Sängerin Balbina Der Groove des Grübelns

Sie sollte gefeiert werden wie Björk oder Sia: Das neue Album der Sängerin Balbina ist ein Triumph deutscher Popmusik.

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Das geht doch gar nicht, denkt man, und dann ist da dieses umwerfende Glücksgefühl, wenn es doch geht.

An einem Dienstagabend im Januar tritt Balbina im Großen Sendesaal des RBB mit dem Filmorchester Babelsberg auf. Zum ersten Mal stellt sie ihr neues Album "Fragen über Fragen" dem Publikum vor, es erscheint Ende dieser Woche. Vor der in dramatisches Rot getauchten Kulisse des kathedralenhaften Studios trägt die 33-jährige Sängerin ein selbst entworfenes, anthrazitfarbenes Glockenkleid, das mit seinen überdimensionierten Tubenärmeln einerseits sehr weit und luftig, zugleich aber auch kühl und steif wirkt.

In so einem Kleid, denkt man, kann man nicht funky sein. Doch dann, als sie ihren aufreizend puckernden neuen Song "Der Scheitel" singt, dessen herausjubelnder Refrain die kontrastierende Zeile: "Mir geht's so mittelmähähäßig" enthält, lässt sie ihre linke Schulter plötzlich im Takt zucken, ein erotisches Kreiseln in dieser quadratisch wirkenden Kleid- und Körperchoreografie.

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Balbina - Das Kaputtgehen

An diesem triumphalen Konzertauftritt, der mit Standing Ovations endet, schreit alles Popdiva, doch Balbina hat eigene Regeln für die Art und Weise, wie sie wahrgenommen werden will. Kategorien gelten für sie nicht. Die schwarzen Haare zum Pferdeschwanz nach hinten gebunden, das Gesicht streng geschminkt, unterläuft sie jede Zuschreibung von Lieblichkeit, ihr Glamour offenbart sich in ihrer Eigenartigkeit.

Wenn sie während eines Songs mal zur Stimmkoloratur greift, dann stößt sie ein schroffes "Huh" hervor, bei dem ihr ganzer Körper nach vorn ruckt - eine selbstgewisse, fast ordinäre Geste, die eher aus dem Hip-Hop stammt, der Szene, in der sie, damals noch als Bina, in den Nullerjahren erste Erfahrungen als Musikerin sammelte. Das kann bedrohlich und einschüchternd wirken, vor allem auf Männer.

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Balbina: Diva mit Dialektik

Die sind es aber, die den deutschen Musikbetrieb fest in Händen halten. Sie sitzen an den Schaltstellen der Labels, der Radiostationen und Redaktionen - und finden kein Format für eine wie Balbina, die sich, wie zuletzt beim Neujahrsempfang des Berliner Musicboards, gern in Podiumsdiskussionen setzt und über die Situation von Frauen im Pop spricht. Dass sie gern als hübsche Aushängeschilder gesehen werden, dass man ihnen aber die kreativen Bereiche - Produktion, Regie, Songwriting, Komposition - nicht zutraut und ihnen Zugänge verwehrt, ob im Studio oder auf großen Festivalbühnen.

Dabei müsste ein über den Begriff Popsängerin weit hinaus weisendes Gesamtkunstwerk wie Balbina eigentlich allgegenwärtig sein. Es müsste uneingeschränkt gefeiert werden, wie man auch bei gleichermaßen selbst definierten Künstlerinnen auf internationaler Ebene gern auch mal für Extremes, Eigensinniges, wenn nicht gar Widerborstigeres applaudiert - bei Björk und Kate Bush ebenso wie bei Sia.

Balbina schreibt und komponiert ihre Lieder selbst, sie kontrolliert vom Bühnenoutfit bis zum letzten Videoschnitt jedes noch so kleine Detail - und entwirft dabei nicht nur eine originäre Bildsprache und Stilistik, sondern produziert in ihr auch noch großartige Melodien zu einer Textlyrik, die in der deutschen Poplandschaft einzigartig ist.

Das konnte man bereits vor zwei Jahren feststellen, als ihr erstes Balbina-Album beim Majorlabel Four Music (Sony) erschien. "Über das Grübeln" etablierte eine Song-Rhetorik, die sich ins Reich der Dinge vorwagte, die das Nachdenken über Alltägliches, Befindliches und Existenzielles nicht an Subjekte knüpft, sondern an Wecker, Goldfisch oder Seife. Im Radio wurden diese Kleinode über das "Nichtstun" nur selten gespielt, aber Herbert Grönemeyer, ein verwandter Wortkünstler, zeigte sich begeistert und lud Balbina in sein Vorprogramm ein, auch ihre eigene Tournee wurde zum Erfolg. Die unwahrscheinliche Popkarriere schien möglich.

Keine Schritte ins Seichte

Doch sie hätte ihren Preis gehabt. Zu viele wollten mitreden oder glaubten, besser zu wissen, welche Schritte ins Seichte nun wichtig und nötig seien. Das Spröde und das charmant Verkantete, all das drohte zu verschwinden. Beherzt trennte sich Balbina schließlich von den Musikern, die mit ihr zusammen Album und Tournee bestritten hatten. "Ich will eine Diktatur in meiner Musik/ Ist mir egal, wie eine Band das sieht/ Wenn ihr was anderes spielt, dann spielt nicht mit mir", singt sie darüber in ihrem neuen Lied "Unterm Strich", einem Bekenntnis zur künstlerischen Unbequemlichkeit, in dem sie sich ein "Puzzleteil aus der falschen Packung" nennt, das partout nicht reinpassen will. "Doch will ich sein wie ein anderer? (...) Jeder der sagt, ich soll mich verändern, mag sogar recht haben/ Doch ich kann das nicht."

"Warum lasst ihr mich nicht so sein, wie ich bin", heißt es am Schluss des Songs. Um solche quälenden Fragen, um die großen Dinge und Dilemmata des Lebens geht es auf "Fragen über Fragen", das Balbina mit neuer Band und dem Symphonic Orchestra aus Sofia aufgenommen hat. Das sorgt jedoch nicht, wie man hätte befürchten können, für Plüsch und Pomp, sondern setzt warm auspolsternde Analogakzente, wo digitale Beats und elektronische Rhythmen und Geräusche ein minimalistisches Grundmotiv setzen.

Mal klingt die Noir-Melancholie von Massive Attack ("Das Kaputtgehen") durch, mal tastet sich die Musik durch verwinkelten Future-R&B ("Milchglas"). In "Der gute Tag" handklatscht sonniger Neo-Soul, "Das Sinnlos" übt besinnlichen Folk-Pop. "Glück" schließlich, ein Höhepunkt des Albums, hebt Balbinas Altstimme mit Streicher- und Bläserfanfaren vom tiefen Gurren zum schwelgerisch-bittersüßen Pop-Croonen.

Kein souveräneres deutsches Popalbum dieses Jahr

Das "Glück" sucht sie in diesem tatsächlich beglückenden Song unter der Fußmatte und im Schuh, im Urlaub und unter der Dusche, doch es hat sich "verdrückt": "Aber ich find dich, ich find dich/ Und dann sing ich nu-hu-hur noch in Du-hu-hu-hur." Bis dahin, man kann es erwarten, richtet sie sich im "Trübsal" komfortabel ein: "Die Laune sitzt im Keller rum und will sich nicht verbessern. Der Seele geht's angenehm elend." Ein so souveränes und charakterstarkes deutsches Popalbum, das gleichermaßen berührt und mitreißt, wird es in diesem Jahr nicht noch einmal geben, das scheint schon jetzt klar.

Liebeslieder gibt es nach wie vor keine auf "Fragen über Fragen": "Ich mache keine Lieder über Liebe, kein Lied über das Verlieben und auch nicht über tiefe Gefühle", behauptet Balbina in "Die Regenwolke", aber natürlich ist es einer der gefühlvollsten und Songs des Albums. "Das schlagende Herz, die einstürzenden Wände, die zitternden Hände: Ich wollte all diese Phrasen zusammenfassen, sie demaskieren und darauf hinweisen, dass ich erst dann Lieder über Liebe schreibe, wenn ich es schaffe, das festzuhalten, was wirklich ehrlich in diesem Moment ist", sagt sie im Interview.

Authentizität entstand im Pop schon immer am besten über den Umweg der maximalen Verkünstelung: Auch Balbina stellt mit Abstraktion und Distanzierung tradierte Formen und Formeln infrage - und bricht sie, um Klarheit und Nähe herzustellen. "Deshalb mach ich Dinge kaputt/ Um mich herum liegen Abfallberge und Schutt", singt sie im Finale ihres Albums mit unerhört roher Vehemenz in "Das Kaputtgehen". Die Musik dazu schwillt zu einem hymnenhaften Crescendo an, das Soundtrack für einen alternativen, einen feministischen Bond-Film sein könnte.

Dessen faszinierend vielschichtige und taffe Heldin hat die Lizenz zum Grübeln und einen Killer-Groove.



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
Erbi 16.02.2017
1. Naja..
bis zum Niveau von Sia oder Björk ist es für sie hinsichtlich Text-, Gesangs- und Musikqualität noch ein sehr weiter Weg. Dafür kann man nur geboren sein. Und soviel Talent sehe ich zumindest da nicht bei ihr. Mit 33 wird da auch nicht mehr soo viel mehr kommen. Ich finde, sie singt nicht sonderlich gut oder speziell und die Texte sind auch nicht gerade der Hammer (zugegeben ich mag ihre Stimmfarbe überhaupt nicht). Immer noch zu platt, plakativ und uninspiriert. Da hatten z.b. Clueso, Bosse, Blumfeld, Mia oder Tocotronic (zumindest früher) deutlich bessere und ausgefuchstere Texte, die wirklich zum Nachdenken angeregt haben und insgesamt viel bessere und ausgereiftere Songs zu bieten. Aber immerhin ist sie besser und hebt sich von dem heutigen deutschsprachigen Zeug ab, was so im Radio läuft. Stichwort Tim Bendzko oder noch schlimmer Unheilig. Alles heute höchstens noch unterdurchschnittlich und im breiten Feld einfach nur 0815.
Zacharias Fox 16.02.2017
2. Finde ihre Musik erfrischend anders..
Finde Vergleiche mit anderen Musikern eigentlich immer merkwürdig .. ich kann nur für mich sagen, ich mag ihre Musik.
admin-by 16.02.2017
3. Sprechstimme ...
und Gesangsstimme sind so unterschiedlich, dass der Rezensent vielleicht hätte schreiben können, die Computer haben eine neue Stimme kreiert. Ansonsten: Ja, die Texte ... Nur, Text, Bild (Künstlerin) und Musik passen überhaupt nicht zusammen. Und wenn ich lese, dass die Person sich von der Band getrennt hat ... Egotrip nennt mensch so etwas. Neue Björk, dass ich nicht lache! Die Videos sind peinlich und neu ist an so etwas wenig. Im Übrigen, warum funktionieren Songs auch dann gut, wenn die Texte nicht verstanden werden? Weil Musik viel, viel mehr ist als Text. Nein, das wird nichts - und Popularmusik ist das "sowieso" nicht.
NanuNanu 16.02.2017
4. Och nö ...
.. wirkt doch arg gewollt.
ratioapache 16.02.2017
5. Quarks ...das war wirklich gut!
In der Liga von Björk spielt Balbina sicherlich nicht mit. Da habe ich eher Jovanka von Wilsdorf und Quarks gesehen. Ich mag ihre Stimmfarbe auch nicht und musikalisch würde ich nach sehr kurzer Zeit abschalten. Die Texte finde ich ganz gut.
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