Anti-Israel-Protest beim Festival Pop-Kultur Es läuft alles schief

Wohlfühlphrasen der Politik machten es nicht besser: Eine Diskussion über den Nahostkonflikt beim Berliner Festival Pop-Kultur wurde von BDS-Aktivisten niedergeschrien. Ist Dialog überhaupt noch möglich?

imago/ Stefan Zeitz

Von Tobi Müller


Die Gäste des Eröffnungsempfangs vom Festival Pop-Kultur in Berlin hörten in den Reden ein Wort immer wieder: Dialog, Dialog, Dialog. Und Diversity. Das Festival schwimme "gegen den Strom" und bilde Vielfalt auch auf der Bühne ab, sagt Kultursenator Klaus Lederer. Die Festival-Kuratorin Katja Lucker spricht von "Haltung" und "Dialog". Und Martin Eifler vom Bund beteuert, dass Boykott der falsche Weg sei.

Der Kultur-Pop muss sehr viel schultern, wonach ihn keiner gefragt hat, der Kulturpolitkersprech müffelt derweil nach Gemeindezentrum und wirkt wie aus einer anderen Zeit. Die Gegenwart aber lässt nicht lange auf sich warten, sie kommt im Kleid der Eskalation.

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Festival Pop-Kultur: Die neue Berliner Mauer

Das Rumpelstilzchen ohne Namen: Die Aktivisten von BDS (Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen). Das weltweite anti-israelische Netzwerk, dessen Berliner Facebookgruppe überschaubare Mitgliederzahlen hat, ruft erneut zum Boykott des Festivals auf und setzt Musiker unter Druck, weil die israelische Botschaft einen Reisezuschuss von 1200 Euro zu Pop-Kultur beisteuert. Lärm und einige Absagen gab es schon letztes Jahr. Neu sind die vielen Plakate in der Stadt, die den Schriftzug des Festivals kopieren, eine apokalyptische Stadt zeigen und behaupten: "Pop-Kultur. Sponsored by Apartheid."

Hasserfüllte Sprachfetzen

Das Festival beginnt um 20 Uhr mit einer Diskussion unter dem englischen Titel "Boycott". Der Saal ist voll. Vorne sitzt die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron. Ihre letzten Bücher, die die Schwierigkeit der Annäherung an die palästinensische Seite auch emotional beschreiben, erscheinen zuerst auf Deutsch. Auf Hebräisch und Englisch ist das vielen zu riskant.

Als zweiter Gast auf dem Podium: Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer, der eben noch von Diversity sprach und nun in einer Runde sitzt, in der eine palästinensische oder arabische Stimme fehlt. Eine Steilvorlage für die vielen Aktivistinnen und Aktivisten des BDS im Raum.

Nach wenigen Minuten schreit der erste im Publikum das Podium nieder. Auf Englisch, dann Hebräisch. Er schreit "Apartheid", zeigt auf Doron und auf Lederer. Die Linke solle sich schämen, heißt es andauernd im einstündigen Störchor. Dabei kommt es zu kleinen Handgreiflichkeiten, größere werden von viel Sicherheitspersonal verhindert.

Zu etwa 90 Prozent hört man bloß hasserfüllte Sprachfetzen: "Sie sind Rassisten, die das Apartheidregime unterstützen"; "Sie sind der wahre Antisemit"; "Sie sind ein Krimineller"; "Wegen Linken wie Ihnen unterstütze ich den BDS". Klaus Lederer musste sich bestimmt noch nie so viele Beleidigungen auf einmal anhören.

Es läuft alles schief. Lederer redet sich um Kopf und Kragen, als er von "strukturellem Antisemitismus" der BDS spricht. Udi Aloni, israelischer Filmemacher und BDS-Unterstützer, flippt im Publikum aus und fordert von Lederer eine Entschuldigung: Ein Deutscher, der einen israelischen Juden als Antisemiten bezeichne?

Das hat Lederer streng genommen nicht getan, aber fast jede seiner Wortmeldungen macht es noch schlimmer. Im Vergleich zu den wenigen BDS-Aktivisten, die es mit Argumenten versuchen, wirkt Lederer in der Folge wie eine Fehlbesetzung, eine seltene Erfahrung für den rhetorischen Strategen.

Doch das Problem hat früher angefangen. Wie kann man in diesem Konfliktklima eine Diskussion mit dem Titel "Boycott" ansetzen, ohne den Konflikt direkt anzusprechen und ihn auf dem Podium abzubilden? Wer kommt auf die Idee, das Thema "übergeordnet" zu verhandeln, wie die Festivalleitung auf Anfrage schreibt?

Übergeordnet heißt hier: der Sache nicht gewachsen. Dieser Konflikt lässt sich nicht mehr mit Watte abtupfen in geschlossenee Gesellschaft mit Bändchen und Gratisbier. "Das macht keinen Spaß so", sagte die Moderatorin Shelly Kupferberg wiederholt. Sollte es das denn?

Komplexität der Konfliktlinien

Das Geschäft der BDS sind die Störung und autoritärer Druck auf alle, die sich ihren Interessen widersetzen. Dass man die Aktivisten hierzulande nur so kennt, hat aber auch damit zu tun, dass man sie nicht in den Dialog zwingt, von dem die Kulturfunktionäre immerzu sprechen. Die Mehrheit des BDS hat sich als Gesprächspartner diskreditiert, von selbstgerechten Zwanzigjährigen bis zu brabbelnden Alt-Alt-Achtundsechzigern tummelt sich da Einiges.

Aber es gibt sie, die Klugen, die Informierten, wer weiß: die Moderaten. Man muss die Komplexität der Konfliktlinien aushalten und sie sichtbar machen, auch wenn das gerade nicht zum Kamingespräch taugt. Nur so kann der Kulturbetrieb verhindern, dass er davon gespalten wird. Denn es gibt Leute, die haben die Absicht, eine Mauer zu bauen.



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MyMoon 16.08.2018
1. Boykott der Siedlungen
Der Artikel ist schon sehr einseitig geschrieben, vom Inhalt her und auch der Wortwahl. BDS ist nicht antiisraelisch oder antisemitisch sondern verfolgt international einfach nur 1 Ziel. Den illegalen Siedlungsbau im Westjordanland zu stoppen. Und da Waren aus den besetzen Gebieten von israelischen Siedlern exportiert werden ist es auch nach EU Recht illegal solche Produkte hier in Europa zu exportieren. Wenn es nun bei einer Podiumsdiskussion in Berlin um das Thema des Boykotts von in besetzen Gebieten hergestellt Produkten geht sollten auch die verschieden Parteien auf dem Podium gleichberechtigt vertreten sein. Wäre das der Fall gewesen wäre es auch nicht zu dieser "Meinungsäußerung" eines jüdischen Pro-BDS Befürworters gekommen. Und das Argument es findet sich kein geeigneter Repräsentant für die palästinensische Seite ist auch lächerlich. Es gibt nicht nur arabische jugendliche oder ältere Linke bei BDS. BDS ist international vertreten besonders in Großbritannischen und Spanien. Im Notfall reicht es die Palästinensische Vertretung Berlin oder einen der vielen Palästinensischen Vereine zu kontaktieren und um einen Vertreter für Pro BDS zu bekommen. Ich bezweifle aber das das überhaupt gewollt war.
hartmannulrich 16.08.2018
2. Es geht nicht nur um die Westbank
Zitat von MyMoonDer Artikel ist schon sehr einseitig geschrieben, vom Inhalt her und auch der Wortwahl. BDS ist nicht antiisraelisch oder antisemitisch sondern verfolgt international einfach nur 1 Ziel. Den illegalen Siedlungsbau im Westjordanland zu stoppen. Und da Waren aus den besetzen Gebieten von israelischen Siedlern exportiert werden ist es auch nach EU Recht illegal solche Produkte hier in Europa zu exportieren. Wenn es nun bei einer Podiumsdiskussion in Berlin um das Thema des Boykotts von in besetzen Gebieten hergestellt Produkten geht sollten auch die verschieden Parteien auf dem Podium gleichberechtigt vertreten sein. Wäre das der Fall gewesen wäre es auch nicht zu dieser "Meinungsäußerung" eines jüdischen Pro-BDS Befürworters gekommen. Und das Argument es findet sich kein geeigneter Repräsentant für die palästinensische Seite ist auch lächerlich. Es gibt nicht nur arabische jugendliche oder ältere Linke bei BDS. BDS ist international vertreten besonders in Großbritannischen und Spanien. Im Notfall reicht es die Palästinensische Vertretung Berlin oder einen der vielen Palästinensischen Vereine zu kontaktieren und um einen Vertreter für Pro BDS zu bekommen. Ich bezweifle aber das das überhaupt gewollt war.
BDS fordert - wenn ich es richtig weiß - z.B. auch das Rückkehrrecht für palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen ins israelische Kernland und damit letztendlich das Ende des Staates Israel wie er heute besteht. Dessen Existenzrecht zu verteidigen hat sich die Bundesrepublik aber verpflichtet, und das war auch bisher bei uns weitgehender gesellschaftlicher Konsens. Eine ausführliche Darstellung der Bewegung habe ich auf der Webseite des "Guardian" in der Rubrik "The long read" gefunden; sie ist gerade deshalb aufschlußreich, weil sie eine gewissen Sympathie für BDS erkennen läßt, aber seine Ziele ungeschminkt schildert.
kayakclc 16.08.2018
3. Alter ungelößter Konflikt
Warum sich so viele Leute hier vor dem palästinäsischen Karren spannen lassen, zeugt nur vor vielen Vor-Urteilen und eine Unkenntnis des Landes Israel und seiner Geschichte. Jeder darf sich fragen, warum Ägypten und Jordanien mit Israel zusammenarbeiten, aber Ägypten, dass ein Grenze mit dem Gaza-Streifen hat, als arabisch muslimisches Land GEMEINSAM (!) mit Israel den Gaza Streifen isoliert. Die absurde Forderung eines Rückkehrrechts hat schon 2000 die Zweitstaatenlösung und Ostjerusalem als Hauptstadt eines Palästinänerstaates verhinden. Der ständige Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen und die 2te Intifada haben den Palästinäsern nur geschadet. Das Bevölkerungswachstum der Palästinänser tun ein übriges dazu. 1948 lebten auf den Staatsgebiet Israels weniger als 1.2Mil Palästinäser, jetzt soll es fast 10Mil "Flüchtlinge" geben. Klar sind die nicht von Israel geflüchtet, genau wie die zweite und dritte Generation Sudentendeutscher auch keine Flüchtlinge mehr sind. Die Staatsgründung Israels ist ein Folge des Holocaust. Das Existenzrecht Israels ist daher nicht verhandelbar fü die deutsche Politik. Warum gerade Linke Gruppen heute Antisemitisches Gedankengut propagierten, und sich nicht zur deutschen Verantwortung bekennen will, ist mir unbegreiflich. Mit Appartheit hat das nichts zu tun. Nur mit einer Linken Ideologie, und Leuten, wie Mahler, die ganz Rechts wieder herauskommen.
sofk 17.08.2018
4. "Ein Deutscher, der einen israelischen Juden...
...als Antisemiten bezeichne" - ja, genau! Unverschämt ist diese heuchlerische Gedankengut, die die Realität ignorieren will und sich sogar erlaubt, Juden als Antisemiten zu beschimpfen, oder die BDS-Bewegung beurteilen, obwohl sie - aus ideologischen Gründen oder "aktiver" Ignoranz - nicht einmal die Realität der endlosen Besatzung und Kolonisierung Palästinas sehen möchten. Wie es dort abläuft erfährt man in den deutschen Medien quasi NIE. Dabei sind die jüdische Aktivist*Innen aus Israel (viele davon leben jetzt in Berlin!), den USA, Großbritannien und jetzt auch mehr und mehr aus Frankreich, sind die beste Kritiker der Apartheid und, vor allem, des totalen Zynismus der jetzigen rechtsradikalen Israelischen Regierung.
olicrom 17.08.2018
5. BDS-Anhänger sind die Trump- Adepten des Antisemitismus
Völlige verquere Argumentation, die aber lauthals herausposaunt; komplette Diskursunfähigkeit, infantile Weltsicht, rechthaberisch und populistisch, von jeder Geschichtskenntnis unbeleckt und - wie ich inständig hoffe oft aus absoluter Ahnungslosigkeit heraus - immer nah am Nazi-Abgrund unterwegs. Ich frage mich, warum ausgerechnet so viele Musiker und Künstler sich dafür hergeben. Ok, man muss ja nicht wirklich gebildet sein, um den Bass bei Pink Floyd zu zupfen. Aber bei so viel Kohle könnte man sich wenigstens den Wikipedia-Artikel zur Geschichte Israels vorlesen lassen, mit besonderem Augenmerk auf die Inkompetenz der Palästinenser bezüglich Wahrnehmung ihrer Chancen für politische Lösungen. Bei hochdotierten Festivalleiterinnen in NRW sieht das natürlich schon anders aus. Die sollten eigentlich selber lesen und wissen können. Aber das solche Schlichtmenschen überhaupt deutsche Kultursubventionen kassieren respektive vergeben dürfen, finde ich schon mehr als bedenklich.
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