Bach als Herausforderung Alles ist Glanz

Bach stellt höchste Ansprüche an Violinisten - Antje Weithaas meistert sie mit hinreißend leichter Eleganz. Ein verschwenderisches Gegenprogramm zu ihrem konzeptionellen Ansatz entwirft der Virtuose Giovanni Guzzo.

Marco Borggreve

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Es gibt kaum größere Herausforderungen für Violinvirtuosen als die Solowerke Johann Sebastian Bachs. Die Finger- und Griff-Akrobatik bei Paganini, die Klangfülle bei Brahms und Beethoven, der brachiale Schmelz Tschaikowskys, all das verlangt immenses Niveau des Interpreten - aber in den Höhen von Bachs Gebirge ist die Luft dann doch noch dünner.

Nur wer über beste Technik-Kondition und zuverlässigen Stil-Kompass verfügt, erklimmt diesen Gipfel. Keine Kompromisse, denn obendrein soll das Ganze ja leicht, locker und anrührend klingen. Selbstbewusstsein, künstlerische Erfahrung und intellektuelle Ausdauer sind Voraussetzungen, um die Sonaten und Partiten überzeugend zu meistern. Wenn dieser Idealmix gelingt, werden die Stücke zu purem Glück. Es herrscht kein Mangel an gediegenen Einspielungen im internationalen Katalog. Warum also sollte man gerade die neuen Versionen von der deutschen Geigerin Antje Weithaas hören?

Daniil Trifonov lässt grüßen

Antje Weithaas geht die Sache von Beginn systematisch an, als konzeptionelles Projekt, denn sie feiert nicht einfach den Bach. Sie stellt seine Werke jenen des belgischen Geigers und Komponisten Eugène Ysaye (1858-1931) gegenüber, der einst auch durch neu entwickelte Spieltechniken seine Zeitgenossen begeisterte. Vor allem aber greift Weithaas beim Bach so kraftvoll und mit durchsichtigem, fließendem Ton zu, dass man glaubt, von der Sonate BWV 1001 (CD 1) bis zur finalen Sonate BWV 1005 alle diese Werker neu wahrzunehmen. Individualität und Werktreue: kein Widerspruch. Man vergegenwärtige sich etwa die jüngsten Piano-Interpretationen Daniil Trifonovs von Mozart oder Rachmaninov, und man hat einen vagen Vergleich mit Antje Weithaas' Bach-Deutungen.

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Violinzauber: Weithaas und Guzzo zelebrieren Bach und Ysaye

Die geforderte Vielstimmigkeit in Bachs Sonaten realisiert Antje Weithaas mit Klarheit und vor allem hinreißend leichter Eleganz: Man spürt als Hörer buchstäblich nichts von den technischen Hürden, alles ist Glanz. Die Interpretin taucht wie ein Langstreckenschwimmer in einen klaren Gebirgsstrom mit starkem Sog, durchmisst das eiskalte Gewässer mit kräftigen Bewegungen - und nimmt sich dennoch die Zeit für Details. Die tänzerischen Elemente der als Suite gedachten Sonate werden nicht als Episoden, sondern als gewichtige Charakteristika dargestellt, es gibt kein Ausruhen, nur betrachtendes Innehalten - die Spannung lässt nie nach.

Antje Weithaas - "Bach & Ysaye Vol.3"
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Gebirgsstrom mit starkem Sog

Seine Beziehung zu Bach hat der belgische Innovator Ysaye selbst definiert, denn er verwies stets auf die Inspiration seiner Kompositionen durch Bach. Als Kind der Romantik fügte Isaye effektverliebt die suggestiven Klangfarben hinzu, die seine jeweils einem Geigenvirtuosen gewidmeten Stücke prägen. Natürlich musste Fritz Kreisler (1875-1962) zum Club der Widmungsträger gehören, aber auch Ysayes Meisterschüler Manuel Quiroga kam ins Scheinwerferlicht. Wenn man die hier vertretene E-Dur Sonate hört, erschließt sich schnell, welche Spiel-Spezialitäten Quiroga zu einem der maßgeblichen spanischen Virtuosen seiner Zeit machten.

Scheinbar Verschiedenes vereinigt sich in Antje Weithaas' Recitals zur stilistischen Einheit. Und so stellt Weithaas' dreiteilige CD-Reihe keine Präsentation von bloßen Effekten dar, sondern ein Geflecht von Beziehungen: ein strukturelles Denken, das Antje Weithaas' Geigenspiel schon früh prägte. Ihre Ausbildung an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin führte bald zu Wettbewerbssiegen in 1987 in Graz, Leipzig (1988) und Hannover (1991). Inzwischen unterrichtet sie selbst in Berlin an der Hanns-Eisler-Hochschule und reist als gefragte Solistin im internationalen Klassik-Zirkus zu den Top-Orchestern und Kammermusik-Ensembles zwischen Berlin, Paris und New York.

Giovanni Guzzo - "Ysaye"
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Wie man den Romantik-Aspekt von Ysayes Violinsonaten zum Thema machen kann, zeigt der venezolanische Virtuose Giovanni Guzzo, der ebenfalls in jungen Jahren bereits als flottes Talent mit flinken Fingern und Sinn fürs Sentiment auf sich aufmerksam machte. Er studierte in Madrid und London, ist gern verpflichteter Gast von den USA bis Italien, Deutschland und Japan, ein Tausendsassa, dessen Spiel so ziemlich das Gegenteil zu Antje Weithaas' Ansatz markiert.

Nicht weniger virtuos, aber verschwenderisch im Ausdruck und ohne Angst vor der seligen Übertreibung, die geradewegs in den Geigenhimmel führen kann. Naiver als bei Antje Weithaas, aber voller Enthusiasmus und Spielfreude. Und wer würde schon sagen, dass er über die reine Violin-Lehre verfügt? Es ist letztlich alles Spiel.



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