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Begegnung mit Neil Young: "Wo ist denn heute der Protest?"

Aus Woodside berichtet Philipp Oehmke

Wer Neil Young treffen will, muss aufs Land fahren. Dort begegnet man einem alten Mann im Holzfällerhemd, der daran verzweifelt, dass es keine Protestikonen mehr gibt. Heute will der Althippie gar nicht mehr die Welt retten - sondern nur die Energiekrise lösen.

Der Weg hinaus zu Neil Young führt, wenig verwunderlich, zunächst hinaus aus der Stadt, denn die Stadt - und noch viel schlimmer, ihr Anhängsel: die Vorstadt - hat dieser so uramerikanisch wirkende Kanadier, der Young ist, nie leiden können. In einem seiner berühmtesten Lieder sang er von den "Thrashers", den Mähdreschern, die "breiter als zwei Fahrspuren" seien, wie sie als Boten der Zivilisation hereinbrechen in dieses, sein ursprüngliches Amerika. Und Young, wenn er das sang, trug manchmal Federn im Haar und die Ponchos der amerikanischen Ureinwohner.

Musiker Young: Zehn Songs in einer Woche
DDP

Musiker Young: Zehn Songs in einer Woche

Es geht also hinaus aus der Stadt gen Süden über eine viele Kilometer lange Straße, die Skyline Boulevard heißt. Tatsächlich lässt sich im Rückspiegel die sogenannte, gar nicht so imposante Skyline von San Francisco ausmachen, während der Boulevard sich Hügel hinauf und wieder hinunter schlängelt, kleine Seen umkurvt, gesäumt von den Hunderte von Jahren alten, teils 30, 40 Meter in den Himmel wachsenden Redwood-Bäume, die ab und zu den Blick freigeben auf den Pazifik, der da unten liegt. Auf den Straßen fahren jetzt Pick-up-Trucks, keine SUVs wie in den Vorstädten, es gibt immer weniger Häuser, ein paar Wanderer.

Neil Young soll in dieser Gegend in einer Bar warten, die "The Mountain House" heißt, die einzige hier, wohl seine Stammkneipe, denn er wohnt nur ein bisschen weiter die Straße hinunter. Vor dem "Mountain House" parkt Neil Youngs hellblaues, 26 Jahre altes Mercedes-Coupé. Da müsste man jetzt mal einen Blick hineinwerfen und nachsehen, welche CDs Neil Young beim Autofahren hört! Doch bevor es dazu kommt, ertönt von der Eingangstür her eine Stimme.

"Fährt mit Biodiesel", sagt die Stimme, die längst nicht so hell ist, wie man sie von den Platten kennt. Sie ist sogar ziemlich tief. Kann das Neil Young sein? Der Mann, der im Türrahmen steht, trägt eine schwarze Rundum-Sonnenbrille, ein Holzfällerhemd, eine Allzweckhose und Wanderstiefel. Zur Begrüßung lässt er die Brille einen Tick auf der Nase herunterrutschen, blickt über ihren Rand und sagt: "Hi, I’m Neil." Es ist der einzige Moment, in dem man Neil Youngs Augen sieht.

"Anpinkeln gegen den Wind"

Dass dies eine der schönsten Landschaften der Welt sei, sagt man Young, der ja immer wieder über die Adler, die Canyons und Berge und die Menschen dazwischen gesungen hat, sein mystisches, altes Amerika, das er liebt.

Es fehlen hier am Skyline Boulevard für den Bauernhoffan Young bloß die Farmen, aber ansonsten ist dies die Neil-Young-Welt, wie man sie sich vorstellt: sein Setting, von dem er auf Amerika guckt. Dieser Blick ist in den letzten Jahren wieder zorniger geworden, politischer.

Das hatte viele überrascht, denn in den siebziger Jahren hatte Young sich in seinen Liedern vehement losgesagt von seiner in den späten Sechzigern zementierten Rolle als Protestikone. Er hatte seine alten Hippiefreunde vor den Kopf gestoßen, als er verkündete, der politische Protest sei doch nur ein "Anpinkeln gegen den Wind" gewesen. Youngs Texte wurden rätselhafter, sie beschworen Amerika als Mythos. In den Achtzigern wurde sein gesamtes Schaffen komplett unverständlich, und in den Neunzigern wurde er zu jenem wilden Rocker, als den die meisten ihn heute kennen, mit den maßlos verzerrten Gitarren und den breiten Koteletten, der zusammen mit den Grunge-Rockern von Pearl Jam auftrat.

Aber plötzlich, im Jahr 2006, hat er "innerhalb einer Woche", wie er jetzt sagt, zehn Songs geschrieben gegen den Irakkrieg, für die Gefallenen und Trauernden, gegen die Regierung, für Amerika. "Living with War" hieß die Platte, und man hatte sie von Neil Young nicht erwartet. Um diese Platte im Sommer 2006 auch auf die Bühne bringen und mit den Amerikanern unmittelbar sprechen zu können, hat er David Crosby, Stephen Stills und Graham Nash wieder angerufen, seine alten Kumpel, Mitmusiker aus den Sechzigern, mit denen er immer wieder mal aufgetreten ist, sich immer wieder von ihnen getrennt, zerstritten und wieder versöhnt hat. Damals, 1969, waren Crosby, Stills, Nash & Young einer der ersten sogenannten Supergroups - Crosby von den Byrds, Nash von den Hollies und Stills und Young von Buffalo Springfield -, und schnell galten sie als die Stimme der Hippie-Generation, die sie nie sein wollten, zumindest Young nicht.

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