Ariana Grande mit neuem Album Intimitäten im Kopfhörer

Schon wieder ein neues Album von Ariana Grande - das vorige ist gerade mal ein halbes Jahr alt. Es gab eben viel zu verarbeiten für die Sängerin: "Thank U, Next" ist ein Grenzgang zwischen Pop und Privatem.

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Es sei "zu spät gewesen, um etwas zusammenzustellen für die Show". Mit dieser Begründung soll Ariana Grande ihren Auftritt bei der Grammy-Gala am Sonntagabend abgesagt haben. Das behauptet zumindest Showproduzent Ken Ehrlich. Dass sich die Sängerin dagegen verwahrt, sogar von Lügen spricht, kann nicht verwundern.

Denn wenn Ariana Grande eins gezeigt hat, dann dass sie zu schnellen künstlerischen Reaktionen auf veränderte Gegebenheiten fähig ist. Nur zwei Wochen nach einem so einschneidenden Ereignis wie dem Terroranschlag auf Besucher ihrer Show in Manchester war sie zum Auftritt bei einem Benefizkonzert in der Lage. Auf dem Album "Sweetener", im August 2018 erschienen, verarbeitete Grande die Ereignisse auch musikalisch.

Doch kaum war das Album erschienen, gab es Erschütterungen im Privatleben der 25-Jährigen - ihr Ex-Freund Mac Miller erlag einer Überdosis, von ihrem Verlobten Pete Davidson trennte sie sich. Offenkundig reichlich Inspiration für neue Lieder, denn während andere Popstars Jahre zwischen Alben vergehen lassen, veröffentlicht Ariana Grande ihr fünftes Album "Thank U, Next" gerade mal sechs Monate nach dem vierten.

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Wenn wir gerade von Grandes "Privatleben" gesprochen haben, so verkennt der Begriff natürlich vollkommen die Verbindung zwischen Kunst und Leben bei Popstars. Die Lebensereignisse des Stars beeinflussen die Lieder. Was die Hörer wiederum wissen, die diese Lieder abklopfen auf Hinweise auf dieses Leben. Die große Kunst ist dann, die Lieder bei aller individuellen Entstehungsgeschichte so allgemeingültig zu halten, dass sie für die Leben der Hörer passend und wirksam sind.

All das ist kein Effekt der Extrem-Medialisierung des Internetzeitalters, Scheidungsalben haben auch schon Marvin Gaye, Phil Collins oder Björk aufgenommen. Aber natürlich hat das schiere Ausmaß des Wissens und des Austauschs darüber sich vervielfacht. Im neuen Song "Fake Smile" zeigt sich Ariana Grande schockiert darüber, was manchmal im Fernsehen über sie gesagt werde - aber: "I know it's the life that I chose". Es gehört zum Popstarjob dazu.

Und den macht Ariana Grande unter den gegebenen Bedingungen herausragend. Sie nimmt die Spekulationen ihrer Fans ernst, beantwortet sie auf Twitter. Mit kleinen Peinlichkeiten wie der Barbecuegrill-Tattoo-Affäre geht sie ziemlich souverän um. Die Pferdeschwanz-Extension hat sie zum Markenzeichen gemacht. Von vermeintlichen Autoritäten - Sie sind gemeint, Herr Grammy-Produzent - lässt sie sich gleich gar nichts bieten. Vor echten Größen wie Aretha Franklin zeigt sie Respekt. Kein Wunder, dass sie vom Branchenblatt "Billboard" zur "Frau des Jahres" gekürt wurde.

Klingt alles verdächtig nach Karrierehöhepunkt - da ist es ja auch gut, schnell neues Material nachzulegen. In der ersten Vorabsingle, dem Titelsong zu "Thank U, Next", bekannte Ariana Grande ihre Dankbarkeit für das, was ihre Ex-Freunde ihr jeweils gegeben hätten, das Video dazu ist ein echtes Meisterwerk der Referenzen an die Teenager-Filmkomödien der frühen Nullerjahre.

Die zweite Single "7 Rings" hingegen feiert die "retail therapy" - Shopping als Mittel zum Zwecke der Frustbewältigung. Wer kennt es nicht? Aber wer hat danach sieben Freundschaftsringe von Tiffany im Einkaufsbeutel? Das Video dazu ist eine sehr pink gehaltene Variation auf die Bling-Bling-Fetisch-Welt vieler Hip-Hop-Clips. Sei ihr gegönnt, doch um es als emanzipativ zu interpretieren, muss man schon ziemlich um die Ecke denken.

Aber der Ton für das Album ist gesetzt, auf dem noch zahlreiche weitere therapeutische Ansätze diskutiert werden. Da wäre zum Beispiel "Imagine": Verdrängung durch das Imaginieren eines besseren Lebens, das möglich gewesen wäre (wenn Mac Miller keine Drogen genommen hätte?). "NASA" nutzt die Doppelbedeutung von "space" als Weltraum und Platz zur Entfaltung, den sie braucht, um sich selbst zu entdecken (wie einen fremden Planeten?). Bei "Make Up" geht es auch um eine Doppelbedeutung - aber diesmal um Wiedergutmachungs-Sex, bei dem die Schminke verschmiert (die übrigens, kleine Schleichwerbung, von Rihannas Kosmetiklinie stammt).

"I saw your potential without seeing credentials", urteilt die Enttäuschte im Song "In Your Head" im besten Heidi-Klum-Sound, während sie sich in "Needy" zum Bekenntnis öffnet: Ja, ich bin bedürftig - aber zum Glück ist es ja ein Glück, gebraucht zu werden. Es sind solche Stellen, die durchaus selbstironisch gelesen werden können, für die man Grande, die ja objektiv viel durchmachen musste, bewundern kann.

Musikalisch sind die bekenntnishafteren Songs zumeist in einem leicht Trap-beeinflussten Midtempo-R&B-Sound gehalten, auf Kopfhörer-Intimität hin produziert. Dazwischen kommen aber immer mal wieder als Radio-Knaller gedachte Songs mit thematisch leichteren Texten, bei denen als Produzent der schwedische Hit-Garant Max Martin beteiligt ist.

Den abschließenden Song hat Ariana Grande ausgetauscht - der ursprüngliche sei ihr zu persönlich gewesen, um ihn zu veröffentlichen. Es gibt sie also doch noch, die Grenze zum ganz Privaten - auch wenn sie öffentlich verteidigt werden muss.

Stattdessen hat sie "einen spaßigen Song" aufgenommen: "Break Up With Your Girlfriend, I'm Bored". Im Video dazu gibt es einen passiv-aggressiven Pferdeschwanzkampf zu bewundern. Und die Botschaft ist unüberhörbar: Was auch passieren mag - Ariana Grande wird sich nicht unterkriegen lassen.

insgesamt 2 Beiträge
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#9vegalta 09.02.2019
1. Der Autor
ist wohl ein echter Arianator, wenn man das hier so liest. Aber Musik ist ja bekanntlich Geschmackssache. Oder das Fehlen von Musik in diesem Falle. Die selbsttherapeutischen Texte und der - zugegebenermaßen - nette Pferdeschwanz werden mich jedenfalls nicht zum Kauf dieses Werkes bewegen. Auch wenn die Mädels von IZ*ONE, einer meiner derzeitigen Favoriten (koreanisch-japanische Kooperation, muss man micht kennen), Frau Grande zu ihren großen Vorbildern zählen. Viel Spass.
pauschaltourist 09.02.2019
2.
"7 Rings" ist aus zwei älteren Songs anderer Künstler zusammengeklaut.
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