Beethovens Neunte Update für die Ewigkeit

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi liefert mit Beethovens Neunter eine grandiose Klassiker-Neuauflage: den "Bremer Beethoven" auf Urtext-Basis.

Sheila Rock

Von Kai Luehrs-Kaiser


"Die Neunte" - ein Party- und Silvesterkracher? Ja, das Spätwerk Beethovens, seine Symphonie Nr. 9 d-Moll op. 125, ist längst zur Festtagsbeilage und zur Feuerwerksmusik der Deutschen verkommen. Wenige große Dirigenten setzen das Werk regulär aufs Programm. Die abgenudelte Schluss-"Ode an die Freude" hinterlässt selbst zu Schillers 250. Geburtstag meist nur hohles Pathos. Und wenn schon einmal ein Versuch gestartet wird, gibt's im Konzert meist Orffs "Carmina Burana" hinterher oder Höhepunkte aus "Schwanensee", getanzt. Es ist ein Jammer mit Beethovens Neunter.

Dabei ist das Werk, dessen abrupter Schlusschor die Leute einst schockierte und dessen Riesenausmaße eine Art heroischer Monumentalität predigte, selbstverständlich ein Meisterwerk. Das kakophone Chaos zu Beginn, aus dem sich die Melodien wie Würmer ziehen, die Klangfarben-Exzesse des Adagio und der hohe Ton des "Freude, schöner Götterfunken" greifen großartig und vermessen nach den Sternen. Ohne die Neunte sind weder Wagner noch Stockhausen zu denken. Erst die Neueinspielung mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen macht einem den Drive und die revolutionäre Sprengkraft der Neunten aber wieder klar.

Noch immer neue Geheimnisse

Schon lange sorgen die Beethoven-Einspielungen der Kammerphilharmonie aufgrund ihrer prickelnden Klangtransparenz und einem Schwung der Neuheit, den man ansonsten höchstens noch bei Ensembles der Alten Musik antrifft, für Furore. In Aufführungszyklen in Salzburg und beim Bonner Beethovenfest wurden die Bremer dafür bejubelt. Unter dem estnischen Dirigenten Paavo Järvi, 46, hört man Beethoven hier wie unter dem akustischen Brennglas: klar, messerscharf und ohne altbackene Grandezza. Auch die Neunte - stets ein Sonderfall - zeigt die Nervosität der aufkommenden Fabrikmoderne ebenso wie das intellektuelle Feuer des Voltaire-Zeitalters. Elegant raffzähnig auf sein Ziel zuschnellend wie der Hecht im Karpfenteich.

Dabei ist das Solisten-Quartett mit Christiane Oelze, Petra Lang, Klaus Florian Vogt und Matthias Goerne so liedhaft leicht besetzt wie nie. Was der Deutsche Kammerchor an Lippenarbeit spart, macht die Kammerphilharmonie an agilem Charme wieder gut. Auf der Basis der neuen Urtext-Edition (erschienen bei Bärenreiter) ist so eine Neunte entstanden, an der man sich nicht satt hören kann. Sie beweist: Selbst wenn man von Furtwängler bis Harnoncourt oder Giovanni Antonini schon diverse Beethoven-CDs im Regal stehen hat, lüftet die Neunte immer noch neue Geheimnisse. Der "Bremer Beethoven", ein grandioses Update mit Ewigkeitscharme: So zeigt sich erneut, dass wir's mit einem der weltbesten Kammerorchester zu tun haben.


Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 9 d-Moll op. 125. Christiane Oelze, Petra Lang, Klaus Florian Vogt, Matthias Goerne, Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Ltg. Paavo Järvi (RCA 88697576062)



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Seite 1
phboerker 04.11.2009
1. ...
Wie ich solche Kunstrezensionen hasse! Natürlich sind die genannten populären Werke nichts weniger als Meisterwerke. Auch wenn sie in Werbung und Massen-TV verwurstet werden, bleiben sie Meisterwerke und werden nicht plötzlich langweilig, nur weil sie auch den Geschmack der Massen treffen. Wer eine "Neueinspielung" braucht, um sich die Gehörgänge durchspülen zu lassen und das Genie der Kompositionen zu erkennen, kann offenbar nicht richtig hören. Aber was sollte man sonst über eine Neueinspielung sagen, um einen Artikel zu füllen? P.S.: für "Fabrikmoderne" war es 1824 in Wien und auch sonst in deutschen Landen wohl noch etwas zu früh, zumal sie dem greisen Beethoven wohl eher entgangen wäre...
Jeeeves 04.11.2009
2. jawoll
Zitat von phboerkerWie ich solche Kunstrezensionen hasse! Natürlich sind die genannten populären Werke nichts weniger als Meisterwerke. Auch wenn sie in Werbung und Massen-TV verwurstet werden, bleiben sie Meisterwerke und werden nicht plötzlich langweilig, nur weil sie auch den Geschmack der Massen treffen. Wer eine "Neueinspielung" braucht, um sich die Gehörgänge durchspülen zu lassen und das Genie der Kompositionen zu erkennen, kann offenbar nicht richtig hören. Aber was sollte man sonst über eine Neueinspielung sagen, um einen Artikel zu füllen? P.S.: für "Fabrikmoderne" war es 1824 in Wien und auch sonst in deutschen Landen wohl noch etwas zu früh, zumal sie dem greisen Beethoven wohl eher entgangen wäre...
[QUOTE=phboerker;4515739]Wie ich solche Kunstrezensionen hasse! Aber was sollte man sonst über eine Neueinspielung sagen, um einen Artikel zu füllen? Ich kann Ihnen nur zustimmen. Wahrscheinlich klingt diese xte Einspielung nicht viel anders als die meisten guten anderen.
plang 04.11.2009
3. Beethoven
Zitat von sysopDie Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi liefert mit Beethovens Neunter eine grandiose Klassiker-Neuauflage: den "Bremer Beethoven" auf Urtext-Basis. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,658823,00.html
Habe mit der Begeisterung für Paavo Järvi kein Problem, weil er ein wirklich ausserordentlicher Dirigent dieser seiner Generation ist. Die sonstigen Anmerkungen zu Beethoven, dem Werk und seiner Rezeptionsgeschichte aber sind des Spiegels nicht würdig, stehen in Ton und Verständnis irgendwo zwischen Sport- und Popblättchen.
KV491 04.11.2009
4.
---Zitat--- Erst die Neueinspielung mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen macht einem den Drive und die revolutionäre Sprengkraft der Neunten aber wieder klar. ---Zitatende--- Lächerlich. Ist aber mittlerweile ein Standardsatz geworden. Ist so ähnlich wie in dem blöden Alzheimer-Witz. Jeden Tag neue Werke kennenlernen.
inland_empire 04.11.2009
5. -
Dieser Artikel von Herrn Luehrs-Kaiser ist ein besonders abschreckendes Beispiel für schmierigen und floskelhaften Vermarktungsjournalismus. So läuft das heutzutage. Da wird einfach behauptet, daß quasi sämtliche Aufnahmen, die vor dieser Järvi-Aufnahme entstanden wertlos, uninspiriert und mit "altbackener Grandezza" versehen sind. Der erste Absatz mag ja teilweise stimmen, aber wann kommt es bitte vor, daß Beethovens Neunte zusammen mit Carmina Burana oder Schwanensee aufgeführt wird? Das kommt in der Realität nicht vor. Im zweiten Absatz wimmelt es von nicht nachvollziehbaren Beschreibungen wie "kakophones Chaos zu Beginn", "Melodien wie Würmer", "Klangfarben-Exzesse des Adagio" (was soll das sein?). Dann kommt die erste Vermarktungsattacke: "Erst die Neueinspielung mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen macht einem den Drive und die revolutionäre Sprengkraft der Neunten aber wieder klar". Aha. Jetzt wissen wirs endlich. Als ob es nie einen Toscanini, Furtwängler, Kleiber, Klemperer, Walter, Leibowitz, Schuricht, Reiner, Munch, Szell, Stokowski, Markevitch, Solti, Fricsay, Wand oder Gielen gegeben hätte wird hier eine durch Nichts untermauerte Behauptung aufgestellt, die einfach nur dreist und schlicht falsch ist. Mit Sätzen wie "Was der Deutsche Kammerchor an Lippenarbeit spart, macht die Kammerphilharmonie an agilem Charme wieder gut" erweist sich Luehrs-Kaiser als Dampfplauderer und Phrasendrescher sondergleichen, der sich für keine Peinlichkeit zu schade ist, wie die Phrase "grandioses Update mit Ewigkeitscharme" beweist. An dieser Stelle hätte ich mich fast übergeben... Paavo Järvi ist kein schlechter Dirigent und die Dt. Kammerphilharmonie kein schlechtes Orchester, aber diese Neunte ist beileibe nicht das Ereignis, zu dem Luehrs-Kaiser sie hier aufbläst. Es fehlt ihr schlichtweg die Durchschlagskraft eines Klemperer oder Stokowski. Ich hoffe, es sind noch nicht alle Spiegel-Leser so degeneriert, daß sie die Auslassungen eines Herrn Luehrs-Kaiser ernst nehmen.
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