Barenboim im Interview "Wagner war antisemitisch, seine Musik nicht"

Mit seiner Aufführung der Ouvertüre aus "Tristan und Isolde" in Jerusalem hat Dirigent Daniel Barenboim Israel geschockt. Im Interview spricht der 58-Jährige über Wagner, Musik und Ideologie.


SPIEGEL:

Herr Barenboim, Sie haben in Jerusalem das "Tristan"-Vorspiel des Antisemiten Wagner als Zugabe dirigiert und eine Kontroverse ausgelöst. Wollten Sie provozieren?

Daniel Barenboim
ZDF

Daniel Barenboim

Barenboim: Nein, ich wollte an dem Tabu rütteln, dass Wagner in Israel angeblich nicht aufgeführt werden kann. Von den 2000 Menschen sind nach meiner Ankündigung vielleicht zehn gegangen, und fünf haben Krach gemacht. Mich hat aber überrascht, dass Politiker so vehement dagegen waren. Sie wollen wohl, dass andere diese Musik nicht hören.

SPIEGEL: Warum muss es sein?

Barenboim: Weil die Musik nicht ideologisch ist. Wagner war antisemitisch, aber seine Musik nicht. Hitler hat sich ihn als Propheten gewählt. Gott sei Dank nicht Brahms oder Bruckner.

SPIEGEL: Ist Ihr Konzert Auftakt der Wagner-Rehabilitation?

Barenboim: Alles braucht seine Zeit. Als Kind habe ich noch in Israel erlebt, dass man ein paar Jahre nach dem Krieg die Neunte von Beethoven mit englischem Text gesungen hat. Das war, so kurz nach dem Holocaust, in Ordnung ­ man wollte kein Deutsch hören. Ich will niemandem wehtun, deshalb habe ich ja die Zugabe angekündigt und abstimmen lassen. Hätten die Zuhörer anders entschieden, hätte ich mich gefügt.

SPIEGEL: Wäre es ein Zeichen von Normalität, wenn ein Deutscher in Israel Wagner dirigieren dürfte?

Barenboim: Wer dirigiert, ein Deutscher, ein Israeli oder ein Mexikaner, ist vollkommen egal. Hauptsache, er macht es gut.



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