Bariton Cesare Siepi: Eleganz und Testosteron

Von Kai Luehrs-Kaiser

So leicht war es noch nie, sich becircen zu lassen: Bariton Cesare Siepi gibt die großen Verführer der Opernliteratur. In einer furiosen Aufnahme kehrt er als erotischster "Don Giovanni" aller Zeiten zurück.

Cesare Siepi: Ruchloser Frauenversteher Fotos
Getty Images

"Opera is, when the fat Lady sings". Die amerikanische Definition, wonach weibliche Körperfülle gleichbedeutend mit Oper sei, war lange Zeit verbindlich. Dann kam Anna Netrebko. Nun, nicht ganz. Schon früher gab es erotische Sängerinnen, bei deren bloßem Anblick dem Publikum der Atem stockte (zum Beispiel Anna Moffo oder Teresa Stratas).

Bei den Herren findet sich zumindest ein erotischer Protagonist der Vergangenheit, dessen virile Kraft nicht unbedingt durch Modelschönheit deutlich wurde, sondern durch den Zauber einer Stimme, deren Wirkung bis heute ungebrochen ist.

Cesare Siepi, geboren 1923 in Mailand, war ein Testosteronbomber der chevaleresken Art. Sein Bariton, dunkel, erdig und von vollsamtiger Kraft, konnte so warm flimmern, so weiche Pianissimi anschlagen und sich gleich darauf ungestüm aufbäumen, dass er - als legitimer Nachfolger des großen Ezio Pinza - für die großen Verführer sowohl der Oper wie des Musicals wie geboren schien.

Scharf und ruchlos

Sein Figaro (in Erich Kleibers unerreichter Gesamtaufnahme von "Le Nozze di Figaro" von 1955) war keine passiv verschiebbare Komödien-Figur, sondern die schärfste Gefahr für das erotische Vorkaufsrecht des Grafen. Als Sänger von Cole-Porter-Liedern war Siepi ein rarer Vorreiter von Coolness in der Klassik. Seine Paraderolle indes, in der er sich schon unter Wilhelm Furtwängler in Salzburg vergöttern ließ, war der ruchloseste Frauenverführer von allen: Don Giovanni.

Siepis Don Juan merkt man bis heute die Zeitgenossenschaft zu Johnny Weissmueller und anderen Tarzan-Darstellern der Ära an. Selbstbewusst balzend wirft sich dieser Wüstling in die Brust - und die Damen schnurren. In seine Champagner-Arie ist echtes Herzblut gemischt, seinem "Deh vieni alla finestra" wohnt ein elegischer Ton inne, der verheißt: Dieser Mann lebt gern, weiß aber doch, dass nicht viel los ist mit diesem Leben.

1955 war Cesare Siepi der Star einer bis heute bewunderten, mit den Wiener Philharmonikern eingespielten "Don-Giovanni"-Gesamtaufnahme unter der Leitung des (von Glenn Gould hochgeschätzten) Mozart-Spezialisten Josef Krips. Durch legendäre Sänger wie Lisa della Casa (Donna Elvira), Anton Dermota (Don Ottavio) und Hilde Gueden (Zerlina) verfügt die Aufnahme über eine der edelsten Mozart-Besetzungen schlechthin. Und mit Fernando Corena über einen Leporello, der moralisch um keinen Deut besser ist als sein Herr.

Eine Aufnahme für die einsame Insel. Und eine, über deren Neuveröffentlichung man dankbar sein darf. Denn im Wust lizenzfreier Mitschnitte schießt heute die Zahl der historischen Klassik-Aufnahmen dermaßen ins Kraut, dass sich selbst Fachleute nicht mehr auskennen. Alles gibt's billiger; doch das Gute herauszufinden, bedarf einer stärkeren Vorsortierung denn je.


CD Wolfgang Amadeus Mozart: "Don Giovanni" mit Cesare Siepi (Don Giovanni), Lisa della Casa (Donna Elvira), Suzanne Danco (Donna Anna) u.a. Wiener Philharmoniker, Ltg. Josef Krips (Decca Heritage).

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1. Zum Niederknien
Peletua 02.09.2009
Cesare Siepi ist für mich immer noch das Maß aller Dinge in diesem Fach. Auch sein 'Figaro' ist unerreicht.
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  • Mittwoch, 02.09.2009 – 08:40 Uhr
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