Anti-Trump-Video von Barbra Streisand Überwältigungs-Pop gegen Präsidenten-Pomp

Rauchende Schornsteine, traurige Kinderaugen: Barbra Streisand hat ihr neues Video als Emotionalisierungsakt gegen Trump in Szene gesetzt. Eine bildgewaltige Attacke - die ihr Ziel verfehlen könnte.

Barbra Streisand 2016 mit Jimmy Fallon in Trump-Verkleidung
Getty Images/ NBC

Barbra Streisand 2016 mit Jimmy Fallon in Trump-Verkleidung

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Schmelzende Eisberge und verdorrte Landschaften. Kinderhände, die sich an Gitter krallen, und Demonstrantinnen, die aufgewühlt den Blick gen Himmel richten. Dazu ein Barack Obama, dem die Tränen kommen, und ein Abraham Lincoln, der auf den Kopf gestellt wird. Schmerz, Wut, Demokratiedämmerung: Das Video, das Barbra Streisand am Mittwoch auf ihrem YouTube-Kanal veröffentlicht hat, ist politischer Aktionismus mit den Mitteln des Überwältigungs-Pop.

Schon im September veröffentlichte die 76-jährige Diva, die stets als eine der voluminösesten und liberalsten Stimmen der US-Unterhaltungsindustrie galt, ihre Power-Ballade "Don't Lie To Me" als Vorabsingle für ein später im Jahr erscheinendes neues Album. Losgelöst von den Bildern konnte man den Song bislang gut als erzürnte Ansprache an einen ruchlosen, gefühlskalten Geliebten halten. Streisand singt: "Why can't you feel the tears I cry".

In dem Video aber werden die unterschwelligen Anspielungen an den verachteten Präsidenten Donald Trump - "towers of bronze and gold" heißt es im Song in Bezug auf seinen ausgestellten Reichtum - plakativ ausgespielt. Wir sehen ihn zum Beispiel zwischen all den Elendsimpressionen selbstgefällig auf dem Golfplatz stehen, immer wieder taucht sein Konterfei in dem rhythmisch montierten Apokalypsen-Clip auf.

Scherenschnittbastelei und Breitwandepos

In der Machart erinnert das Video - "written and directed by Barbara Streisand" - an eine Mischung aus Scherenschnittbastelei und Breitwandepos. Historische Illustrationen aus Schulbüchern und aktuelle Horrormeldungen aus Zeitungen wechseln mit hochauflösenden Aufnahmen von eingesperrten Kindern und Umweltkatastrophen. Alleine auf YouTube wurde es seit Veröffentlichung bis Freitagmittag gut 300.000-mal geklickt.

Für Streisand bietet der audiovisuelle Emotionalisierungsakt eine Art Rückkehr zu ihrer Kernkompetenz. In den letzten Monat ergriff die Sängerin, die vor der letzten Wahl die Kampagne von Hillary Clinton unterstützte, immer wieder in Fernsehsendungen das Wort gegen Trump, in der "Huffington Post" veröffentlichte sie mehr als ein Dutzend kämpferischer Texte gegen ihn. Nun fällt das Video in eine Zeit, da der US-Präsident mit der Durchsetzung von Brett Kavanaugh am Supreme-Court seinen Einfluss nachhaltig festigen konnte, während ihm der Popstar Kanye West selbstverloren ehrerbietig um den Hals fiel.

Man könnte meinen, der Moment schreie nach einem weiteren Pop-Aufschrei gegen Trump. Doch obwohl Streisand für "Don't Lie To Me" die ganze Palette an universal wirksamen Aktivierungstechniken aufzufahren scheint, offenbart sich hier noch einmal das Problem des politischen Aktionismus in Zeiten von Trump: Teile der Motive, die von der Künstlerin benutzt werden, um sie gegen ihn wirken zu lassen, könnten möglicherweise genau den gegensätzlichen Effekt haben.

So werden die rauchenden Schornsteine, die Streisand als Symbol für die verheerende Umweltpolitik Trumps zum Einsatz bringt, von einem von der Arbeitslosigkeit bedrohten Stahlarbeiter im Rust Belt eher als Argument für ihn gelesen. Auf diese Weise zeigt das Video der Sängerin, Schauspielerin, Produzentin und Regisseurin Streisand ("Yentl") ein weiteres Mal das Dilemma der liberalen Kräfte des US-Unterhaltungsbetriebs: Im Kampf gegen den verhassten Präsidenten nützt ihnen nicht mal mehr die Hoheit über die von ihnen geschaffenen mächtigen Bilderwelten.

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insgesamt 23 Beiträge
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Sensør 12.10.2018
1. Thanks Barbra!
Voll auf die 12. Wer die Symbolik einiger Filmelemente so missversteht wie im Artikel beschrieben, der ist eh nicht mehr zu retten.
omop 12.10.2018
2. Das Dilemma..
einer weiteren "Demokratin", die natürlich liebend gerne Hillary Clinton als Präsidentin gehabt hätte und sich damit bis heute nicht abfinden kann. Statt sich sachlich-kritisch mit Trump auseinanderzusetzen, versucht man es immer wieder ihn lächerlich zu machen...leider merken diese Leute nicht, dass Sie sich damit nur selbst diskreditieren und scheinbar selbst mit demokratischen Werten ein Problem haben.
Papazaca 12.10.2018
3. I just don't know? Wie ticken die Amis?
Das ist natürlich sehr emotional, ernst, moralisch. Funktioniert das in den USA? Übrigens, es ist auch ziemlich humorlos. Aber der Weltuntergang ist natürlich nicht zum Lachen. Ist Barbara Streisand die richtige Person 2018, um die Facebook-Generation anzusprechen? Zweifel! Die Wahrheit ist: Gut gemeint ist nicht immer richtig. Man muß es tatsächlich abchecken via Umfragetechnik, so wie Trump professionell mit Cambridge Analytica vorgegangen ist. Reine Betroffenheits-Media funktioniert sicher nur bedingt. Auch wenn man seinen Feind Trump nicht mag, darf man ihn nicht unterschätzen. Hilary läßt grüßen, liebe Barbara .....
siebke 12.10.2018
4. !
Für mich ein "Überwältigendes Lied " von einer großen Künstlerin die immer schon sich politisch geäußert hat !!
MartinSchremser 12.10.2018
5. Geschmacksache
Sicher Geschmacksache, das Video. Warum allerdings immer wieder Clinton in den Kommentaren aufgeführt wird, erschließt sich mir nicht. Man darf doch wohl Trump kritisieren, auch wenn man für Clinton als Präsidentin ist.
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