Neues Album von den Beginnern Ausgefuchst

Nach 13 Jahren veröffentlicht die Hamburger Rap-Crew Beginner ein neues Album. Mit "Advanced Chemistry" huldigt das Trio dem Deutschrap der Neunziger. Viel mehr passiert auf der Platte leider nicht.

Musiker Jan Eißfeldt (Eizi Eiz, von links), Dennis Lisk (Denyo) und Guido Weiß (DJ Mad)
DPA

Musiker Jan Eißfeldt (Eizi Eiz, von links), Dennis Lisk (Denyo) und Guido Weiß (DJ Mad)

Von Maurice Summen


Eine typische Familiensituation in Prenzlauer Berg im Sommer 2016. Begegnung der Generationen am Kühlschrank: "Mein Sohn, wie gefällt dir eigentlich das Comeback von den Beginnern?" Der Teenager hebt seinen Blick nicht vom Smartphone, wo er gerade in der Twitter-Applikation herumscrollt, während er geschickt mit der anderen Hand einen Apfel unter dem Wasserhahn wäscht.

"Nichts von mitbekommen!", erwidert er leicht angenervt.

"Aber die haben doch im ersten Track 'Ahnma' auch diesen krassen Rapper Gzuz gefeatured! Den kennst du doch bestimmt!"

"Gzus und die 187 Strassenbande mag ich nicht besonders."

"Ah, ok, aber die Beginner haben doch neulich auch auf dem Splash!-Festival gespielt, da warst du doch auch".

"Da habe ich mir wohl was anderes angeschaut."

Gesprächsende. Vater rührt weiter im Topf mit der vegetarischen Bolognese.

Sohn verschwindet in seinem Zimmer samt Smartphone und Apfel und aus seinen Computerboxen erklingt wenig später ein neues Stück vom Cloudrapper LGoony.

Jetzt ist Papa der derbe Experte!

Tja, man hat es es nicht leicht als Ü40-Familienvater, selbst immer noch um cooles Wissen bemüht, am Puls der Zeit zwischen Facebook-Timeline, Spotify-Mix-Der-Woche und Feuilleton-Empfehlungen. Gut, Snapchat, da ist man jetzt endgültig draußen, aber wenn jemand mal etwas richtig Witziges bei Twitter postet, das retweeted man dann schon mal und hashtaged selbst gerne den Quatsch der Woche.

Da passt es einem gerade ganz gut in den Digi-Kram, dass Hamburgs selbsternannte Hip-Hop-Füchse Jan Delay, Denyo und DJ Mad a.k.a. die Beginner nach 13 Jahren zurück auf die Karte bei Google-Maps rücken. Tja, jetzt ist Papa mal der derbe Experte!

Beginner-Konzert beim Deichbrand Festival 2016
imago/ Manngold

Beginner-Konzert beim Deichbrand Festival 2016

Beginner zu hören, das war damals in den Neunzigerjahren ein bisschen so, wie den Beastie Boys zu lauschen: Cooles Wissen, funky Samples und vor allem Delays Krähenstimme mit bekifftem, wortverliebten Pennäler-Humor hielten plötzlich Einzug in der comfort zone called Mittelschicht.

Mit dem Song "Liebeslied" brachten sie die Musik des vergessenen Soulmusikers Shuggie Otis auf die Bravo-Hits-Sampler und waren stets der "hammerharte" Akt, auf den sich fernsehgesteuerte Viva-Kids genauso einigen konnten, wie die Nerds mit "Spex" im Abo. Damals sprach auch noch niemand von Deutschrap, weil das Hip-Hop-Game bekanntermaßen aus Amerika kam und man als Rapper selbstverständlich politisch links und antifaschistischen Organisationen sehr nahe stand: Bambule!

Die eigene Biografie am Laptop feiern

Deutschland war für immer und ewig das Land mit dem furchtbaren Holocaust-Erbe, wobei es anfänglich ja extrem umstritten war, überhaupt in der eigenen, nicht besonders gut fließenden Muttersprache zu rappen. "Fremd im eigenen Land" hieß 1992 ein explizit antifaschistischer Track von der Rap-Crew Advanced Chemistry aus Heidelberg mit dem deutsch-haitischen Rapper Torch. Der Song kursierte damals auf allen möglichen Mixtapes. Auch bei Leuten, die sonst eher No Means No hörten. Oder die Bad Brains.

Nun trägt das Comeback-Album der Beginner - welches insgesamt erst ihr viertes ist - tatsächlich den Titel "Advanced Chemistry". Eine Reminiszenz an die Geburtsstunde des deutschsprachigen, haltungsbewussten Hip-Hops also, jener Musik, über die der Jugendliche von heute eben ganz selbstverständlich als "Deutschrap" spricht.

Cover des Albums "Advanced Chemistry"
DPA

Cover des Albums "Advanced Chemistry"

Nach den kolossal gefloppten Soloalben von Denyo und dem eher verunglückten Rock-ohne Rock-Album "Hammer und Michel" von Jan Delay freute man sich als Hip-Hop-Daddy dieser Tage vor allem über die zweite Vorab-Single "Es war einmal".

Im dazugehörigen Video von Regisseur David Aufdembrinke rollen die Beginner die Hip-Hop-Geschichte der eigenen Generation nochmal komplett auf. Die Cameo-Auftritte von Oliver Kalkofe über Olli Dittrich bis H.P. Baxxter lassen den Ü-40-YouTube-Nutzer schenkelklopfend die eigene Biografie am Laptop feiern, während der eigene Zögling mal wieder so gut wie gar nichts damit anfangen kann. Ein kurzes "Ahnma" bei den Performances von Deichkind oder Jan Böhmermann - aber die zählen längst zum Mainstream, keine Entdeckung mit der man im Freundeskreis punkten könnte. Dann doch schon lieber ein paar Traumatos fangen bei Pokémon Go!

Stadtmarketing für Hamburg-City

Aber die Beginner legen sich mächtig ins Zeug: Sie spielen auf "Advanced Chemistry" mit allem, was sich seit dem Vorgänger-Album "Blast Action Heros" ereignet hat im gewachsenen Hip-Hop-Geschäft zwischen Jugendzimmer und Festivalbühne: hustensaftgeschwängerte Trap-Beats, Grime- und Dubstep nach Rezeptur des erfolgreichen US-Produzenten Diplo, Saufsignal-Electro à la Deichkind und immer mal wieder ein Pop-Piano, das einen aber vor allem an die goldene Zeit vom "Liebeslied" denken lässt, als Jan "Eizi Eiz" Eißfeldt im Handumdrehen P.I.L.'s "This is not a Love Song" in den Hip-Hop überführte.

Im Video: "Es war einmal" von den Beginnern

Nur die lückenfüllenden, generationsverbindenden Inhalte und Songideen findet Papa in seinem Generation-Gap-Blues auf "Advanced Chemistry" - abgesehen von einer sich durch das Album ziehenden funky good time - am Ende leider nicht. Im Grunde erfährt er nur, dass die Beginner schon da waren, als die eigenen Kinder (und potenziellen neuen Konsumenten) sich gerade mal im Hip-Hop-Hoden befanden, dass die Beginner schon immer "Anders als die anderen Anderen" sind - immer die derbsten! - und dass man sich als alter Vinylosaurus von Zeit zu Zeit eben schwer tut mit den neuen, digitalen Medien.

Und festzustellen ist vor allem: Die Beginner machen auf dieser Platte so viel Werbung für Hamburg-City, dass sich das Stadtmarketing der alten Hansestadt vielleicht doch mal überlegen sollte, "Derbe!" als Claim zu übernehmen.

Im Saufblues des Songs "Kater" fragt man sich dann eigentlich nur noch, wer sich hier noch angesprochen fühlen soll: Die eigenen Kinder, die an ihre letzte verheimlichte Alkoholvergiftung denken, oder etwa doch eher die Hip-Hop-Eltern, die sich morgens in der Firma ärgern, am Abend zuvor einen Gin-Tonic zu viel gehoben zu haben. Zu befürchten: Beide Seiten trinken lieber ohne die neue Beginner-Scheibe weiter.

Und sowieso klar: Gekifft wird heute an allen Fronten! Vom Lehrerkollegium bis ins Gangsterrap-Mileu. Bei den Beginnern sowieso. Und in Zeiten, in denen ein Rapper wie Xatar nicht nur mit dem Rapper Haftbefehl kollaboriert, sondern tatsächlich auch per Haftbefehl gesucht wird, möchte man seine Kinder natürlich lieber vertrauensvoll in die lieben Hände der Beginner geben.

Aber natürlich rappt Haftbefehl auch auf "Advanced Chemistry", so wie Megaloh, Samy Deluxe und Dendemann, von dem es ja bald gerüchteweise ein neues Eins-Zwo-Album geben soll. Naja, vielleicht klappt's ja dann damit, also das Ding mit der derben Generationenverständigung im deutschen Mittelstandshaushalt, Digga!

Das Album "Advanced Chemistry", ab dem 26.08.2016, bei Vertigo Berlin (Universal Music)



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
niska 25.08.2016
1.
Was man bisher davon gehört hat fühlt sich gut an. Man fühlt sich 20 Jahre jünger. Hatte ja gehofft, dass darauf etwas mehr collabomäßig von Torch und Toni-L zu hören ist. Dass eins zwo zurückkommen sollen freut auch. Obwohl die Dendemann Solo Sachen auch gut waren.
Metternich 25.08.2016
2. Kopien?
Wenn ich mir die Jungs so ansehe, kommt mir gleich Kierkegaard in den Sinn, der sagte: Alle Menschen werden als Original geboren, die meisten sterben als Kopie. Das gilt wohl auch für die Popmode, für die Popmusik. Wo bleibt das Eigenständige?
niska 25.08.2016
3.
Zitat von MetternichWenn ich mir die Jungs so ansehe, kommt mir gleich Kierkegaard in den Sinn, der sagte: Alle Menschen werden als Original geboren, die meisten sterben als Kopie. Das gilt wohl auch für die Popmode, für die Popmusik. Wo bleibt das Eigenständige?
Die ham schon vor 20 Jahren so ausgesehen. Geht das bei Ihren strengen Maßstäben an die Kleiderordnung als eigenständig durch, wenn man sich selbst "kopiert" bzw. treu bleibt?
holla,diewaldfee 25.08.2016
4. Als 90er Jahre Punkrocker...
...der dem HipHop gegenüber damals, aus Gruppenzugehörigkeit, eher skeptisch war, kann ich heute frank und frei sagen: Ich freu mich auf das neue Beginner-Album!!! (und zum glück gibts auch was neues von WIZO) Gute alte, verzeihung: derbe alte Zeit.
axel-rehder 25.08.2016
5. Am Elbstrand...
...an einem lauen Sommerabend 2016 passen die Beginners hervorragend und generationsübergreifend. Den Anfang von Ahnma voll aufdrehen und jeder denkt, die QM2 kommt um die Ecke. Klappt allerdings nicht in Berlin am P-Berg
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