Von Werner Theurich
Ein Komponist hat's nicht leicht, wenn er weder eindeutig zur Avantgarde gezählt wird noch zur Tradition - auch wenn seine Musik noch so betörend suggestiv klingt: Der Klang-Künstler Franz Schreker (1878-1934), in Monaco als Sohn des jüdischen Fotografen Ignaz Schrecker geboren (das "c" im Namen strich er später), passte für Jahrzehnte in kein Klischee des Konzertbetriebs. Schon gar nicht nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Musik des 20. Jahrhunderts eigentlich nur in den Kategorien atonal, minimalistisch und elektronisch gedacht wurde.
Schreker war keiner Schule gefolgt, er personifizierte selber eine - und wenn sie einen Namen bekommen hätte, hieße sie vielleicht die Eklektische Schule. Er bediente sich umstandslos bei Spätromantik und Impressionismus, ebenso wie bei den Zwölftönern, er dehnte die Tonalität bis an ihre Grenzen und schrieb Stücke, die als frühe Entwürfe für breitwandige Filmmusik durchgehen können. Schreker machte einfach, was er wollte, radikal eigenwillig.
Ein stiller Star
Als der Dirigent Franz Welser-Möst, Jahrgang 1960, Schrekers "Kammersymphonie" 1996 aufnahm, stand er selbst noch am Anfang seiner internationalen Karriere, war soeben zum musikalischen Direktor der Oper in Zürich berufen worden, nachdem er über fast zehn Jahre das London Philharmonic Orchestra geleitet hatte. Er galt als stiller Star, mit mehr Können als Charisma.
Doch sein Ego hat sich entwickelt, denn wer wie Welser-Möst demnächst Pult-Chef an der Wiener Staatsoper wird, muss neben künstlerischem Selbstbewusstsein auch über eine breite Brust verfügen. Auch das kommende Neujahrskonzert soll er dirigieren. Keine Frage, der Mann weiß inzwischen, was er wert ist. Welser-Möst ist ein Star der Branche, eifrig umworben und mit Preisen überhäuft. Er zelebriert Wagner mit ebensolcher Bravour wie Zeitgenössisches - und für Schreker hat er ein besonderes Händchen.
Seine "Kammersymphonie" schrieb Schreker für 23 Musiker, die eigentlich alle Solisten sein sollten - so anspruchsvoll und filigran ist die Partitur angelegt. Die Wechsel zwischen solistischer Eleganz und seidigem Ensemble-Sound schillern mit verführerischer Kraft. Das Werk, das 1916 erschien, hat zwar mehr mit Strauss als mit Schönberg zu tun, doch die Eigenständigkeit erschließt sich jedem Hörer sofort.
Ein üppiges Paket
Welser-Mösts Einspielung mit der Camerata Academica Salzburg klingt zart und dennoch forsch: ein doppelter Boden, auf dem Schrekers Musik bestens besteht. Die jetzt neu aufgelegte Einspielung (EMI) beinhaltet als Doppel-CD noch die Vorspiele zu den Opern "Die Gezeichneten", "Memmon" und "Der ferne Klang", dazu die "Romantische Suite", allerdings dirigiert vom New Yorker James Conlon, was einen interessanten Vergleich zum Europäer Welser-Möst ermöglicht. Ein üppiges Schreker-Paket also, ideal als Einstieg. Schwer vorstellbar, weshalb so attraktive Musik lange Zeit so wenig Hörer fand.
Es dauerte bis in die neunziger Jahre, bis vor allem Schreker-Opern wie "Der ferne Klang" und "Die Gezeichneten" wiederentdeckt wurden. Die Renaissance hält bis heute an: Im Mai 2010 hatte "Der ferne Klang" unter Ingo Metzmacher in Zürich eine viel diskutierte Premiere. Metzmacher gehörte auch zu den Dirigenten, die schon vor Jahren unter die Räder gekommene Komponisten wie Erich Wolfgang Korngold, Karl Amadeus Hartmann und eben auch Franz Schreker wiederentdeckt hatten. Wobei Metzmacher einer der kompetentesten Schatzgräber war - schließlich gilt er als Kenner der gesamten "20th Century Music", die er während seiner Zeit an der Hamburger Staatsoper sogar in Silvester-Konzerte packte. Das Konzept entwickelte sich zum Renner.
Kein Wunder: Mit Schreker verschreckt man kein Publikum.
CD Franz Schreker: Chamber Symphony, Romantic Suite u.a., EMI Classics.
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