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05. August 2012, 17:07 Uhr

Streit um Gema-Tarife

Kalter Krieg im Club

Von Christoph Twickel

Droht der Untergang der deutschen Clubkultur? Muss gar das berühmte Berliner Berghain schließen? Die Gema erhöht ihre Tarife, eine Allianz aus linken Ravern und Gastro-Lobbyisten läuft Sturm. Doch es geht nicht nur ums Geld. Hier prallen zwei Kulturen aufeinander.

Der Clash der Kulturen könnte nicht augenfälliger sein. Hier bleiche Gema-Bürokraten in grauen Anzügen, die von "einer Tanzveranstaltung im Saal eines Gastronomiebetriebes" sprechen, wenn es um verschwitzte Club-Nächte geht. Dort Ibiza-gebräunte Rave-Veteranen wie Sven Väth, der sich in einem vielbeachteten Statement darüber aufregt, dass die Musik-Verwertungsgesellschaft für DJ-Veranstaltungen Tantiemen kassiert, obwohl die Musik, die hier läuft, gar nicht bei der Gema lizenziert ist.

Laut sogenannter "Gema-Vermutung" gehört aber erstmal alles zum Repertoire der Gema, was öffentlich erklingt. Technopionier Väth müsste brav notieren, was er auf die Plattenteller wirft, damit der Veranstalter dann anhand der "Musikfolgen" einen Sondertarif mit der Gema aushandeln kann. Aber wer mag das schon einem Sven Väth zumuten?

Die Gema kassiert, wann immer Musik öffentlich aufgeführt oder wiedergegeben wird. Es gibt Tarife für "Freizeichenuntermalungsmelodien", für "Musik bei Vorführungen von Narrenvereinigungen", sogar für "Musik in Kurorten". Das klingt amtsschimmelig, bringt aber viel Geld für die Urheber: Über 825 Millionen Euro nimmt die Gema jährlich ein, rund 85 Prozent davon schüttet sie an ihre Mitglieder aus, 120 Millionen Euro verschlingt der Apparat.

Gut beleumundet war die Gema dennoch nie. Sie gilt als ein von Schlagermillionären gesteuerter Dinosaurier. Und nun hat Deutschlands größte Verwertungsgesellschaft auch noch die Clubszene gegen sich aufgebracht.

Discothekisierung der Clublandschaft

Was ist geschehen? Im April hatte die Gema neue Tarife für "Musikveranstaltungen" ausgerufen (siehe Details dazu in der linken Spalte). Die Anpassung führe bei "geringen Raumgrößen und moderaten Eintrittspreisen" zu deutlichen Vergünstigungen, behauptete die Gema. Nur die Großen müssten mehr zahlen.

Die Veranstalter kamen auf das gegenteilige Ergebnis: Steigerungen von bis zu 3000 Prozent auch für kleine Clubs. Die neuen Tarife würden "Tausende Discotheken, Clubs und Musikkneipen in den Ruin treiben", zeterte der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Die Gema erwidert, dass sie nicht mehr als zehn Prozent des Eintrittsgeldes verlange - und verweist auf eine Studie über das wirtschaftliche Potential der Berliner Clubs von 2008, derzufolge die Eintrittsgelder gerade mal 17 Prozent der Gesamtumsätze ausmachen.

Das ist allerdings nur ein Durchschnittswert. Während für die Großraumdisco zehn Prozent vom Eintritt verkraftbar sein mögen, ist für den Szeneladen, der mit dem Bierverkauf das Musikprogramm subventioniert, bereits der Mindestsatz untragbar. Die Techno-Avantgardisten vom "Berlin Mitte Institut" befürchten daher eine "Discothekisierung der Clublandschaft": Clubs müssten sich kommerzialisieren, um die neuen Tarife zahlen zu können.

Die Anti-Gema-Front könnte breiter nicht sein. Ausgerechnet der erzbürgerliche Hotelerie und Gastronomie-Dachverband steht plötzlich Seit' an Seit' mit linken Ravern von der Hedonistischen Internationale, die die Gema in einem schlampig recherchierten Video als "Bohlensteuer" verhöhnen. Ende Juni stellten Clubbetreiber deutschlandweit um fünf vor Mitternacht für fünf Minuten die Musik aus.

In Berlin ist man besonders aufgeregt, dort ging die Clubszene sogar auf die Straße. Immerhin geht es um Deutschlands Ausgehmetropole. "Bangen ums Berghain", titelte etwa der "Tagesspiegel". Das Orakeln um ein Ende des weltweit bekannten Clubs machte sogar die Politik wuschig. Björn Böhning, Chef der Senatskanzlei, mahnte einen "fairen Interessenausgleich" für "unsere Clubszene und unsere Musikveranstalter" an. Das Berliner Abgeordnetenhaus forderte die Gema auf "die wirtschaftliche Betätigung von Musikveranstaltern und Clubbetreibern nicht in der Weise zu beeinträchtigen, dass eine wirtschaftliche Betätigung nicht oder kaum noch möglich ist."

Aber: Steht Berlins Sexyness wirklich auf dem Spiel? Oder gar das nationale Nachtleben?

Weder noch. Die Aufregung über das befürchtete Sterben von Clubs und Bars ist größtenteils künstlich, eine Folge des Säbelrasselns, wie es bei einem Tarifkonflikt auch andernorts üblich ist. Die Gema habe über ein Jahr lang versucht, den Dehoga an den Verhandlungstisch zu bekommen, beteuert Frank Dostal, stellvertretender Vorsitzender des Gema-Aufsichtsrats. Schließlich habe man einseitig Tarife veröffentlicht. Womit die Gema nicht gerechnet hat: Ihre Mondpreise wirkten nicht als Druckmittel, sondern als Provokation. "Auch danach hat der Dehoga nicht endlich mit unseren Leuten verhandelt, sondern eine rücksichtslose Desinformations-Kampagne losgetreten, auf die wir weder im Ton noch im Inhalt gefasst waren", sagt Dostal, einst Sänger bei The Rattles und Textdichter ("Lied der Schlümpfe", "Yes Sir, I Can Boogie").

Clubszene versus Apparatschiks

Tatsächlich ist die Gema gewohnt, im Stillen zu verhandeln - und dann für Kompromisse zugänglich. Zuletzt machten die Konzertagenturen diese Erfahrung: Nach zähen, aber fast lautlosen Verhandlungen rangen sie der Gema einen Pauschaltarif ab: fünf bis 7,65 Prozent von den Brutto-Eintrittsgeldern. Ähnlich erging es den Liveclubs, die sich vor kurzem mit der Gema auf einen Pauschaltarif von rund fünf Prozent einigten. "Eine deutliche Entlastung", sagt Karsten Schölermann, Vorsitzender der LiveMusikKommission. "Zum ersten Mal müssen die Liveclubs nicht mehr bei Eintrittspreisen und Quadratmeterzahl betrügen." Derzeit verhandeln die Liveclubs sogar über Schlupflöcher: Bei mehr als 24 Konzerten im Jahr sollen auch DJ-Veranstaltungen unter den Konzerttarif fallen. "Damit soll dem Umstand Rechnung getragen werden, dass die Partynächte oft die teuren Konzerte quersubventionieren."

Solche pragmatischen Lösungen sind auch im Falle von Clubs und Musikkneipen möglich. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Gema und Dehoga sich einigen. Brancheninsider wie Schölermann sind sich sicher, dass es auf eine Eintrittspauschale von deutlich unterhalb der zehn Prozent hinauslaufen wird.

Die Hysterie um das Gema-bedingte Clubsterben zeigt aber, wie fremd Clubszene und Gema einander sind. Wo die Gema fast durchgängig opulente Umsätze vermutet, macht bei DJs und Clubmachern die Geschichte von der Gema-Mafia die Runde, die eine Subkultur schröpfen will, um Schlagermillionäre noch reicher zu machen.

Beide Seiten überziehen - und treffen doch berechtigte Punkte. Dass von dem Geld, das in Clubs verdient wird, zu wenig bei den Urhebern ankommt, dürfte so wahr sein wie der Umstand, das von den eingesammelten Summen zu wenig an die Urheber der Clubkultur zurückfließt. Die DJ-Kultur, in der per Mix und Remix fremde und eigene Sounds, Beats und Arrangements zu neuen Stücken zusammenwachsen, hat die Gema auch nach über 30 Jahren nicht angemessen in ihr System aufgenommen. Um nicht länger mit ahnungslosen Apparatschiks konfrontiert zu sein, ist es eigentlich höchste Zeit, dass die Kreativen der Clubszene ihre Interessen stärker einbringen.

Das können sie derzeit aber nur bedingt. Um in den exklusiven Kreis der 3400 "ordentlichen" Mitglieder aufgenommen zu werden, muss man unter anderem binnen fünf Jahren ein Aufkommen von mindestens 30.000 Euro haben. Die Folge: nur fünf Prozent der in der Gema organisierten Urheber bestimmen über die restlichen 95 Prozent, die nur "angeschlossene" oder "außerordentliche" Mitglieder sind.

Solange die Gema dieses undemokratische Kastensystem beibehält, wird man ihr bei jeder Tarifreform vorhalten, dass sie nicht im Interesse der Urheber agiert.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Gema nehme jährlich mehr als 800 Millionen Euro ein und schütte "rund achtzig Prozent" davon an ihre Mitglieder aus. Tatsächlich betrug der Gesamtertrag der GEMA im Jahr 2011 825,5 Millionen Euro, ausgeschüttet wurden 702,3 Millionen Euro - also rund 85 Prozent. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen

 

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