Memoiren der Sängerin Barbara Der Charme der niedersächsischen Provinz

Mit "Göttingen" wurde sie zur Ikone der Völkerverständigung: Die unvollendeten Memoiren der französischen Musikerin Barbara erzählen von einem Leben zwischen Leid und Jubel.

Städtisches Museum Göttingen

Im Juli 1964, eineinhalb Jahre nach Unterzeichnung des Élysée-Vertrags, kommt die Musikerin Barbara zu einem Gastspiel nach Göttingen. Der Chef des dortigen Theaters musste lange bitten, denn Barbara, 1930 in Paris als Monique Andrée Serf in eine jüdische Familie geboren, erinnert sich gut an die Leiden im Zweiten Weltkrieg.

Sie verlangt einen schwarzen Salonflügel, doch auf der Bühne thront ein unverrückbares Klaviermonster. Barbara droht mit Boykott - weil die Klaviertransporteure streiken, müssen Studenten helfen. Der Konzertflügel einer alten Dame wird zum Theater getragen und auf die Bühne gehievt. Zum Glück hat das Publikum zwei Stunden lang ausgeharrt - und Barbara zeigt sich begeistert, bleibt eine Woche länger in der niedersächsischen Stadt und schreibt am letzten Tag dankbar "Göttingen". Das Lied macht sie zur Ikone deutsch-französischer Versöhnung und bringt ihr den Durchbruch.

Welche Biografie steckte hinter der öffentlichen Symbolfigur? Zum 20. Todestag erscheinen die Memoiren der Sängerin erstmals auf Deutsch. In "Barbara - Es war einmal ein schwarzes Klavier ..." erzählt die Künstlerin voller Verve, Ironie und Witz von ihrem Leben - kongenial übersetzt von Annette Casasus, die auch die Idee zur Übersetzung hatte.

Glamour- und Schattenseiten des Chanson-Geschäfts

Barbara schildert in dem Buch, dass sie das Vagabundenleben früh kennenlernt. Erst, weil die klamme Familie vor dem Gerichtsvollzieher flüchtet, später vor deutschen Besatzern. Nach dem Krieg, in Paris, lernt sie klassischen Gesang und Klavier. Als sie Edith Piaf auf den Boulevards sieht, ist sie hin und weg, lässt Klassik und Schule sausen und verdingt sich fortan an Kleinkunstbühnen.

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Barbara:
Es war einmal ein schwarzes Klavier ...

Aus dem Französischen übersetzt von Annette Casasus

Wallstein Verlag, 200 Seiten, 18,90 Euro

Mit 20 flüchtet sie nach Brüssel, nennt sich Barbara (nach Varvara, ihrer geliebten Großmutter), tingelt durch Bars, wäscht Teller, verliebt sich, heiratet, kehrt zurück nach Paris, lässt sich scheiden. Sie ergattert ein Engagement an der Bühne L'Ecluse und covert Lieder von Jacques Brel und Edith Piaf. Doch erst als sie 1960 eigene Songs singt, wird sie bekannter. Jahrelange Tourneen durch die ganze Welt folgen, das Vagabundenleben geht weiter.

Barbaras amüsante Schilderungen lassen den Glamour der Fünfziger- und Sechzigerjahre in der belgischen und französischen Chanson-Szene aufleben. Aber auch die Schattenseiten: "Manche Abende sind unerträglich. Aristokraten, eitle Gecken, die Frauen mit Kleidern von Dior. Eine 33er-Platte von Vivaldi wird in der Geschwindigkeit einer 45er abgespielt, ohne dass es überhaupt jemand bemerkt, und sie brechen in Entzücken aus."

Persönliche Verletzungen offenbart Barbara, als sie andeutet, als Zehnjährige von ihrem Vater missbraucht worden zu sein (was sie später in "Amours Incestueuses" und "L'aigle noir" verarbeitet). Als sie ihn anzeigt, glaubt ihr niemand. Zeit ihres Lebens arbeitet sie sich an ihm, der die Familie früh verlässt und als Wohnungsloser stirbt, ab. 1974 unternimmt sie einen Suizidversuch und verschwindet bis auf ein paar Konzerte von der Bildfläche.

250.000 Menschen kommen zur Beerdigung

Ab 1986 widmet sie sich dem Kampf gegen Aids, komponiert "Sid'amour-à-mort" (Ein Wortspiel mit dem franz. Wort für Aids, "sida": Aids-Liebe-bis-zum-Tod). Am 01.12.88, dem Welt-Aids-Tag, kündigt sie an, sich ein Jahr lang dem Kampf gegen Aids zu widmen. Sie besucht Kranke, singt in Gefängnissen: "Damals war es geradezu revolutionär, in den Gefängnissen über Aids und über Präservative zu sprechen." Und sie arbeitet auch wieder künstlerisch: Mitte der Achtziger wird sie als Schauspielerin gefeiert, in ihrer Komödie "Lily Passion" an der Seite ihres Freundes Gérard Depardieu. Ihm hat sie in den "Fragmenten", die den Memoiren anhängen, einen liebevollen Text gewidmet. Depardieu wiederum brachte Barbara Anfang 2017 mit dem Album "Depardieu chante Barbara" in Erinnerung.

Ende 1993 muss Barbara wegen einer Lungenentzündung pausieren, 1995 zieht sie sich ganz zurück. Am 24. November 1997 erliegt Barbara mit 67 Jahren einem toxischen Schock. 250.000 Menschen kommen zur Beerdigung, Tausende singen ihren Chanson "Dis, quand reviendras-tu?" (Sag, wann kommst du wieder?)

Einige Monate vor ihrem Tod hatte sie mit ihren Memoiren begonnen, die leider unvollendet bleiben - und mit "Göttingen" enden, diesem schönen, traurigen Lied:

Mir ists egal um die, die mit Erstaunen sich erheben,
Und die anderen mögen mir vergeben,
Aber die Kinder sind die gleichen
In Paris wie in Göttingen
Lasst diese Zeit nicht wiederkehren,
In der Blut und Hass die Welt zerstören,
Denn es gibt Menschen, die ich liebe,
in Göttingen, in Göttingen.
Und sollte der Alarm ertönen
Und müsste man wieder zu den Waffen greifen,
Würde mein Herz eine Träne vergießen
Für Göttingen, für Göttingen.

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insgesamt 9 Beiträge
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flohego 20.11.2017
1. niedersächsische Provinz?
Göttingen ist das einzige Stück Niedersachen, das keine Provinz ist. Im wissenschaftlichen Bereich ist es eine Weltstadt (nachlesen: Nobelpreiswunder usw...).
derpif 20.11.2017
2.
Sicher hat Göttingen durchaus eine interessante Geschichte, aber von Weltstadt konnte man 1964 sicher noch nicht sprechen. Der wissenschaftliche Bereich hatte lange nicht die Bedeutung von heute. Die Zahl der Studenten damals noch bei 9000, der Campus wurde gerade gebaut, heute ist es sicher keine Provinz mehr, aber Weltstadt ist doch ein bisschen übertrieben.
nautigar 20.11.2017
3. Wissenschaftliche Weltstadt
Wissenschaftlich hatte Göttingen bereits vor über hundert Jahren eine herausragende Stellung. Es war damals etwa die bedeutendste Universität im Bereich der Mathematik. Die 44 Nobelpreisträger, die mit der Universität verbunden sind, sind ein Zeugnis der historischen Wichtigkeit dieser Stadt und ihrer Universität in der Deutschen Bildungslandschaft. Wenn überhaupt hat der Glanz in den vergangenen Jahrzehnten wieder abgenommen, seit angloamerikanische Forscher die Nobelpreise in den Naturwissenschaften dominieren. Provinz ist Göttingen aber trotzdem nicht. Beim Hören von Barabaras Chanson läuft mir immer ein Schauer über den Rücken, so schön beschreibt es ihre Erfahrungen mit der Völkerverständigung. Ein Begriff, der zunehmend in Vergessenheit zu geraten scheint, obwohl er doch so unglaublich wichtig für ein harmonischen Zusammenleben auf dieser Welt ist.
Papazaca 21.11.2017
4. Barbara und das Stichwort Göttingen
Ist ja schön, das Im Forum das Stichwort Göttingen genutzt wird, um darüber zu diskutieren, ob Göttingen eine Weltstadt ist. Echt weltmännisch. Ich muß mir mal Göttingen ansehen, erwarte aber weder New York noch Harvard. Aber zu Barbara: Für mich ist sie auch eine Erinnerung an ein Frankreich (Brassens, Leo Ferre, Ferrat, Reggiani etc.), das es nicht mehr so gibt. Das gilt auch für viele andere Facetten Frankreichs. Da hatte Deutschland es leichter: Von der BRD und den Bonner Zeiten zu Berlin und Frau Merkel aus der Ückermarck. Das warkein Fall einer Großmacht, so, wie es Frankreich durchgemacht hat. Ja, Paris hat einen Hauch von Wien und London. Der politische und wirtschaftliche Abstieg Frankreichs hatte seine Entsprechung auch in melancholischen Chansons gefunden. Aber auch diese Zeiten sind lange vorbei, BREXIT, Trump und der IS scheinen Lichtjahre von Barbara entfernt zu sein. Die Realitäten haben sich verändert. Da kann man sich über die Lokalpatrioten Göttingens freuen. Schön, wenn man nicht alles weiß aber an etwas glaubt: Die Weltstadt Göttingen!
Gerdd 21.11.2017
5. Erinnerungen ...
Barbaras Musik hat auch in meinen Studententagen eine grosse Rolle gespielt (auch wenn ich in Bonn war und nicht in "Gothingen".) Wenn ich jetzt zum ersten Mal hoere, dass sie schon seit 20 Jahren tot ist, werde ich doch auch etwas wehmuetig. Damals wurden in Frankreich noch fast ausschliesslich Chansons gesungen. (Nicht dass ich irgendetwas gegen "Mademoiselle chante le blues" haette ...)
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