Banks live in Berlin Ein düsterer Engel schwebt ins Berghain ein

Die kalifornische Sängerin Banks ist der neueste Hype des sogenannten Post-R&B-Genres. Bei ihrem Konzert im Berliner Berghain zeigte die 25-Jährige, dass sie mit ihrer elektronischen Intim-Musik durchaus ein größeres Publikum begeistern kann.

Corbis

Von


Je lauter und oberflächlicher das Geschnatter und Posieren auf Twitter und Instagram, desto stärker das Bedürfnis nach Intimität und emotionaler Tiefe im alltäglichen Musikkonsum. So könnte man den aktuellen Poptrend zusammenfassen, der von Kritikern Post-R&B genannt wird.

Heißt so viel wie: postmodern dekonstruierte, auf elektronische Beats und Geräusche reduzierte Soulmusik, eine Heißkalt-Kollision aus hochgefühligem, zumeist ätherischem Gesang und artifiziellen Sounds. James Blake ist der populärste Vertreter dieses Stils, ansonsten sind es überwiegend junge Frauen, die in ihrer Jugend Aaliyah oder Brandy gehört haben und nun mit einer zeitgemäßen Variante dieses Neunziger-R&Bs auftreten. Sie heißen Jessie Ware, FKA Twigs, Kelela oder eben Banks.

Letztere gab am Montagabend im Berliner Techno-Club Berghain ihr erstes größeres Deutschlandkonzert. Vor einem guten halben Jahr war sie bereits in der sogenannten Kantine des Clubs aufgetreten, einer intimen Mini-Venue, die für derart verhuschte, auf leise Töne und atmosphärische Nuancen ausgerichtete Musik perfekt geeignet ist.

Nun war der große, komplett ausverkaufte Saal an der Reihe, denn die 25-jährige Kalifornierin, die mit Vornamen Jillian heißt, hat zwar erst zwei EPs und ebenso viele Singles veröffentlicht, im Internet hat sich um Banks dank hochästhetischer Videoclips und schonungslos seelenforschender Songs wie "Before I Ever Met You" ein veritabler Hype gebildet. (Videos auf ihrem offiziellen YouTube-Channel ansehen)

Mit diesem, ihrem bisher besten Track, begann auch das Konzert. "Before I ever met you/ I never knew I could be broken in so many ways", singt sie darin mit lakonischem Schmerz über bedrohlich klappernden Beats und tieftönenden Sirenengeräuschen.

Armeschwenken im Tempel der urbanen Coolness

Zu sehen ist Banks zunächst allerdings nicht, denn die Lichtregie überblendete das Bühnengeschehen mit strahlend weißem und blauem Scheinwerferlicht, aus dem sich die in ein schwarzes Kurz-Cape gekleidete Sängerin schließlich wie eine düstere Engelsgestalt schälte. Dazu passt, dass Banks gerne flügelschwingende Bewegungen mit ihren Armen macht, wenn sie singt, als würde sie auf dem Flow ihrer Musik dahinschweben.

Tatsächlich gelang es der jungen Songwriterin, die ihre Musik gerne zusammen mit britischen Elektronik-Experten wie SOHN und Totally Extinct Enormous Dinosaurs zusammen schreibt, recht schnell, das Publikum in ihre Sphäre zu ziehen. Selten konnte man im Berghain, einem Tempel der urbanen Coolness, beobachten, wie Hunderte Arme zum durch die Luft schwenken animiert werden, wie bei einem Rockkonzert.

Banks' Vorteil: Ihre Songs sind nicht nur textlich pointierte Zustandsbeschreibungen einer verwundeten Seele, sie verfügt auch über eine beeindruckend voluminöse, angenehm rohe und kehlige Soulstimme, die sie gerne mit ausgedehnten "Uuuuhs" und "Aaaahs" lautmalerisch in ihre Musik übergehen lässt.

Zwischendurch zog sie die rund 800 Zuschauer durch niedlich aufgekratzte Ansagen ("I love you, love you, love you", "I can taste all of you") zusätzlich auf ihre Seite. Unterstützt wurden ihre aus dem Laptop abgespielten Sounds auf der Bühne von einem Live-Drummer und einem Gitarristen, was für den nötigen Druck sorgte.

Insgesamt also ein überzeugender Auftritt, wenngleich nicht alles funktionierte. Wann immer Banks ihr elektronisches Klangbett verließ, um beispielsweise im Mittelteil eine klassische, weitgehend akustische R&B-Nummer im Stile Lauryn Hills zu singen, wirkte ihre ansonsten tragfähige Stimme plötzlich zu dünn. Auch am Ende, als sich die Band in ein dröhnendes Funkrock-Finale reinsteigerte, ging ihr Gesang weitgehend unter.

Aber das ist, vermutlich, ihrem Newcomerstatus geschuldet. Je bühnenerfahrener sie wird, desto mehr wird sie sich hoffentlich trauen, lauter und druckvoller zu singen. An Souveränität und Popstar-Appeal, so weit man in diesem Genre programmatischer Schüchternheit davon sprechen kann, mangelt es ihr jedenfalls nicht. Im September soll dann endlich auch ihr Debütalbum erscheinen.

Mehr zum Thema


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Bln79 24.06.2014
1. Berghain
Ja, sie ist im Berghain-Komplex aufgetreten, nicht aber im klassischen Techno-Club "Berghain". Der ist für Konzerte nämlich absolut ungeeignet und 800 Leute hätten sich darin verlaufen. Ihr Auftritt war im "neuen" Teil des Berghain, der auch für Theater und ähnliches benutzt wird. Auch 'ne coole Location und architektonisch ein martialischer Augenschmaus an brachialem Minimalismus. Aber eben nicht DAS Berghain.
maburayu 24.06.2014
2.
Stand R&B nicht mal für Rhythm and Blues, also eine sehr rhythmische Form der schwarzen Musik? Was ich bei youtube von der Dame höre ist dann doch eher Elektro-Pop, gut gemacht, aber mit R&B (auch aus den 90ern) hat das nix zu tun.
grandelfe 24.06.2014
3. maburayu heute,Stand R&B nicht mal für Rhythm and Blues, also eine sehr rhythmische Form der schwarzen Musik? Was ich bei youtube von der Dame höre ist dann doch eher Elektro-Pop, gut gemacht, aber mit R&B (auch aus den 90ern) hat das nix zu
Exakt, das Gute an der Sache aber ist: Die gleichen Kritiker, die jetzt den Nerd-Groove/Wort-geschöpften "Post-R&B" hypen bis der Arzt kommt, haben früher den echten, groovigen R&B-Style verteufelt. So ändern sich die Zeiten!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.