Wand singt. Seit Jahrzehnten füttern begeisterte Kritiker Franklins gesundes Ego mit Superlativen: Das US-Fachblatt "Rolling Stone" führt Aretha Franklin gleich auf zwei Bestenlisten: Auf der Liste der "Großartigsten Künstler aller Zeiten" belegt sie Rang neun; auch auf der Liste der "Besten Sänger aller Zeiten" thront Franklin auf der Poleposition. All ihre Bestmarken und Auszeichnungen aufzuzählen, würde hier den Rahmen sprengen. Zu erwähnen wären vielleicht noch ihre 18 Grammys und mehr als 75 Millionen verkaufter Tonträger.

Geboren wurde die 73-Jährige in Memphis, Tennessee. Ihr Vater war ein Mann Gottes und Aretha und ihre Geschwister trällerten früh in Gotteshäusern. Franklin war vierzehn Jahre als ihr Debütalbum "Songs of Faith" erschien. Abgesehen von ihrer himmlischen Stimme war sie auch mit der Gabe gesegnet, nach Gehör fehlerfrei Klavier spielen zu können. Aber bei aller Gottesliebe zog es das hochtalentierte Kind doch zur Popmusik. Der Produzent John Hammond, der auch Bob Dylan, Leonard Cohen und Bruce Springsteen eine Chance gab, lotste die 18-Jährige zu Columbia Records, wo sie einige gefällige, mäßig erfolgreiche Easy-Soul-Alben einspielte.

"Andere sind gut, aber Aretha ist sagenhaft"

Es war dann der große Ahmet Ertegün, Gründer und Chef von Atlantic-Records, der Aretha Franklin 1967 klarmachte, dass sie ihr Talent verplempere und ihre Stimme mehr Auslauf bräuchte, um sich in voller Pracht entfalten zu können. Obendrein versprach der schlaue Fuchs seiner ehrgeizigen Klientin ihr ein angemessenes Image zu verpassen. Bei Atlantic-Records wurde Aretha Franklin dann zur "Queen of Soul" gekrönt. Passend dazu ließ sich Ray Charles damals so zitieren: "Es gibt Sänger, und es gibt Aretha. Sie überragt alle. Andere sind gut, aber Aretha ist sagenhaft."

16 der Alben mit denen Aretha Franklin diesen Mythos begründete bietet nun das Kästchen "The Atlantic Albums Collection". Unter der Regie von Ahmet Ertegün und dem Produzenten-As Jerry Wexler nahm sie kühne Platten auf, bei denen Gospel, R&B, Soul, Jazz und Pop miteinander verschmolzen. Obendrein brachte die Atlantic-Mannschaft Franklin dazu ihre Stimme erstmals in voller Wucht einzusetzen und veredelte die Aufnahmen mit Studio-Musikern der Extraklasse.

Ganz vollständig ist diese Atlantic-Sammlung zwar nicht, aber alle Klassiker sind enthalten. Die restaurierten Langspielplatten wurden als Mini-Replikate den historischen Vinyl-Vorlagen nachempfunden. Verteilt auf diese alten Meisterwerke, die zum Weltkulturerbe zählen, sind Hits wie "Respect", "Chain of Fools", "Think" und "I say a little Prayer".

Bei Balladen konnten nur wenige Redding das Wasser reichen

Zu Aretha Franklins Lieblingssängern gehörte Otis Redding. Als der 1967 mit "(Sittin' on) The Dock of the Bay" den größten Hit seiner Karriere hatte, war er bereits tot. Der 1941 in Georgia geborene Künstler kam 1967 bei einem Flugzeugunglück ums Leben. Er war 26 Jahre. Redding hatte mit 15 Jahren die Schule abgebrochen. Um seiner Familie finanziell unter die Arme zu greifen, heuerte der begabte Knabe damals in der Tourband von Little Richard an. Später verfeinerte er sein Handwerk auf allerlei Konzertreisen mit anderen Künstlern.

Eines Tages chauffierte er den Sänger Johnny Jenkins zu einer Aufnahmesession bei Stax Records, und als am Ende noch etwas Zeit übrig war, ließ man Redding auf die Schnelle auch noch zwei Songs singen. Es war der zweite, "These Arms of Mine", der alle Anwesenden beeindruckte und Redding einen Vertrag und den ersten Hit verschaffte. Was er in den darauffolgenden Jahren an atemberaubenden Nummern für den Laden einspielte, ist nun in dem handlichen Zwölf-CD-Set "Soul Manifesto" gesammelt.

Geboten werden Albumklassiker wie "Otis Blue", mit denen er zu Lebzeiten für Furore sorgte, sowie nachgereichte Platten, die nach seinem Tod veröffentlicht wurden. Die Musik all dieser Platten ist makellos, insbesondere die der frühen. Dafür sorgten neben seiner Stimme und den oft von Redding selbst verfassten Songs die virtuose Begleitband Booker T and the MGs und die Bläser von den Bar-Kays. Insbesondere bei Balladen konnten nur wenige Kollegen Redding das Wasser reichen, was diese Box noch mal deutlich macht.

Aretha Franklin beschloss, dass sie "Respect" aufnehmen wollte, nachdem sie Reddings Vorlage gehört hatte. Darüber, wer nun besser war, könnte man ewig debattieren.

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  • Aretha Franklin:
    The Atlantic Albums Collection

    Box-Set, 19 CDs mit 16 Alben; Rhino (Warner); 69,99 Euro.

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