SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

17. August 2018, 17:38 Uhr

Neues Album von Ariana Grande

Süßer Stahlhelm

Von Tobi Müller

An diesem Freitag erscheint "Sweetener", das neue Album von Ariana Grande. Der Weltstar für Kinderzimmer und Trauma-Therapien versucht darauf, reif zu wirken. Doch übrig bleibt vor allem der Eindruck, dass sie zerrissen ist.

An Ariana Grandes Pferdeschwanz, ihrem Markenzeichen, hängen über 120 Millionen Follower. Das Haar aus Stahl: So sieht es aus im Instagram-Filmchen "Raindrops (an angel cried)", in dem Grande auf der großen Himmelstreppe sitzt und unbegleitet singt, als Engel mit Silberpferdeschwanz. Mit diesen schönen 38 Sekunden promotet sie ihr viertes Album, das heute erscheint. "Sweetener" heißt es, Süßstoff, künstlich und ohne Kalorien.

Im neoglobalen "Reich Grande" kann nur ein hybrider Körper regieren. Das ist nicht bloß Science Fiction. Der erweiterte, künstliche, entfremdete, von Wünschen und Waren überschriebene und hypersensible Körper ist die Realität der Heranwachsenden: Wer zieht da ständig an mir, was machen meine viel zu großen Füße da, passen die noch in die vor zwei Monaten gekauften Sneakers, warum finden mich alle doof und plötzlich wieder super, muss ich Sex haben, will ich das auch und was überhaupt ist der Unterschied, LOL?

Ariana Grande ist die einsame Queen dieser losen Altersgruppe. Und jedes bewegte Bild und fast jeder Ton lassen uns wissen, dass dieser Führungsjob harte Arbeit ist. Nur falls jemand denkt, dass Heranwachsen ein einziges Zuckerschlecken sei. Die Kunst wirklich weltumspannenden Pops ist die verwirrende Synthese von allem. Pop dieser Verkaufsklasse muss offen für Projektionen sein, und genau dies gelingt Grande.

Für ihn auf die Knie

Nicht umsonst heißt ein Lied, das all dies vereinen will, "Borderline". Das musikalisch leichthüftige Federn stammt von Superproduzent Pharrell, zwischen coolem Kinderfilm und minimalem Soul. Arg von der Stange, aber das ist nicht der Punkt: Der Track ist nur Tool, ein Mittel zum Zweck. Und den bestimmt die Künstlerin eindeutig zweifelhaft.

Denn geschlechterpolitisch ist "Borderline" himmelschreiend retro, wie sich die Sängerin als "the wifey type" stilisiert, als fräuleinhafte Gattin, die davon träumt, für ihn auf die Knie zu gehen. Doch den Titel sollte man ebenso ernst nehmen: meet you at the "Borderline". Diese Fantasie weiß, wie grenzwertig sie ist. Dazu rappt später Missy Elliott nicht sehr überzeugend, aber hier zählt einzig die Geste, dass eine erfahrene und feministische Künstlerin wie Elliott der Göttin der verschrienen Jugend die Hand reicht. Von ice cream ist übrigens auch die Rede in diesem Track, allerdings nur als schlüpfrige Metapher.

Für Ariana gibt es im Kohlenstoffleben keine verführerischen Eisbecher und kein feistes Dessert. Essen ist der Sex des Alters, und trotz Reife, die "Sweetener" signalisieren will, ist Ariana Grande weit davon entfernt. Darauf wartet die Welt noch, ein globales Popvideo, in dem jemand isst!

Doch was die Völlerei und ihr vermeintliches Gegenteil, den leistungsbetonten Verzicht, verbindet, ist die zwanghafte Beschäftigung mit sich selbst. Es muss etwas zu einem rein und da auch wieder raus, die Grenze markieren Mund, Anus und ein Ich, das den Narzissmus in den Griff kriegen muss, wenn es sich nicht verlieren will in endlosen Selbstspiegelungen.

Wieviel Melancholie in solchen Selbstfindungsprozessen wartet, davon erzählt Ariana Grande ausgiebig auf "Sweetener". Bereits die erste Single, "No Tears Left to Cry" macht interessante Vorschläge. Ich habe keine Tränen mehr in meinem Körper, Baby, und I like it. Ein Leben nach der Körperflüssigkeit ist ein Leben nach dem Menschen.

Das ist für diese Generation womöglich auch eine Utopie, dass es besser werden könnte, wenn der Humanismus und sein Hass erst mal überwunden sind. Und doch: Das Bild rotiert ständig um seine Achse, alles steht Kopf, wie schon im eingangs erwähnten "Raindrops". Schwindel ist ein Dauerzustand, wenn sich alles um einen selbst dreht. Hier produziert der Smashgarant des Powerpop, der Schwede Max Martin. Zumindest das gibt etwas Halt.

Kampf mit der Sexfalle

Etwas öde wird die Sache, wenn allzu warenförmiger Feminismus vorne draufsteht. Auch "God is a Woman" will mindestens zwei Sachen bedeuten. Nämlich Selbstermächtigung und im Zweifel Matriarchat, aber auch Höchstleistungen im Bett. Jede Feminismuswelle kämpft irgendwann mit der Sexfalle, mit dem Fluch, dass optimierte Lustobjekte, so toll sich mit ihnen spielen lässt, überraschenderweise der Sache der Geschlechtergleichzeit nur kurzfristig nützen.

Lustig ist das Video trotzdem. Und nach der Mitte zeigt es ein Bild, aus dem die Wahrheit über Ariana Grande herausströmt: Sie trägt ihre berühmten Katzenohren wie aus einem Disney Film, allerdings auf einem Stahlhelm. Coming of Age ist Krieg, und eine wird gewinnen.

Am Schluss wird der Krieg konkreter und damit traumatischer. "Get Well Soon" ist das von Grande fast erwartete Lied zum Terroranschlag im Mai 2017, als ein Selbstmordattentäter bei einem ihrer Konzerte in Manchester 23 Menschen tötete und 500 verletzte. Pharrell hat mit Grande eine rhythmisierte Ballade geschrieben, die mit 40 Sekunden Stille endet, zum Gedenken an die Opfer. Auch wenn der Song selbst mit Dialogen arbeitet, geht es dabei um ihre eigene Krise im Nachgang des Anschlags.

Und hier wird bei aller Komplexität des Albums klar, welche Ideologie am Ende siegt. Traumata sind immer persönlich, nie kollektiv, und sie können, ja müssen, überwunden werden. Schwäche ist ein vorübergehender Zustand, den man aus eigener Kraft verändert. Oder mit einem Stab an Beratern, Betreuern und dem Kapital aus neun Milliarden Streams auf YouTube.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH