Schlaumeier-Rock: Jenseits von Oasis

Von Christoph Dallach

Schlaumeier-Rock: Jenseits von Oasis Fotos
Petrus Olsson

Die junge Band Everything Everything aus Manchester zertrümmert keine Hotelzimmer und versucht nicht, wie die Beatles zu klingen. Ihr neues Album "Arc" überrascht mit raffinierten und komplexen Songs. Eine frische Version des Art-Rock, mit der zuletzt auch Alt-J Erfolge feierten.

Futurologen dienen Rockmusikern eher selten als Inspirationsquelle. Eine Ausnahme bildet der Amerikaner Ray Kurzweil, dessen Gedanken zum "Exponentiellen Wachstum" Jonathan Higgs beflügelten, den Chef der jungen britischen Band Everything Everything. Kurzweils Ausführungen zu den Möglichkeiten und Perspektiven der Künstlichen Intelligenz fesselten den jungen Mann aus Manchester so sehr, dass sie zu einem zentralen Thema des neuen Everything-Everything-Albums "Arc" wurden. Klingt öde? Ist es aber nicht.

Tatsächlich zählt das neue Everything-Everything-Werk zu den aufregenderen Veröffentlichungen in diesem Frühjahr. Das Quartett aus Manchester kombiniert auf seinem zweiten Album wuchtige Rhythmen mit vertrackten Arrangements und verschachtelten Melodien zu raffinierter Musik, die eindrucksvoll erfrischend klingt. Es ist eine von diesen Platten, deren radiountaugliche, hypnotische Songs erst nach mehrfachem Hören ihre volle Wirkung entfalten.

Bloß keine Klischees!

Sänger und Songwriter Jonathan Higgs und Bassist Jeremy Pritchard lernten sich vor fünf Jahren an der Universität kennen. Sie beschlossen, eine Band zu gründen - aber erst, darauf einigten sie sich, nach Abschluss ihres Studiums. Noch vor dem ersten Song hatten sie festgelegt, wie ihre Band klingen sollte, oder besser gesagt, wie nicht: "Wir wollten alle Klischees vermeiden, die mit Gitarre spielenden weißen Knaben verknüpft sind", gab Higgs mal zu Protokoll und setzte nach: "Wir sind von fast allem beeinflusst außer dem Zwölf-Takt-Blues!"

Obwohl sie aus derselben Stadt wie Oasis kommen, scheinen die Newcomer in einem Paralleluniversum zu Hause zu sein. Mit dem Oasis-Wein-Weib-und-Gesang-Rock haben sie wenig gemein. Im Gegenteil: Sie platzieren sich als eine Art Anti-Oasis.

Eine Geisteshaltung, mit der sie nicht allein dastehen. Ähnlich verkopft kamen im vergangenen Jahr ihre Gesinnungsbrüder von Alt-J groß raus. Das Debüt-Album der Band, die sich nach einer Kombination von Computer-Tasten benannte, wurde mit dem Mercury Award als bestes britisches Album des Jahres ausgezeichnet. Und das, obwohl kein Journalist das Werk beachtet hatte, als es veröffentlicht wurde. Im Gegenteil, als "Boffin-Rock", frei übersetzt "Schlaumeier-Rock", taten Fachleute die verschlungenen Alt-J-Songs ab.

Das scheint ewig her, auch alle Shows ihrer anstehenden Deutschland-Tournee sind seit langer Zeit ausverkauft. Ähnlich kunstvolle Songs wie Everything Everything und Alt-J haben These New Puritans und Foals zu bieten. Auch das neue Foals-Album "Holy Fire" ist ein Spektakel der ungewöhnlichen Art. Vermutlich ist "Boffin-Rock" einfach nur der neue Art-Rock. Natürlich sind alle diese engagierten jungen Rock-Erneuerer etwas langweilig, aber sie eint auch die Sehnsucht, sich möglichst weit von den austauschbaren Brit-Pop-Klischees zu entfernen und die immer gleichen Song- und Klangstrukturen abzustreifen. So haben sie mehr mit Roxy Music, King Crimson, Can oder Radiohead gemein als mit den Beatles oder den Rolling Stones.

Um vorherzusagen, dass von diesen jungen Kopf-Abenteurern noch einige aufregende Platten zu erwarten sind, muss man kein Futurologe sein.


Tourneedaten: Alt-J ab 21.2. Infos: FKP Scorpio, fkpscorpio.com; Everything Everything ab 2.3. Infos: Meltbooking, meltbooking.com; Foals ab 18.3. Karten: Marek Lieberberg; mlk.com

CDs: Everything Everything: Arc. Sony; 15,99 Euro (bei Amazon erhältlich).
Alt-J: An Awesome Wave. Pias; 14,20 Euro (bei Amazon).
Foals: Holy Fire. Warner; 14,99 Euro (bei Amazon).

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
wcfields 15.02.2013
lässt grüßen. So neu ist das nicht. Aber schön, dass es Bands gibt, die sich wieder zu Artrock bekennen.
2. optional
Merkelfan 15.02.2013
Artrock ist tot. Und das ist gut so.
3. Artrock nein danke
rl_germany 16.02.2013
Wer bitte außer ein paar Feuilleton Schreibern interessiert sich denn bitte noch für Artrock? Es muss ja nicht gleich Heino sein, aber das (fast) niemand Artrock hören möchte, ist nun wirklich gut so. "Don't look back in anger" werden auch in 50 Jahren noch viele vor sich hin pfeifen, Hr. Gallagher ist schon ein begnadeter Songschreiber. Einfach ist eben manchmal auch gut und kompliziert halt oft auch schlecht. Na ja, ist wie immer Geschmackssache.
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Zur Person
Isa Kreitz
Christoph Dallach, geboren, kurz bevor Sam Cooke starb, trinkt zu viel Sake, schießt beim Tischfußball gern uncoole Tore aus der Mitte, schreibt gegen Geld Texte und verplempert zu viel Zeit im weltweiten Netz. Was er dort an schönem Unsinn entdeckt, sammelt er nun in dieser Kolumne.

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