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Pop-Entdeckung Balbina: Mit Seife geht die nicht weg

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Sie singt über Seife als Tipp-Ex fürs Leben oder Wecker, die zu leise klingeln - und ist das Aufregendste, was deutsche Popmusik gerade zu bieten hat. Ein Porträt der Berliner Sängerin Balbina.

Pop-Entdeckung: Balbina statt Weißbrot Fotos
Jan Rasmus Voss

Frau Schröder ist schuld. Die Deutschlehrerin an einer Neuköllner Schule hatte ihrer Klasse den Auftrag erteilt, ein alternatives Ende für Max Frischs "Homo Faber" zu schreiben. Balbina, damals 15 Jahre alt, legte sich richtig ins Zeug. Welche Wendung sie dem großen Roman gab, will sie zwar nicht verraten, aber sie sagt: "Meine ganzen Empfindungen waren da drin."

Die Lehrerin gab Balbina eine Eins und las den Text sogar im Unterricht vor. Die Schüler konnten mit dem ehrlichen, unironischen Ton aber nichts anfangen - und lachten Balbina aus. Und Frau Schröder setzte die Note auf eine Zwei minus herunter. An den Reaktionen der Anderen hätte die Lehrerin gemerkt, dass der Text zwar gut sei, aber eben keine Eins.

"Das war für mich ein richtig schlimmes Erlebnis", sagt Balbina über diesen Akt pädagogischen Versagens. Sonderlich beliebt sei sie in der Schule ohnehin nicht gewesen, "ich war immer die Weirde, die liest und für sich ist". Nach dem Klassen-Eklat habe sie "komplett zugemacht", sich nicht mehr engagiert, nicht mehr versucht, aus der Masse herauszustechen und nur noch für sich selbst geschrieben. Irgendwann, sagt sie, würde sie Frau Schröder gerne noch einmal sagen, was sie da angerichtet hat.

Balbina - "Nichtstun"

Nichtstun von Balbina auf tape.tv.

Dabei könnte Balbina ihrer Lehrerin heute durchaus mit Selbstbewusstsein begegnen, denn durch die Demütigung und die jahrelange Verkapselung wurde aus der Schülerin eine empfindsame, kraftvolle Lyrikerin: Die 31-Jährige veröffentlichte Ende Juni ihre erste EP auf einem Major-Label und wird für ihre kunstvollen Texte und ihre intensive Gesangsdarbietung von Pop-Kritikern euphorisch gefeiert. Im Herbst soll ihr neues Album erscheinen. Es dürfte ein Höhepunkt deutschsprachiger Popmusik in diesem Jahr werden.

"Gibt es so etwas wie Seife fürs Leben?"

Oft sind es Alltagsobjekte, die Balbina inspirieren. Ein Stück Seife zum Beispiel: "Ich überlege, wie man etwas ungeschehen machen könnte, dann fällt mir bei irgendeiner Tätigkeit auf: Ach ja, Seife macht ja Flecken weg. Dieser Gedanke nimmt mich mit, ich philosophiere herum: Kann man das auf etwas Generelles übertragen? Gibt es so etwas wie Seife für das Leben? Ich suche über das Kleine einen Lösungsansatz für größere Fragen."

Im zugehörigen Song klingt das so: "Schwamm drüber, ich wisch das schnell weg/ Mit Seife geht das vielleicht/ Mit Seife geht das vielleicht… weg". In der Strophe wird es dann komplexer, doppelbödiger, entwickelt sich zu einem faszinierenden Flow aus Assoziationen und Aphorismen, die an Sprechgesang erinnern: "Nicht jeder Fehler geht weg/ Egal wie viel Tipp-Ex man draufkleckst/ Da bleibt ein Fleck zurück/ Der Fleckenteufel freut sich: Wie entzückend!"

Andere dieser scheinbar aus träge-träumerischer Sonntagsnachmittagsstimmung im stillen Kämmerlein heraus geschriebenen Songs handeln von vergesslichen Goldfischen, einstaubenden Teddybären oder vom Wecker, der zu leise klingelt und einen Jahre verschlafen lässt. Hinter der oft melancholischen Kontemplation offenbart sich jedoch stets der Drang, endlich aus dem Dornröschenschlummer zu erwachen. Der Montag, heißt es da, "kann was, was Sonntag nicht kann", er sei immerhin ein Anfang. Und das Nichtstun, gegen das müsse sie dringend etwas tun, "denn das Nichtstun tut mir gar nicht gut".

Die Nähe zum HipHop kommt nicht von ungefähr, denn im Umfeld des Berliner Royal-Bunker-Labels von Marcus Staiger fand Balbina, die als Kind so singen wollte wie Whitney Houston und dann Rap-Musik und Jazz für sich entdeckte, Gleichgesinnte, die Battle-Crew MOR und Prinz Pi, später auch die Orsons. Mit neuem Selbstvertrauen veröffentlichte sie 2011 ein erstes, noch etwas unbehauenes Elektropop-Album unter dem Namen Bina.

"Hauptsache, es ist keinem egal"

Während auf dem Debüt die Musik noch mit den Texten um Aufmerksamkeit konkurrierte, hat sich Balbina nun für eher gefälligen Pop entschieden: "Alles ist bewusst einfach gehalten, es gibt keine dramatischen, kabarettös-pompöse Playbacks", sagt sie.

In dem Berliner Profi-Musiker Nicolas Rebscher, einer Zufallsbekanntschaft, fand die Autodidaktin, die ihr Geld zurzeit noch als Verkäuferin in einer Westberliner Modeboutique verdient, einen Multi-Instrumentalisten, der ihre Ideen verstand und umsetzen konnte - und nun für die kompositorische Ausführung der Lieder zuständig ist.

Mit Four Music, ihrem neuen Label, Heimat von Popstars wie Max Herre und den Fantastischen Vier, hat sie einen Vertrag geschlossen, der ihr größtmögliche künstlerische Freiheit garantiert: Musik, Video-Gestaltung und Artwork bleiben fest in ihrer Hand. Anders ginge es auch gar nicht, sagt sie: "Ich habe einfach ein komplettes Bild von dem was ich erstelle, wie es klingen und aussehen soll. Das ist so klar, dass ich es durchsetzen muss. Das ist meine Lebensmission. Kompromisse sind da nicht meine Stärke."

Kritikern, die besonders ihre exaltiert-theatralischen, an Avantgarde-Performer wie Diamanda Galás oder Laurie Anderson erinnernden Bühnenauftritte, ihre anmutige, aber auch "abweisende Sprödheit" ("Berliner Zeitung") irritierend finden, hält sie entgegen, dass sie vor allem eine Gefühlsregung bei ihrem Publikum provozieren will: "Hauptsache, es ist keinem egal."

Eigenständige Künstler wie Grönemeyer oder Nina Hagen, die sie beide sehr verehrt, gebe es heutzutage ohnehin zu wenig, findet sie - und hat für die Verflachung deutscher Popmusik ein typisches Balbina-Bild parat: "Musik ist wie Oliven, da müssen sich die Leute dran gewöhnen. Als Kind fandst du die komisch, heute bestellst du sie wie selbstverständlich zum Wein. Aber die Plattenfirmen setzen den Leuten immer nur Weißbrot vor. Und dann essen halt auch alle das Gleiche, weil's von links und rechts und von oben Weißbrot regnet. Aber eigentlich suchst du die Olive."

Und diese köstliche, ein wenig bittere, geschmacksintensive Olive, an die man sich erst gewöhnen muss, ist sie natürlich selbst: "eine grüne, so richtig mit Kern drin."



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Joy Eva Kröger

SPIEGEL ONLINE überträgt von Donnerstag bis Samstag live ausgesuchte Konzerte vom Reeperbahn Festival und hostet am Freitag die Bühne im Uebel & Gefährlich. Dort spielen ab 20 Uhr die Berliner Newcomerin Balbina, die Electro-Popper We Have Band, das düstere Prog-Rock-Trio Esben and the Witch und die britische Indie-Rock-Band Blood Red Shoes. Durch das Programm führt SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Anika Haberecht. Zum Stream bitte hier entlang.

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
Mars82 18.09.2014
Polnische Lana del Rey oder was?
2. Ach ja?
hatmeistensrecht 18.09.2014
Empfindsame, kraftvolle Lyrikerin? Hier werden schon wieder Klischées verkörpert, die Mode ist auch dabei und Berlin und so. "Ein Montag kann was, was ein Sonntag nicht kann." Ah ja? "Ich muss was gegen das Nichtstun tun, denn das Nichtstun tut mir gar nicht gut." Ach. Sonntag Morgen in Berlin. Modeboutique hat zu, Abend vorher Party. Mann, wie gerne würde ich mal wieder nichts tun. So ist jeder anders. Also ich finde ja, dass man mit Empfindsamkeit allein noch keine guten Texte schreibt. Etwas Esprit gehört auch dazu. Aber das kommt ja vielleicht noch. Mit 40. Ist ja auch bis dahin nur POP für Deutschland. Das Vakuum an guter deutscher Musik ist mittlerweile so groß, dass erst mal jede Lyrik glänzt. Hört doch auf.
3. Wie alle Empfindsamen
fiftysomething 18.09.2014
sollte sie ihrer Peinigerin dankbar sein.... Denn durch diese Abwertung ist doch der ganze kreative Prozess erst so richtig in Gang gekommen.... Wie alle Künstler es der Welt eben nochmal so richtig zeigen wollen, wo sie die Welt ....kann... Ich wünschte mir, ich hätte auch so ne Macke und könnte schamfrei mit ner bleichen Maske durch die Welt laufen... und innerlich schreien: Ich bin anders als ihr.... und sich nichts sehnlicher wünschen, als endlich die Anerkennung zu bekommen, die man im Grunde verdient. Ich frag mich manchmal, was die Eltern von diesen Künstlern eigentlich zur Kunst ihrer Kinder beigetragen haben....Deie Einsamkeit und den Zorn gefördert durch unnachgiebiges Verhalten....
4. Hatmeistensrecht hat dann mal nicht recht
overall 18.09.2014
So einfach ist das und das mit 48.
5. Flop Pop
birdybrain 18.09.2014
Artikel hat ganz schön dick aufgetragen...
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