Bach als Organist Instrument der Wiedergutmachung

Eigentlich wollte Johann Sebastian Bach in Hamburg Organist werden. Doch die damalige "Bewerbungsgebühr" von 4000 Mark Courant trieben das Barockgenie nach Leipzig. Nun leistet die Hansestadt späte Abbitte: mit der Rekonstruktion einer vom Meister selbst gerühmten Barock-Orgel.

Von Sebastian Knauer


Barock-Orgel aus der St.-Katharinen-Kirche: "Schönheit und Verschiedenheit"
Landesmedienzentrum Hamburg

Barock-Orgel aus der St.-Katharinen-Kirche: "Schönheit und Verschiedenheit"

Als der sechzehnjährige Chorschüler Johann Sebastian Bach 1701 zum erstenmal nach Hamburg kam, hatte er einen langen Fußmarsch hinter sich. Denn für die Anreise aus dem rund 50 Kilometer entfernten Lüneburg, wo der Thüringer Bach eine Lateinschule besuchte, fehlte ihm das Geld. Doch um seine großen Vorbilder wie den Organisten Johann Adam Reincken an der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen selbst zu erleben, nahm Bach alle Strapazen auf sich. Mehrmals pilgerte der junge Musikus, so will es die Forschung wissen, in die wohlhabende Hansestadt.

Fehlentscheidung mit Folgen

Bach war fasziniert von der großen Orgel der Hauptkirche, deren "Schönheit und Verschiedenheit" er nicht genug rühmen konnte. Der gereifte Bach saß 1720 erneut auf der Orgelbank von St. Katharinen, diesmal zum Vorspiel für die Stelle des Organisten an der Hauptkirche St.Jacobi. Doch die Kirchenoberen wollten den attraktiven Posten für 4000 Mark Courant, nach heutiger Kaufkraft etwa 20.000 Euro, verhökern, und der Familienvater Bach zog seine Bewerbung zurück. Schließlich hatte der Musiker viele Kinder zu versorgen und war zum Geldverdienen in die Hansestadt gekommen.

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Leipzig wurde Bach-Stadt, in Hamburg wurde Georg Philipp Telemann Musikdirektor "Da hat der Rat der Stadt wohl eine Fehlentscheidung getroffen", urteilte Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust vergangene Woche bei seiner Eröffnungsrede des 79. Bachfestes in Hamburg.

Barock-Musiker Bach (Denkmal in Leipzig): Zum Geldverdienen nach Hamburg
DPA

Barock-Musiker Bach (Denkmal in Leipzig): Zum Geldverdienen nach Hamburg

Wohl wahr. Als "Wiedergutmachung" soll jetzt in St. Katharinen wieder jene Orgel aufgebaut werden, die am Anfang des musikalischen Weges des Weltgenies Bach stand. Von dem Großinstrument aus der Reformations- und Barockzeit konnten im Zweiten Weltkrieg 20 Register gerettet werden.

Diese insgesamt 520 Pfeifen aus alten Blei- und Zinnlegierungen, die den besonderen Klang ausmachen, werden derzeit von der holländischen Orgelbaufirma Flentrop sorgfältig aufgearbeitet und dokumentiert. Nach alten Bauplänen entsteht eine orginalgetreue "Bach-Orgel", die mit neuer Technik auch für Kompositionen späterer Musikepochen gerüstet sein soll. "Das wird ein einzigartiges Instrument für Millionen Bachfreunde in aller Welt", freut sich Andreas Fischer, 38, Kantor an St.Katharinen.

Mit 1000 Euro tonangebend

Doch die müssen etwas dafür tun. Denn der Hausherr, die Nordelbische Kirche, kann kaum die nötigen Finanzmittel für den Orgelbau aufbringen. Deshalb gründeten die Musikfreunde St. Katharinen jetzt eine eigene Stiftung "Johann Sebastian"; zu den Fördermitgliedern gehören neben dem SPIEGEL auch die Commerzbank und der Norddeutsche Rundfunk.

Pröpstin Ulrike Murmann und Organist Andreas Fischer mit historischen Orgel-Pfeifen: Stiftung für den guten Ton
DPA

Pröpstin Ulrike Murmann und Organist Andreas Fischer mit historischen Orgel-Pfeifen: Stiftung für den guten Ton

Im Kuratorium der Stiftung engagieren sich der ehemalige Erste Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, der Hamburger Unternehmer Michael Otto, der Organist Ton Koopman und der Bach-Forscher und Harvard-Professor Christoph Wolff. Zudem wacht über das Projekt der Hamburger Hauptkirche, die nach der ägyptischen Königstocher Katharina benannt wurde, die neue Hauptpastorin und Pröpstin Ulrike Murmann, 43.

Bis 2007 will die engagierte Truppe Bachs Orgel wieder zum Klingen bringen; gegen 1000 Euro können Spender sich eine bestimmte der insgesamt 520 Pfeifen mit Namen und Ton sichern. Und im Begleitprogramm ist für den kommenden Sommer schon mal eine Exkursion zu anderen Orgelbauwerken vor den Toren Hamburgs in den Vierlanden angesetzt. Motto: Radeln für Johann Sebastian.

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