Mandolinist Avital Die kleine Schwester mit dem Bauch

Mandolinenmusik als verzupfte Langeweile, das war einmal. Wenn sich der Virtuose Avi Avital die kleine, etwas unförmige Schwester der Gitarre vorknöpft, strömen klangvolle Sturzbäche über den Zuhörer.

Jean-Baptiste Millot/ DG

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Wenn er die Bühne betritt, dann erinnert der israelische Musiker Avi Avital von Ferne an Leonard Cohen in seiner "Songs of Love And Hate"-Phase: gepflegt unrasiert, modisch dunkler Anzug, offenes weißes Hemd und wuschelgewellte Haaren, ein cooler Künstler mit Pop-Appeal. Wäre da nicht dieses bauchig-bullige kleine Instrument, eben keine Gitarre, sondern ihre kleine, irgendwie provinzielle Schwester, die Mandoline.

Aber die Irritation verfliegt sofort, wenn Avi Avital etwa mit Bachs g-moll-Konzert BWV 1056 loslegt: Die Klarheit und der Swing aus Glenn Goulds Geist treffen auf die Präzision und Biegsamkeit des jüngst verstorbenen Jazzgitarristen Jim Hall. Die Bearbeitung des Violinkonzertes für Mandoline gelingt lebendig, Avitals zupackende Virtuosität erobert sich rasch das Terrain. So auch beim eigentlich für die voluminösere Laute komponierten Vivaldi-Konzert RV 96, dessen Klang Avital sportlich-elastisch gestaltet - der Interpret formt das Stück neu. Bei seinen Konzerten lässt er sich von wechselnden Ensembles unterstützen, die solche musikalischen Synthesen mögen, wie die Berliner Camerata oder die Potsdamer Kammerakademie.

Natürlich bietet die Barockmusik traditionell bestes Material für die Mandoline, die allerdings mehr kann als nur Reise- und Historienfeatures über den Mittelmeerraum zu untermalen. Avi Avital steuert dem altbackenen Image seines Instrumentes entgegen. Ganz vorsichtig gestaltet er dies auf seiner neuen CD mit dem programmatischen Titel "Between Worlds", schließlich will er wohl kein David Garrett des Zupfens werden. Aber für ein ambitioniertes Repertoire, wie er es nun anbietet, muss die musikalische Literatur bearbeitet werden. Was Puristen erschreckt, steigert den Spaß erheblich.

Ganz klar mit Swing

Die rumänischen Volkstänze von Béla Bartók (1881-1945) etwa blühen unter seinen Fingern zu solch filigranen Preziosen auf, dass man sie als maßgeschneidert für sein Instrument empfindet. Ursprünglich für Klavier gedacht, dann von Bartók für Orchester überarbeitet, bieten sie in ihrer schlanken Kraft beste Gelegenheit, die Ausdrucksmöglichkeiten und Wendigkeit der Mandoline zu demonstrieren, ohne in Klischees zu verfallen.

Mit den luftigen Kompositionen von Heitor Villa-Lobos (1887-1959) und Manuel de Falla (1876-1946) geht Avi Avital noch einen Schritt weiter. Die "Aria" von Villa-Lobos spielte er mit dem Akkordeon-Könner Richard Galliano und dem Kontrabassisten Klaus Stoll ein, die "Siete Canciones Populares Españolas" von de Falla mit einem treibenden Septett, zu dem auch der Arrangeur Efrain Oscher als Flötist gehört. Das hört sich dann raffiniert und folkloristisch zugleich an, der Virtuose glänzt nicht allein mit seiner Technik, er dient der Eleganz - es klingt immer noch ein wenig wie Urlaub unter südlicher Sonne, aber immerhin im Rahmen einer Bildungsreise. Ob allerdings Montis bestens bekannter "Csárdás" nun als Schaustück notwendig gewesen wäre, darf man bezweifeln. Den blasen selbst schon Posaunisten als artistische Übung.

Zum Schluss ein Hit von Dvorák

Weitaus mehr interessieren da schon die Stücke des Georgischen Komponisten Sulkhan Tsintsadze (1925-1991), der wie de Falla und Bartók aus der Volksmusik seiner Heimat schöpfte und ihnen neue Form gab. Meditativ und melodiös gestaltet Avital dies mit sicherem Zugriff: Hier darf sich der Virtuose (diesmal hat er selbst bearbeitet) seiner Versionen sicher sein; und obendrein richtet er den Scheinwerfer auf einen interessanten Komponisten.

Kurz vor Schluss seines Trips zwischen den Welten kann sich Avital dann einen Abstecher in die USA nicht verkneifen: Der letzte Satz aus Anton Dvoráks Streichquartett No. 12 (das "Amerikanische") eignet sich einfach zu gut für eine klangsinnliche und technisch perfekte Mandolinenversion. Mit obligaten Streichern sowie Kontrabass und Akkordeon schäumt Avital den Kammermusik-Hit auf. Macht nichts, nach dem akademischen Bach-Album von 2012 muss ein Grammy-Nominierter (2010 "Best Instrumental Soloist") wie Avi Avital Neues entdecken. Wenn er die innovativen Teile seiner neuen CD weiter kultiviert, dürfte er auch künftig überraschen. Etwas mehr Mut zum Jazz vielleicht? Bitte!


Avi Avital: Between Worlds. Mit Avi Avital, Mandoline u.a. Deutsche Grammophon/Universal; 16, 99 Euro. Erscheint am 17. Januar.



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