Avantgarde-Komponistin Gubaidulina Übers Knie gelegt

Die russische Komponistin Sofia Gubaidulina wurde zu ihrem 80. Geburtstag in Hamburg gerade mit einem großen Konzert gefeiert. Grund ihres Erfolges: Ihre Musik vermittelt Grenzerfahrungen und berührt auf sinnliche Art. Die Instrumente werden dabei heftig in die Pflicht genommen.

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Was macht man mit einem Cello? Streichen oder zupfen, ganz klar. Man kann es aber auch forsch über die Knie legen und mit allen zehn Fingern die Saiten betupfen und es wie eine Gitarre oder Zither klingen lassen. Man kann auch den Hals, den Korpus und die letzten Saiten-Millimeter mit dem Bogen bearbeiten, für ganz neue Töne aus einem vermeintlich wohlbekannten Instrument. Komponisten verlangen oft eine Menge. Alles das und noch viel mehr erlebte man am vergangenen Sonntag im ausverkauften Konzert im Rolf-Liebermann-Studio des NDR in Hamburg, als dort zu Ehren von Sofia Gubaidulinas 80. Geburtstag ihre Komposition "Sonnengesang" ertönte, in Streichtrio-Besetzung, unterstützt von russischem Akkordeon, Schlagzeug und Celesta.

Gubaidulinas Klangphantasie und Arrangementkunst kennen in ihrer Interpretation von Franz von Assisis lobpreisendem Gebet "Sonnengesang" keine Grenzen, so dass auch der Solopart für das Violoncello einen wahren Virtuosen fordert. In Hamburg übernahm diese Rolle Ivan Monighetti, der letzte Meisterschüler des Cello-Granden Mstislaw Rostropowitsch, dem seinerzeit dieses Konzert von Sofia Gubaidulina gewidmet war. Monighetti war der Aufgabe gewachsen und behandelte sein Instrument mit sinnlicher Freude, entlockte jubilierende und sonore Cantilenen im Duett mit dem famos eingestellten NDR-Chor, duellierte sich mit den Kollegen am Schlagzeug. Jeder im Saal verstand, weshalb die abenteuerliche und eigenwillige Musik Sofia Gubaidulinas schon seit so vielen Jahren erfolgreich ist und zuletzt noch einmal durch prominente Interpreten erheblichen Schub bekam. So nahmen Anne-Sophie Mutter und Dirigent Waleri Gergijew 2008 Gubaidulinas "In tempus praesens" auf (Deutsche Grammophon), ein brillantes Violinkonzert.

Tönendes "Fachwerk"

Wesentlich spröder klingt Gubaidulinas Kammermusik. Gemeinsam mit dem Cello und einer Violine schlängelte sich die Bajan-Virtuosin Elsbeth Moser beim Hamburger Konzert durch "Silenzio" - fünf Sätze reine Klangerforschung nahe der Stille und voller penibler Anforderungen an die Instrumentalisten. Das Bajan ist eine russische Knopf-Version des Akkordeons, die trockener und strenger klingt als die gebräuchliche deutsche Variante. Moser entlockte dem vermeintlich sperrigen Instrument während der rund 20 Minuten "Stille" rhythmische Strukturen und ruhende Soundflächen, hingeatmete Melodielinien und zarte Akkorde. Über so viel Kompetenz musste sich niemand wundern, denn Sofia Gubaidulina hatte Moser einst das Stück zur Uraufführung gewidmet.

Auf einer gerade erschienenen CD findet sich "Silenzio" in der Version des norwegischen Bajan-Spielers Geir Draugsvoll, der in ähnlicher Weise mit dem Werk Sofia Gubaidulinas verbunden ist. Ihm widmete sie die Komposition "Fachwerk", die im Rahmen dieser CD erstmals auf Tonträger zu hören ist, nachdem sie Draugsvoll 2009 im Konzert erstmals der Welt präsentierte.

Sofia Gubaidulina liebt die Architektur der klassischen Fachwerkhäuser, wie man sie bis ins 19. Jahrhundert in Europa viel benutzte. Die sichtbare, klare Struktur des Aufbaus und Zusammenhalts animierte sie zu dem großangelegten, rund 40-minütigen Stück für Streichorchester, Bajan und Percussion, das sie 2011 noch einmal überarbeitete.

Anne-Sophie Mutter half mit

Gubaidulina, die 1931 in Tschistopol in der damaligen Tatarischen Sowjetrepublik geboren wurde, erprobte selbst gern und oft unbekannte Instrumente durch Improvisation und hörte nie auf, ihre eigene Spiritualität und Religiosität in der Musik zu erkunden - was in hartem Gegensatz zur sowjetischen Kulturpolitik stand und ihre Form des Protestes manifestierte. In der 1975 gegründeten Gruppe Astrea verfolgte sie gemeinsam mit anderen avantgardistischen Musikern ihre künstlerischen Ideale. 1979 geriet sie dafür (und für eine Reihe nicht genehmigter Konzerte im Westen) auf eine schwarze Liste, was ihren Entschluss zur Auswanderung beschleunigte.

1992 übersiedelte sie schließlich nach Deutschland. Kollegen wie Gidon Kremer, Wolfgang Rihm, Tan Dun und Anne-Sophie Mutter unterstützen sie und ihr Werk, das speziell in Deutschland sein Publikum fand. Heute lebt Sofia Gubaidulina nahe Hamburg und pflegt weiterhin rege Kontakte zu vielen Künstlern. Und ihr Werk bietet immer noch unendlich viele Entdeckungen, wie die gelungene Ersteinspielung der "Fachwerk"-Komposition belegt.

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