Bayreuther Festspiele: "Holländer"-Sänger reist wegen Nazi-Tattoo ab

Kurz vor Beginn der Bayreuther Festspiele haben die Veranstalter einen ihrer wichtigsten Sänger verloren. Der als "Holländer" vorgesehene Evgeny Nikitin ist wenige Tage vor Beginn der Veranstaltung abgereist. Grund ist ein Nazi-Tattoo aus seiner Vergangenheit.

Bass-Bariton Nikitin (Anfang Juni): "Ich wünsche mir, dass ich es niemals getan hätte" Zur Großansicht
dapd

Bass-Bariton Nikitin (Anfang Juni): "Ich wünsche mir, dass ich es niemals getan hätte"

Bayreuth - Wegen Tätowierungen mit nationalsozialistischen Symbolen hat Evgeny Nikitin seinen Auftritt bei den Bayreuther Festspielen abgesagt - und das nur wenige Tage vor der Eröffnung am kommenden Mittwoch. Der 39-Jährige sollte in der Rolle des "Fliegenden Holländers" auf der Bühne stehen. "Mir war die Tragweite der Irritationen und Verletzungen nicht bewusst, die diese Zeichen und Symbole besonders in Bayreuth und im Kontext der Festspielgeschichte auslösen", teilte der Russe mit.

Die Festspielleitung und der Regisseur seien durch Filmaufnahmen der ZDF-Sendung "Aspekte" am Freitagabend auf eine Tätowierung am Oberkörper aufmerksam geworden, sagte Festspielsprecher Peter Emmerich. Oberhalb der Brust habe man ein Hakenkreuz erkennen können. Darüber sei zwar inzwischen ein anderes Motiv gestochen worden. Dennoch betonte Emmerich: "Dazu muss man Haltung beziehen. Da kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen."

Am Vormittag bat die Festspielleitung Nikitin zum Rapport. Dabei traf der Sänger die Entscheidung, abzureisen. "Ich habe mir die Tattoos in meiner Jugend stechen lassen", teilte Nikitin mit. "Es war ein großer Fehler in meinem Leben, und ich wünsche mir, dass ich es niemals getan hätte."

Nikitin hatte zuvor in mehreren Interviews erklärt, früher in einer Metal-Band gespielt zu haben. Die ZDF-Filmaufnahmen stammen aus dieser Zeit und zeigen Nikitin mit freiem Oberkörper und kahlrasiertem Kopf am Schlagzeug. Aktuelle Bilder des Sängers zeigen, dass sich an jener Stelle am Oberkörper inzwischen ein sehr farbintensives Tattoo befindet.

Die Festspielleitung habe bei der Besetzung der "Holländer"-Rolle nicht auf die Tätowierungen geachtet, so Emmerich. "Es wird eine Stimme engagiert, ein Sänger." Hautfarbe oder Nationalität spielten ja auch keine Rolle. Und genauso werde normalerweise auch nicht überprüft, "was jemand auf der Haut trägt". Hier aber liege eine andere Situation vor, so Emmerich.

Die Verzahnung der Festspiele mit den Größen der Nazi-Diktatur in Deutschland markiert eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Musikgeschichte: Adolf Hitler war regelmäßiger Festspielgast und ließ sich in Bayreuth feiern. Richard Wagners Musik ist bis heute in Israel unerwünscht. Nur mühevoll gelang in den fünfziger Jahren ein Neustart der Festspiele.

Die Suche nach einem Ersatz für Nikitin laufe, sagte ein Sprecher der Festspiele.

hut/dpa

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