Barocke Freuden Mal so richtig flöten gehen

Der alte Georg-Philipp Telemann hat Dorothee Oberlinger einen schönen Imagegewinn zu verdanken. Denn die Blockflöten-Virtuosin hat dem Komponisten mal richtig den Marsch geblasen - und legt mit ihrem neuen Album kräftig nach.

Johannes Ritter

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Seit Albrecht Mayer der Oboe ein unerwartetes CD-Comeback beim Mainstream-Publikum bescherte, scheinen die Ohren wieder offen für geblasene Klassik und Barockmusik. Völlig verdient, denn ein paar der schönsten und technisch brillantesten Kompositionen für Bläser stammen von Bach, Händel und Co. Im Schatten von Trompetenglanz und Oboenschleier führt die Blockflöte seit Jahren ein Schattendasein. Zu Recht, wie viele leidgeprüfte Schüler fanden, denn ganze Musiklehrergenerationen (und ihre Klassen) mussten sich mit dem fiependen Schrecken der C-Flöte herumschlagen. Ich spreche aus lebhafter Erfahrung: Das war oft kein schöner Anblick. Vom Höreindruck ganz zu schweigen. Damals hätte man sich schärfere Vorschriften zum Lärmschutz durchaus gewünscht.

Welch andere Klangwelle rollt auf uns zu, wenn man die Flötentöne von Dorothee Oberlinger hört: Staubtrockene, präzise Intonation, subtile Tongebung und ein schier unerschöpflicher Atem tragen die schnellen Läufe luftig über die Distanz. Überflieger-Technik, die gerade zu den Werken des Barockkomponisten Georg Philipp Telemann (1681-1767) passt, für dessen Interpretationen Dorothee Oberlinger besonderes Gespür besitzt. Das sprach sich schnell herum: Schon ihre 2008 aufgenommenen Sonaten und Partiten gerieten makellos. Und im selben Jahr erhielt Dorothee Oberlinger den Klassik-"Echo".

Kraftvoll und aggressiv mit elegantem Ton

Jetzt präsentiert die 1969 in Aachen geborenen Musikerin die zwei Telemann-Konzerte für Blockflöte (engl. "Recorder") auf ihrer neuen CD, interessant flankiert von Kompositionen der Stilverwandten Christoph Graupner (1683-1760) und Johann Christoph Schultze (1733-1813). Und der pralle und attackierende Ton macht auch wieder die Musik.

Nun spielt die virtuose Frau Oberlinger natürlich nicht die fiese kleine C-Flöte, sondern die große Schwester in der Alt-Lage, die in G oder F gestimmt ist - ein klarer, eleganter Ton, aber eben mit solidem, voluminösem Klang-Rückgrat. Wer sich auf Anhieb verzaubern lassen möchte, könnte sich jeweils mit den schnellen Allegro- oder Menuett-Sätzen der beiden Telemann-Konzerte einhören: Da klingt die Blockflöte geradezu heftig und kraftvoll aggressiv, kein Vergleich etwa zur seidig-verbindlichen Oboe. Diese energisch geblasene Flöte lädt weniger zum romantischen Träumen wie andere Blasinstrumente ein, vielmehr akzentuiert sie den pointierten Groove Telemanns, der oft rhythmisch zupackender als selbst der von Kollege Johann Sebastian Bach aufblitzt.

Dagegen fällt das eher brave Concerto von Johann Christoph Schultze erheblich ab und dürfte nur für Jäger und Sammler interessant sein, während Graupners Suite in F-Dur abenteuerlustig mit Klangbeziehungen zwischen Soloinstrument und Ensemble experimentiert und an den Proportionen einer Suite herumschraubt. Seine Ideen, die beiden Pole Solist und Team zu einer Einheit zu verschmelzen, wirken für seine Zeit äußerst fortschrittlich, wenn auch nicht so sinnlich packend wie Telemanns Barock-Pop.

Barocker Pop, makellose Unterhaltung

Wieder kann sich Dorothee Oberlinger auf die exzellente Orchesterleistung des von ihr gegründeten Ensembles 1700 unter Dirigent Reinhard Goebel verlassen. Kunststück, man spielt seit 2002 zusammen, und mit Goebel (er gründete seinerzeit Musica Antiqua Köln) steht der Truppe ein Maestro vor, der zu den international erfahrenen und respektierten Barockexperten gehört.

Telemanns attraktive Verbindung von Intimität und Virtuosität lässt hier sowohl die Solistin wie auch das Ensemble glänzen: Auch diese eher kleinen Werke für Blockflöte aus dem überreichen Werk Telemanns verdeutlichen, warum Telemann beim Publikum ein ernsthafter Konkurrent für Großmeister Johann Sebastian Bach war, dessen Strenge und Komplexität schon zu Lebzeiten viele Hörer manchmal überforderte. Telemann schrieb stets griffige Melodien, makellose und technisch anspruchsvolle Unterhaltung - Platz ist bis heute für beides.


CD Dorothee Oberlinger: "Blockflötenkonzerte" von Telemann, Graupner, Schultze zusammen mit Ensemble 1700 unter Reinhard Goebel (Deutsche Harmonia Mundi).



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KV491 14.10.2009
1.
Lifestyle-Getue als Musikkritik. Die Qualen durch Blockflöten haben vor Herrn Theurich schon Tausende beschrieben, dafür geht ordentlich was ins Phrasenschwein. Das er dann aber Brüggen und Linde vergisst, weil es jetzt eine junge und hübsche Blockflötistin zu preisen gilt, ist schon ärgerlich. Und was ist eigentlich mit Michala Petri? Nebenbei noch ein bißchen herablassendes Telemann-Lob und wieder mal ein Ensemble als "Truppe". Schön, dass SPON jetzt öfter mal eine Klassik-Platte bespricht, weniger schön, dass dabei bis jetzt wenig Interssantes rausgekommen ist. Tipp: http://www.classicstoday.com/
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