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Pop-Exportland Island: Vom ewigen Nebel ins Rampenlicht

Aus Reykjavik berichtet Urs Spindler

Isländischer Musiker Ásgeir: Der Sprung von der Insel Fotos
Torben Weiß

Seit Björk zum internationalen Superstar wurde, kommen immer wieder schillernde Pop-Acts aus dem kleinen, fernen Island. Jetzt macht sich der schüchterne Ásgeir auf, die Welt zu erobern. Nahaufnahme eines Musikers, der sich von seiner Schwermut nicht von der großen Karriere abhalten lässt.

Ásgeir Trausti Einarsson sitzt in einem Burger-Restaurant im Zentrum Reykjaviks. Der Sänger lässt den Kopf sinken und zieht ein paar Pommes vom Teller. Gegenüber spiegeln sich die Lichter der Stadt in den wabenförmigen Scheiben der großen Konzerthalle Harpa. Ein Sponsor hat einen tonnenschweren Eisblock in einen Teich vor dem Gebäude geschleppt. Vor der Scheibe laufen zwei junge Männer in engen Hosen vorbei. Einer schleppt einen Gitarrenkasten, der andere einen Verstärker.

Die Hauptstadt Islands ist in diesen Tagen übervoll mit Musikenthusiasten. Das Festival Iceland Airwaves markiert seit einigen Jahren das Ende der Tourismussaison, und der Termin wandert immer weiter in Richtung Winter. Im vergangenen Jahr war Ásgeir das erste Mal dabei. Eilte von Spielstätte zu Spielstätte, trat in Kellerbars und Hotelfoyers auf. Seine Band: ein Sammelsurium aus der Reggae-Combo seines Bruders, Freunden und Bekannten.

"Alles, was im vergangenen Jahr geschehen ist, war für mich eine große Überraschung", sagt Ásgeir. Sein erstes Album "Dýrð í dauðaþögn" hat ihn in Island zum Star gemacht. Die CD wurde in seiner Heimat mehr als 30.000 Mal verkauft. Im Durchschnitt hätte sie damit jeder zehnte Isländer im Regal. Der Mix aus Folk und Elektronik hat einen Nerv getroffen; vielleicht weil er einfach isländisch klingt in der leicht verschrobenen Ernsthaftigkeit, die sich mit Ásgeirs hohem Gesang zu sanfter Melancholie verbindet.

Doch im Rest der Welt kennen ihn bis heute nur wenige - und das würde vielleicht auch so bleiben. Gäbe es da nicht eine andere isländische Musikerin, die den Sprung von der Insel schon vor rund 20 Jahren geschafft hat: Björk.

Unterstützung von Björk

Die Geschichte geht so: Ásgeirs Songs liefen im Radio in Dauerschleife, und Björk gefiel die Musik. Wenn sie mit ihrer Tochter im Auto unterwegs war, sang sie laut mit. Dann empfahl sie den jungen Musiker ihrem Manager. Der nahm Ásgeir unter Vertrag - sein Ticket von der Insel.

"Als Musiker möchtest du gehört werden", sagt Ásgeir. "In Reykjavik gibt es vielleicht ein Dutzend Orte, an denen du auftreten kannst." Beim Airwaves spielt er in diesem Jahr nur zwei Konzerte. Eines in einer gewaltigen Halle des Harpa, mit Videoshow und großer Band. Und eines im kleinen KEX-Hostel.

Das Foyer des Gästehauses ist schon voll, als Ásgeir sich durch die Menge zur ebenerdigen Bühne kämpft. "Hallo", sagt Ásgeir, sonst sagt er während des Konzerts kaum ein Wort, außer immer wieder "Danke, vielen Dank". Als könnte er es noch immer nicht so ganz glauben. Nach dem letzten Song drängen sich seine Fans um die Bühne. Ásgeir schreibt Autogramme, schiebt sich dann eilig zum Séparée für die Künstler.

Kurz durchatmen. Gestern waren sie in London, Anfang des Jahres in Los Angeles und New York. In Hamburg lief er mit Gitarrist Julius vor dem Konzert etwas verloren über die Reeperbahn. In Belgien und Norwegen begleitete Ásgeir als Vorband seine Landsleute von Of Monsters and Men.

"Wir bauen das jetzt langsam auf", sagt Andy und hackt mit der Hand Treppenstufen in die Luft. Ásgeirs Tourmanager und ständiger Begleiter ist ein Mann wie eine Kanonenkugel, mit rundem Gesicht und kurzrasierten Haaren. In Island bekannt zu werden, das sei nur der erste Schritt, sagt Andy im bauchigen Cardiff-Akzent. Das Land ist ein kleiner Kosmos, mit seinen rund 320.000 Einwohnern. "Europa, Asien, USA, das sind die Märkte."

Früher stand er noch selbst in der Kälte und schippte Teer

Der nächste Morgen. Auf einer Brücke verengt sich die Straße, und Ásgeir nimmt den Fuß vom Gas. Der Nebel zerfasert über dem Fjord. In der Ferne blitzen die Lichter des Hafens von Borgarnes. Eine Spur ist gesperrt. Bauarbeiter schippen im Scheinwerferlicht Teerbrocken in Schlaglöcher. Ásgeir hupt, lässt das Fenster herunter und winkt den Männern zu. Ein Mann mit Vollbart winkt zurück. "Das war der Bassist meiner ersten Band", sagt Ásgeir und grinst.

Von der Rückbank schiebt sich Bandkollege Julius nach vorn, ein schmaler junger Mann mit spitzem Gesicht. "Die Jungs sind meine alten Kollegen", sagt er. Vergangenes Jahr stand Julius selbst noch in der Kälte und schippte Teer. Ásgeir gab Gitarrenunterricht in einer Grundschule.

Und jetzt? Ásgeir zuckt mit den Schultern. "Ich denke nicht so viel über die Zukunft nach." Erst mal nach Hause: Nach Laugarbakki. Ein paar Dutzend niedriger Häuschen schmiegen sich an einen flachen Berghang. In der Einfahrt eines Bungalows stellt Ásgeir den Wagen ab. Eine kleine Frau steht schon hinter dem Fenster, sie hat die gleiche Stupsnase wie Ásgeir. Seine Mutter Paulina. Eine lässige Umarmung, auch für Vater Einar, einen kräftigen Mann mit grauem Haar.

Papa schreibt die Texte

Im Garten fegt der Wind Blätter über den Rasen. Vater und Sohn haben sich auf die Ledercouch sinken lassen. Ein Klavier trennt den Raum von der Diele, ein Globus steht darauf, und eine Reihe Notenbücher. Einar war Lehrer, inzwischen ist er pensioniert und verbringt viel Zeit damit, Gedichte zu schreiben. Er hat auch für die meisten von Ásgeirs Songs die Texte verfasst. Naturbeobachtungen und Gefühlsschilderungen.

In Europa wird das Album allerdings in englischer Sprache erscheinen, nicht auf isländisch. "Da waren hier ein paar Leute sauer", sagt Ásgeir - und beteuert, dass die englische Version von Anfang an geplant war. Der Brite John Grant hat die Texte übersetzt, er wohnt seit einiger Zeit in Island. "Sie haben den gleichen Geist behalten."

In seinem Kinderzimmer hat Ásgeir die ersten Stücke geschrieben. "Ich habe früher manchmal fünf, sechs Stunden am Tag mit Julius zusammengesessen und Gitarre gespielt. Wir hatten ja nichts anderes zu tun." Und weiter: "Ich wusste schon, als er acht, neun Jahre alt war, dass Musik immer ein Teil seines Lebens sein würde", sagt Mutter Paulina. Sie leitet den Chor und spielt Orgel in der Dorfkirche. "Ich hoffe, Ásgeir kommt an Weihnachten nach Hause." Dann spielt sie in zwei Gottesdiensten direkt hintereinander. Ihr Sohn hatte immer das letzte Lied übernommen, damit sie rechtzeitig in der Kapelle im Nachbarort ankam.

Ob das dieses Jahr wieder klappt? Ungewiss. Jedes Mal, wenn Ásgeir wegfährt, ist das auch ein Abschied vom alten Leben. In Laugarbakki ist er gewandert, hat die Schafe vom Nachbarn gefüttert und in dem beheizten Becken des Freibads die ersten Mädchen kennengelernt. Bars oder Kneipen gibt es in der Stadt nicht. In den Schulferien pflanzte er als Kind Bäume, am Berghang einen Fjord weiter. 15 Kronen pro Pflanze, umgerechnet knapp zehn Cent. "Ich habe immer nur von Tag zu Tag gelebt", sagt Ásgeir. Jetzt braucht er einen Manager, der seine Termine für ihn verwaltet.

Morgen geht es wieder nach Reykjavik, noch ein Auftritt. Dann direkt weiter nach London. "Ich hatte nie den Drang, Island zu verlassen", sagt Ásgeir. "Große Städte machen mir ein bisschen Angst." Daran wird er arbeiten müssen - es war nur ein kurzer Besuch zu Hause. Jetzt ruft wieder die weite Welt. Sein Vater winkt, seine Mutter umarmt ihn und flüstert noch etwas ins Ohr. Ásgeir nickt.

"Danke", sagt er. "Danke, vielen Dank."

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Seit Björk zum internationalen Superstar wurde.. .. .. ?
GSYBE 26.12.2013
Sorry, was´n das für´n komischer Artikel? Isländische - und international die relevanteste - Musik von heute kommt von Sigur Ros, Sigur Ros und nochmal: Sigur Ros.
2. Björk war zuerst da
Prima Volta 26.12.2013
Zitat von GSYBESorry, was´n das für´n komischer Artikel? Isländische - und international die relevanteste - Musik von heute kommt von Sigur Ros, Sigur Ros und nochmal: Sigur Ros.
Nichts anderes sagt dieser Satz - korrekterweise - aus: Björk war (national wie international) zuerst da. Ob Ihnen das passt oder nicht.
3.
GSYBE 26.12.2013
Zitat von Prima VoltaNichts anderes sagt dieser Satz - korrekterweise - aus: Björk war (national wie international) zuerst da. Ob Ihnen das passt oder nicht.
Björk, und nur Björk, ist der `Superstar´; nichts anderes sagt dieser von Ihnen zitierte Satz - statisch und isoliert betrachtet und unter Ausschluss jedweder anderen und im Kontext wichtigeren Option. Ob Ihnen das passt oder nicht.
4. Die Musik von Sigur Ros
quickbluehorse 26.12.2013
Hat GEYSBE eventuell ausdrücken wollen, wie wichtig ihm die Musik von Sigur Ros ist, und dass er in dem Artikel über die lebendige isländische Musik Szene eine Erwähnung dieser besonders erfolgreichen Gruppe vermisst?
5.
odins_krautsalat 26.12.2013
Zitat von quickbluehorseHat GEYSBE eventuell ausdrücken wollen, wie wichtig ihm die Musik von Sigur Ros ist, und dass er in dem Artikel über die lebendige isländische Musik Szene eine Erwähnung dieser besonders erfolgreichen Gruppe vermisst?
Bei der Einleitung "Seit Björk zum internationalen Superstar wurde, kommen immer wieder schillernde Pop-Acts aus dem kleinen, fernen Island.", hatte ich im Artikel allerdings auch noch weitere Beispiele erwartet. Auch wenn, wie hier ein Forist schon richtig bemerkte, Björk zuerst da war, so hätten mich noch weitere neue Künstler/innen interessiert. Sigur Ros hätten zumindest in einem Nebensatz Erwähnung finden können; das finde ich schon. Ansonsten mag ich persönlich noch "FM Belfast" sehr gerne. Aber leider hört bei den drei genannten Künstlern/Bands mein eigener Horizont isländischer Musik auf, weshalb ich mich über weitere Inspirationen vom Autor gefreut hätte. So bleibt halt die Eigenrecherche. Geht ja aber auch.
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