Abgehört - neue Musik Nur die Liebe fehlt

Gibt es ein richtiges Leben ohne Liebe? Ein existenzielles Gefühlsdefizit thematisiert Moses Sumney hochemotional auf seinem Debütalbum. Außerdem: Reifezeugnisse von Romano, Ariel Pink und Wolves in the Throne Room.

Von und


Moses Sumney - "Aromanticism"
(Jagjaguwar/Cargo, ab 22. September)

Muss ich zum Arzt oder schreibe ich lieber ein Album? Manchmal ist es nur eine Frage der Selbstüberwindung (und natürlich des Talents), die Künstler davor bewahrt, Patienten zu werden. Moses Sumney, ein 26-jähriger R&B-Sänger, Musiker und Produzent aus Los Angeles, der seine Kindheit in Ghana verbrachte, entdeckte an sich selbst die Unfähigkeit, romantische Liebe zu empfinden.

Keinen Sinn für Zweisamkeit zu haben, das führt nicht nur zu persönlicher Isolation, man wird auch gesellschaftlich zum Alien. Auf seinem Debütalbum, das so heißt, wie sein klinischer Zustand, "Aromanticism", übersetzt er die daraus resultierenden Emotionen in eine umwerfend feierliche Musik, die sich zwischen Pop, Spiritual Jazz und Soul einer eindeutigen Kategorisierung entzieht, aber eine ähnlich kathartische Wirkung entfaltet wie die frühen Alben von Antony Hegarty (jetzt Anohni).

So sehnsüchtig seufzt Sumney zu seinen auf Gitarre geklimperten, sanft mit Synthesizern bezirpten Songs im Falsett, das manchmal an Nat King Cole, manchmal an den frühen Seal erinnert, dass man auf die Idee kommen könnte, er leide existenziell unter seinem Gefühlsdefizit. Das tut er auch, denn Liebe nicht erwidern zu können, bedeutet ja nicht, frei vom Wunsch nach Anerkennung und Geborgenheit zu sein. Und dennoch sind Sumneys Lieder vor allem ein tröstliches Manifest der Selbstvergewisserung: dass Alleinsein auch ein Segen der Erleichterung sein kann - und dass Einsamkeit auch bedeuten kann, klarer auf die politischen Zwänge und Manipulationen zu blicken, die das Romantik-Dogma in der Gesellschaft installiert - vom happy couple- auf der Hochzeitstorte bis zur gerade aktuellen Hoffnung, dass sämtliche Verwerfungen und Konflikte allein mit (Nächsten-)Liebe lösbar seien.

"Wenn Leute sagen 'Wir brauchen mehr Liebe', dann sagen sie damit auch Menschen, die unterdrückt werden, dass sie die Person, die sie umbringt, lieben sollen. Aber was haben die davon? Ein reines Gewissen?", sagte Sumney, ein guter Freund der Sängerin Solange Knowles, vor kurzem in einem Interview.

Man kann "Aromanticism" also auch als politisches Album lesen, das sich der Spaltung zwischen schwarzem und weißem Amerika widmet: "We cannot be lovers/ Because I am the other", singt Sumney im sechseinhalbminütigen Kernstück "Quarrel", das sich, in wechselnden Tempi und Tonarten tief hinab in die sich überlagernden Schichten zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen tastet. Vom Rassenkonflikt bis zum erdrückenden Normierungsgebot des weißen Hetero-Mainstreams ist hier alles drin: "Don't call it a lover's quarrel", singt er leidenschaftlich im aufwogenden Refrain, denn nicht alle Probleme lassen sich mit Liebe lösen. Vor allem dann nicht, wenn sie nicht mit Respekt einhergeht.

Moses Sumney, ein musikalischer Solitär, der sein Debüt in weiten Teilen selbst produzierte, empfiehlt sich damit als Alternative zu verwandten Künstlern wie James Blake, Sampha oder How To Dress Well. Er mag abgeklärt wirken, wenn er immer wieder in ätherische Jazz-Verwirbelungen (u.a. mit Thundercat) abhebt; bleibt dabei aber stets greifbar als Subjekt seiner komplizierten Gefühlslagen. Mal flirtet er als lasziver Zeitlupen-Prince mit Querflöten-Lockruf ("Make Out In My Car"), mal fleht er über sinistren Synthie-Orgel-Klängen nach Erlösung ("Doomed"), dann wieder behauptet er sich im zarten Elliott-Smith-Folksoul von "Indulge Me".

"Aromanticism" ist ein "Self Help Tape" (so der Titel des letzten, jubilierend-transzendierenden Songs), das noch lange nachwirken und -klingen wird. (9.2) Andreas Borcholte

Andreas Borcholtes Playlist KW 38
SPIEGEL ONLINE

01 Moses Sumney: Quarrel

02 Ariel Pink: Another Weekend

03 Bobby Jameson: Know Yourself

04 Phoebe Bridgers: Funeral

05 Kummer: Cinema

06 Tori Amos: Wildwood

07 Hundred Water: Fingers

08 Emily Haines & The Soft Skeleton: Fatal Gift

09 Lee Ranaldo: Uncle Skeleton

10 Kettcar: Wagenburg


Romano - "Copyshop"
(Vertigo Berlin/Universal, seit 8. September)

Dass ausgerechnet Roman Geike sich im Titelsong seines zweiten Albums für einen freieren Umgang mit den Begriffen Kopie und Original stark macht, ist natürlich der größte Witz: Niemand in der aktuellen deutschen Hip-Hop-Szene ist mehr Original als Romano. Der lustig blondbezopfte Berliner in der glänzenden American-Football-Bomberjacke wurde mit kumpelhaften Elektro-Rap-Hybriden wie "Klaps auf den Po" oder "Metalkutte" in der Hauptstadt bekannt - und als Maskottchen aus dem unwahrscheinlich unhippen Stadtteil Köpenick umarmt, als dessen Botschafter er sich versteht.

Außerhalb Berlins, wen wundert's, zündete seine Charmeoffensive aus Beats, Sozialreportage und Schwedeneisbecher-Sanftmut nicht so recht, daher vermutete man, Geike würde sich nach dem Debüt wieder einer seiner anderen Inkarnationen zuwenden: Er war auch schon Crossover-Rocker, Drum'n'Bass-DJ und Schlagersänger. In seiner Freizeit tanzt der 40-Jährige gerne Ballett.

Doch seine Kunstfigur Romano ließ ihn trotz Label-Querelen nicht los, zum Glück. Denn "Copyshop", von Langzeitarbeitspartner Siriusmo auf synthetische, sparsam klappernde Trap-Sounds mit Pop-Appeal getrimmt, ist ein homogeneres und auch ernster gemeintes Album als das clowneske Streufeuer-Debüt.

Statt sich hinter den Männlichkeits- und Coolness-Codes seines Genres zu verkrampfen, macht sich Rapper Romano noch ein bisschen lockerer und emanzipierter: Die hinreißend derbe Liebeserklärung "Mutti" invertiert jegliches Machoimage, das man sich von Romano machen könnte - ohne ihn dabei als Softie zu denunzieren. In "Ja, ich will", "Raupe" und "Karl May" (mit Puhdys-Legende "Maschine" Birr) öffnet er seine Sehnsüchte als Künstler ebenso weit wie den Blick in kindliche Prägungen. "Ufo Joe", "König der Hunde" und "Tourizocke" nehmen den Hörer mit auf eine sozialromantische Tour durch den Köpenicker Kiez.

Hier, in Romanos Brooklyn oder South Central, gibt es kein Links oder Rechts, kein Gut oder Böse, hier gibt es nur Typen, bittersüße Tragik, einen Schatz im Müggelsee und das "Forum"-EKZ voller Geschichten. Irgendwo dort, im Copyshop, wo er mal gejobbt hat, steht ein Original mit Zöpfen, das diese Storys von der Straße für uns mit reinem Herzen reproduziert. (7.8) Andreas Borcholte

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.


Wolves in the Throne Room - "Thrice Woven"
(Artemisia/Cargo, ab 22. September)

Mit der US-Band Wolves in the Throne Room wurde der Black Metal skandinavischer Prägung vor zehn Jahren überraschend pop- und feuilletontauglich. Die Band nahm - ungefilterter als die meist in einem Atemzug genannten Liturgy, Deafheaven und Krallice - die Techniken des Genres auf, strich aber die demonstrative Menschenfeindlichkeit, die es immer wieder in radikaler Dummheit erstarren ließ. In ihren rüden Momenten erinnerten WITTR-Alben an Darkthrone zu "Transilvanian Hunger"- und "Panzerfaust"-Zeiten, ohne den Faschismusflirt. Bis dahin galt dergleichen jenseits der Szene schlicht als skandalträchtiges, abjektes Gerumpel.

Musikalisch sind Wolves in the Throne Room nicht so konfrontativ wie die stilbildenden Bands aus Norwegen - und ideologisch nicht gleichermaßen wahnhaft.

Zentrum der bandeigenen Mythologie ist die Natur. Ein Wust aus Esoterik, radikaler Ökologie und Landkommune bestimmt das Bild. Die Landschaft ist hier nicht in der melancholisch-romantischen Caspar-David-Friedrich-Variante gedacht, dazu ist das Bild, das Wolves In The Throne Room im Sinn haben, zu kaputt: ein Platz, an dem das schöne Abgespaltene überwintert und der eine erhabene Schönheit birgt. "Winter is dying/ The sun is returning/ Ice is receding/ Rivers are flowing/ (…) the old ones are with us/ We are becoming" - dazu eine gezupfte Akustikgitarre und Lagerfeuergeknister, bis dann wieder alle zivilisationsverdrossen drauflos knüppeln.

Trotz Gekrächze und Blastbeats halten die vier jeweils rund zehn Minuten langen Stücke auf "Thrice Woven" eine ruhige, austarierte Spannung und sind in diesem Sinne näher an My Bloody Valentine als an Hysterikern wie beispielsweise Burzum.

Professionalisiert wirkt das alles inzwischen trotzdem. Wie bereits auf dem Vorgängeralbum "Celestial Lineage" (das verdudelte Ambient-Gemurkse "Celestite" lassen wir mal außen vor) kommt der Sound zunehmend wohltemperiert daher; die Räudigkeit etwa von "Black Cascade" ist weitgehend verschwunden. Aber nach nur fünf Minuten, wenn die Musik ihre massiven Intensitäten entfaltet, ist das fast schon egal.

Schwerer wiegt der Eindruck, im Studio sei immer wieder einer mit ausgebreiteten Armen auf den Synthesizern eingeschlafen. Aber auch unter diesen miesen Bedingungen fabrizieren Wolves in the Throne Room noch immer eine ausgesprochen schöne Eruption. (7.0) Benjamin Moldenhauer


Ariel Pink - "Dedicated To Bobby Jameson"
(Mexican Summer/Alive, seit 15. September)

Ariel Rosenberg, besser bekannt als Ariel Pink, wird nächstes Jahr 40. Das mag ein Punkt im Leben eines jeden Popstars sein, sich Gedanken über das, was war zu machen. Und vor allem über das, was noch kommt - oder eben nicht. Rosenberg wurde 2003 von Animal Collective entdeckt. Das Art-Rock-Kollektiv nahm den DIY-Musiker aus L.A. als ersten Künstler auf das neu gegründete Label Paw Tracks und veröffentlichte dessen Lo-Fi-Tapes, die, wie Rosenberg sagt, nie zur öffentlichen Aufführung gedacht waren.

Der Rest ist neuere Indie-Pop-Historie: Ariel Pink steht für einen sonnig-versponnen Psychedelicsound, gespeist aus Beach-Boys-Melodien ebenso wie den Noise-Experimenten von Throbbing Gristle, aus Death Metal ebenso wie aus Krautrock. Ein eklektizistischer, charmant verwuselter Stilmix, der ihm über die vergangenen zehn Jahre eine wachsende Gefolgschaft und Kritikerruhm einbrachte.

So ähnlich ging es vor 50 Jahren auch dem 2015 in völliger Obskurität verstorbenen Sänger Bobby Jameson, dem Ariel Pinks neues Album gewidmet ist. Anfang der Sechziger wurde der kalifornische Sänger in einer ausgeklügelten Medienkampagne als "The World's Next Phenomenon" annonciert. Ähnlich wie bei Rosenberg erfolgte der Push zum "next superstar" ohne Jamesons dezidierte Entscheidung - und währte nur einige wenige Singles und ein Album mit Protestsongs unter dem Namen Chris Lucey. In den Siebzigern und Achtzigern versuchte Jameson mehrmals, sich umzubringen und war zeitweise obdachlos. Über sein vermurkstes Leben bloggte er bis kurz vor seinem Tod.

Die Beschäftigung mit der Fragilität von Künstlerkarrieren und -leben inspirierte Ariel Pink ganz offenbar zu einigen seiner besten Songs. Nach dem überbordenden Alles-an-die-Wand-Unsinn des Vorgänger-Albums "Pom Pom" tritt nun wieder der sensiblere Songwriter Rosenberg in den Fokus, der einst "Round And Round" oder "Can't Hear My Eyes" schrieb.

"Feels Like Heaven" (das den gleichnamigen Achtziger-Hit zitiert), der Doors-artige Titeltrack sowie "Time To Live" (mit Buggles-Hommage) transzendieren melancholisch die Pop-Geschichte und münden zur Albummitte in der rührenden Stubenhocker-Single "Another Weekend". Die Sixties, in denen Bobby Jameson kurz aufflackerte und dann verglühte, bilden die musikalische Blaupause auch in späteren Album-Highlights wie dem schnell orgelnden "Dreamdate Narcissist" oder der Selbstermutigungs-Ballade "Do Yourself A Favor".

Wie immer gibt sich die Popkultur hinterhältig ironisch: Ausgerechnet jetzt, am Ende dessen, was man das Hype-Jahrzehnt Ariel Pinks nennen könnte, gelingt Rosenberg sein bisher reifstes und überzeugendstes Album. Weil es um etwas geht. Sinn und Nachhaltigkeit. (8.0) Andreas Borcholte

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